Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Fünfte Homilie. Über die Muße, den Propheten Jonas und die drei Knaben im Feuerofen. Gehalten zum Eingang in die heil. Fastenzeit.

3.

Jedoch kehren wir zur Geschichte zurück. „Als aber der Prophet diese Worte vernahm, ging er nach Joppe hinab, um vor dem Angesichte des Herrn nach Tharsis zu fliehen.“1 Wohin fliehst du, o Mensch? Hast du nicht den Propheten gehört, der da spricht: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geiste, und wohin soll ich mich flüchten vor deinem Angesichte?“2 In die Erde? „Aber die Erde ist des Herrn und ihre Fülle.“3 In die Hölle? „Wenn ich in die Hölle hinabsteige,“ heißt es, „bist du da.“4 In den Himmel? „Aber wenn ich in den Himmel hinaufsteige, bist du dort.“5 Auf das Meer? „Auch dort,“ heißt es, „wird mich deine Rechte festhalten.“ Und das widerfuhr ihm. Aber so geht es mit der Sünde: sie stürzt unsere Seele in große Thorheit. Denn wie Diejenigen, die einen schweren Kopf haben und vom Weine berauscht sind, unbedachtsam und unvor- [S. 414] sichtig umhertaumeln und, mag auch ein Abgrund, mag auch eine jähe Höhe oder irgend etwas Anderes da sein, sorglos hineinfallen; so ist es mit denen, die in die Sünde stürzen: gleichsam berauscht von der Begierde zu sündigen wissen sie nicht, was sie thun; sie haben weder die Gegenwart, noch die Zukunft vor Augen. Sage mir, du fliehst vor dem Herrn? Gedulde dich nur ein wenig, und du wirst durch den Erfolg belehrt werden, daß du nicht einmal dem Meere, das ihm geborcht, zu entfliehen vermagst. Denn kaum hatte er das Schiff bestiegen, so erhob die See ihre Wogen und trug sie zu einer gewaltigen Höhe empor. Und wie eine treue Magd, die einen Mitknecht auf der Flucht findet, der von den Gütern des Herrn Etwas entwendet hat, nicht von seiner Seite weicht und tausend Hindernisse denen, die ihn aufnehmen, in den Weg legt, bis sie ihn erwischt und zurückgebracht hat; ebenso fand und erkannte das Meer seinen Mitknecht und verursachte den Schiffern tausend Hindernisse: es stürmte, es brauste, nicht um ihn vor Gericht hinzuschleppen, sondern es drohte, das Schiff sammt der Mannschaft in den Abgrund zu schleudern, woferne es ihm seinen Mitknecht nicht auslieferte. Was thaten nun die Schiffer bei diesem Ereigniß? „Sie warfen,“ heißt es,6 „die Geräthe, die auf dem Schiffe waren, in’s Meer; allein das Schiff wurde nicht leichter;“ denn noch lag die ganze Last auf ihm, die Person des Propheten, die schwere Last, nicht wegen der Schwere der Person, sondern wegen der Größe der Sünde; denn Nichts ist so schwer und unerträglich als Sünde und Ungehorsam. Deßwegen stellt sie auch Zacharias7 unter dem Bilde eines Klumpen Blei vor; David8 aber schildert ihre Natur mit den Worten: „Meine Missethaten haben mein Haupt überschritten, und sie sind schwer geworden über mir, wie eine schwere Last.“ Christus aber rief Denen, welche in vielen Sünden lebten, zu: „Kommet Alle zu mir, die ihr mit Mühe und Arbeit beladen seid, und [S. 415] ich will euch erquicken.“9 Die Sünde beschwerte also auch das Schiff und hätte es versenken müssen: Jonas aber lag unten im Schiffe und schlief. Es war ein schwerer, aber kein süßer, sondern ein trauriger Schlaf, in den er nicht aus Schläfrigkeit, sondern aus Schwermuth gefallen; denn rechtschaffene Knechte empfinden es bald, wenn sie gefehlt haben. Das widerfuhr auch ihm; denn nach vollbrachter Sünde fühlte er das Drückende derselben; denn das ist die Natur der Sünde: wenn sie geboren ist, so erregt sie der Seele, die sie geboren, Wehen und Schmerzen gegen das Gesetz unserer Geburt; denn sobald wir geboren sind, haben die Geburtsschmerzen der Mutter ein Ende; kaum ist aber die Sünde begangen, so zerfleischt sie mit Schmerzen die Gedanken, die sie geboren.

Was thut nun der Schiffsherr? „Er geht zu ihm hin,“ heißt es,10 „und sagt: Steh’ auf und rufe Gott, deinen Herrn an.“ Er wußte nämlich aus Erfahrung, daß Dieß kein gewöhnlicher Sturm, sondern ein Schlag sei, den die Hand Gottes geführt; daß die Wellen größer seien, als daß menschliche Hilfe sie bezwänge, und daß die Hände des Steuermannes Nichts auszurichten vermöchten. Denn hier war die Hilfe eines höhern Steuermannes nöthig, die Hilfe dessen, der die ganze Welt regiert, der Beistand von oben. Deßhalb verließen sie auch Segel, Ruder, Seile und Alles, hoben ihre Hände zum Himmel und flehten zu Gott. Da aber auch dieses Nichts half, so warfen sie, heißt es, das Loos, und das Loos verrieth sofort den Schuldigen. Sie griffen ihn aber auch so nicht augenblicklich und warfen ihn in’s Meer, sondern hielten während dieses gewaltigen Sturmes und Wetters, als genössen sie tiefer Ruhe, auf dem Schiffe Gericht, gestatteten ihm zu reden und sich zu vertheidigen und untersuchten Alles mit Sorgfalt, gleichsam als müßten sie Jemanden Rechenschaft geben von ihren Beschlüssen. Höre sie nur, wie sie in dem Gerichte Alles erforschten. [S. 416] Was ist dem Gewerbe? Woher kommst du? Wohin gehst du? Und von welchem Lande und Volke bist du? Das Meer klagte ihn an durch sein Brausen, das Loos verdammte und verurtheilte ihn; aber ob auch das Meer brauste, das Loos gegen ihn zeugte, sprachen sie das Urtheil doch nicht sogleich, sondern wie im Gerichte die Richter trotz der anwesenden Kläger, der vorhandenen Zeugen und erbrachten Beweise das Urtheil nicht eher fällen, als bis der Angeklagte selbst seines Verbrechens geständig wird: so beobachteten auch diese Schiffer, ungebildete und unwissende Leute, die bei den Gerichten übliche Form, obgleich sie eine solche Furcht, ein solches Gewoge, ein solcher Stmm bedrängte, und ihnen das Meer kaum vergönnte, Athem zu schöpfen, — so tobte und wüthete es, so brüllte es und schleuderte beständig die Wogen empor. Woher also eine solche Vorsicht gegen den Propheten, meine Geliebten? Von der Weisheit Gottes; denn Gott ließ dieses geschehen, um den Propheten dadurch zu mahnen, menschenfreundlich und gütig zu sein: es war, als riefe er ihm zu und spräche: Folge dem Beispiele der Schiffer, dieser unwissenden Männer; sie achten ja nicht eine Seele gering und schonen einen einzigen Leib, den deinigen, und du hast eine ganze Stadt mit soviel tausend Bewohnern, soviel an dir ist, der Gefahr ausgesetzt. Sie wissen, daß du die Ursache des Unglückes bist, das sie getroffen, und doch stürmen sie nicht mit dem Urtheile der Verdammung auf dich los; du aber hast gegen die Niniviten keinen Grund zur Beschwerde und stürzest sie in’s Elend und Unglück. Ich habe dir den Auftrag gegeben hinzugehen und sie durch die Predigt zum Heile zurückzuführen, und du hast nicht gehorcht; sie, ohne Jemand zu hören, thun Alles und wagen Alles, um dich Schuldigen von der Strafe zu befreien. Denn obgleich ihn das Meer anklagte, das Loos gegen ihn zeugte, er sich selbst schuldig bekannte und seine Flucht eingestand; so stürzten sie doch nicht über den Propheten her, um ihn zu tödten, sondern warteten ruhig und gaben sich Mühe und unternahmen Alles, um ihn nicht, nachdem doch die Schuld so offen am Tag lag, dem stürmenden Meere zu opfern. [S. 417] Aber das Meer, oder vielmehr Gott ließ dieses nicht zu, indem er ihn, wie durch die Schiffer, so durch den Wallfisch bessern wollte. Denn als sie hörten: „Nehmet mich und werft mich in’s Meer, und das Meer wird von euch ablassen,“11 so suchten sie an’s Land zu kommen, aber die Fluthen ließen es nicht zu.

1: Jon. 1, 3.
2: Ps. 136, 7.
3: Ps. 23, 1.
4: Ps. 138, 8.
5: Ps. 138, 10.
6: Jon. 1, 5.
7: Zach. 5, 7.
8: Ps. 37, 5.
9: Matth. 11, 28.
10: Jon. 1, 6.
11: Jon. 1, 12.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über die Buße
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie von ...
. Zweite Homilie von ...
. Dritte Homilie. Von ...
. Vierte Homilie über ...
. Fünfte Homilie. Über ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Sechste Homilie von ...
. Siebente Homilie über ...
. Achte Homilie über ...
. Neunte Homilie über ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger