Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Fünfte Homilie. Über die Muße, den Propheten Jonas und die drei Knaben im Feuerofen. Gehalten zum Eingang in die heil. Fastenzeit.

2.

Siehst du, wie Gott zürnet, wenn man das Fasten verachtet? Lerne nun auch, wie er sich freut, wenn man es ehrt. Denn wie er den Verächter desselben mit dem Tode bestraft hat, so hat er seine Verehrer vom Tode zurückgerufen. Denn um dir die Kraft desselben zu zeigen, gab er ihm Macht, nach gesprochenem Urtheile, nach der Abführung zum Tode die Abgeführten mitten vom Wege wegzunehmen und sie zum Leben zurückzuführen; und diese Kraft zeigte es nicht an zwei oder drei oder zwanzig Personen, sondern an einem ganzen Volke, an der großen und bewunderungswürdigen Stadt der Niniviten, die auf den Knieen lag, ihr Haupt schon zum Verderben neigte und den von oben geführten Streich erwartete: da flog, gleich einer höhern Macht, das Fasten hernieder, entriß sie dem Rachen des Todes und führte sie zum Leben zurück. Nun, wenn es euch angenehm ist, wollen wir die Geschichte selbst hören. „Es geschah,“ heißt es, „das Wort des Herrn zu Jonas: Mache dich auf und geh’ in die große Stadt Ninive.“1 Gott wollte gleich durch die Größe der Stadt den Propheten bewegen, dessen künftige Flucht er vorher sah. Hören wir aber, was er predigen sollte: „Noch drei Tage, und Ninive wird untergehen.“2 Warum läßt du das Unglück, das du verhängen willst, vorherverkünden? Um das, was ich verkünde, nicht ausführen zu müssen. Deßhalb hat er auch mit der Hölle gedroht, damit er Niemand in die Hölle verstoße. Lasset euch, spricht er, durch die Worte erschrecken, damit euch ihre Erfüllung nicht ängstige. Warum beschränkt er aber die gegebene Frist auf einen [S. 412] so kurzen Zeitraum? Damit du einerseits die Tugend der Barbaren kennen lernest, nämlich der barbarischen Niniviten, welche einen so gewaltigen Zorn ob ihrer Sünden in drei Tagen zu besänftigen vermochten; damit du andererseits die Güte Gottes bewunderst, der sich mit einer dreitägigen Buße für so große Sünden begnügte; und damit du selbst nicht der Verzweiflung anheimfällst, wenn du auch tausendmal gesündiget hättest. Denn wie eine träge und nachlässige Seele, obwohl sie eine lange Frist zur Buße erhält, nichts Großes leistet und aus Fahrlässigkeit sich mit Gott nicht versöhnt: so kann hinwieder Derjenige, der eifrig ist und voll Lebhaftigkeit und voll Feuer Buße wirkt, in ganz kurzer Zeit die Sünden vieler Jahre austilgen. Hat Petrus (den Herrn) nicht dreimal verläugnet?3 Und das dritte Mal nicht mit einem Schwure? Fürchtete er nicht die Worte einer unbedeutenden Magd? Wie nun? Bedurfte er vieler Jahre zur Buße? Keineswegs; sondern in derselben Nacht fiel er und stand wieder auf, wurde verwundet und geheilt, wurde krank und wieder gesund. Wie und auf welche Weise? Er weinte und seufzte; aber er weinte nicht einfach, sondern mit großem Eifer und vieler Rührung, und deßhalb sagte der Evangelist auch nicht einfach: Er weinte, sondern: „Er weinte bitterlich.“4 Und welche Kraft jene Thränen gehabt, vermag keine Rede zu schildern; aber der Erfolg zeigt es zur Genüge. Denn nach diesem schweren Falle — und welches Verbrechen ist größer als die Verleugnung? — nach diesem großen Verbrechen hat ihn der Herr dennoch in seine vorige Würde eingesetzt und die Aufsicht über die ganze Kirche in seine Hände gelegt; und das Allerwichtigste ist: Petrus zeigte uns, daß er zum Herrn eine größere Liebe als alle Apostel gehabt; denn es heißt: „Petrus, liebst du mich mehr, als diese?“5 Keine Tugend kann mit der in Vergleich kommen. Damit du aber ja nicht behauptest, Gott habe den Niniviten [S. 413] als barbarischen und ungebildeten Leuten, billig verziehen— „denn ein Knecht,“ heißt es,6 „der den Willen seines Herrn nicht kennt und nicht darnach handelt, wird wenige Schläge erhalten“ — damit du also das nicht behauptest, führte ich den Petrus an, der den Willen des Herrn ganz wohl wußte; allein er sündigte, ja beging die größte Sünde, und dennoch siehe, zu welcher Höhe des Vertrauens er aufstieg! Verzage also auch du nicht, wenn du gesündiget hast; denn schlimmer als die Sünde ist das Verharren in der Sünde, und schlimmer als der Fall sich nicht erheben vom Falle. Das beweint und beklagt auch Paulus und nennt es bejammerungswürdig, indem er sagt: „Damit mich Gott nicht, wenn ich zu euch komme, demüthige, und ich Viele betrauern muß, nicht nur, die einfach gesündiget haben, sondern nicht Buße gethan für ihre Ausschweifung, Unreinigkeit und Hurerei, die sie getrieben.“7 Welche Zeit ist aber zur Buße geeigneter, als die Fastenzeit?

1: Jon. 3, 1.
2: Die LXX haben diese Lesart; die Vulgata, nach dem Hebräischen, hat: quadraginta dies, d. i. 40 Tage.
3: Matth. 26, 69. 70.
4: Ebendas. 26, 75.
5: Joh. 21, 15.
6: Luk. 12, 48.
7: II. Kor. 12, 21.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über die Buße
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie von ...
. Zweite Homilie von ...
. Dritte Homilie. Von ...
. Vierte Homilie über ...
. Fünfte Homilie. Über ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Sechste Homilie von ...
. Siebente Homilie über ...
. Achte Homilie über ...
. Neunte Homilie über ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger