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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Fünfte Homilie. Über die Muße, den Propheten Jonas und die drei Knaben im Feuerofen. Gehalten zum Eingang in die heil. Fastenzeit.

1.

Heute begehen wir eine glänzende Feier und die Versammlung ist festlicher, als gewöhnlich. Was ist wohl die [S. 409] Ursache davon? Das ist die vortreffliche Wirkung der Fasten, nicht der gegenwärtigen, sondern der nur erwarteten. Denn sie hat uns in das väterliche Haus versammelt; sie hat auch diejenigen, die früher etwas nachlässig waren, heute zur Mutterhand zurückgeführt. Wenn nun aber die nur erwartete Zeit in uns einen solchen Eifer erregte, welche Andacht wird sie in uns erst erwecken, wenn sie erscheint und da ist? So erwacht auch eine Stadt aus all ihrer Trägheit und entwickelt einen großen Eifer, wenn ein gefürchteter Herrscher seinen Einzug zu halten gedenkt. Aber fürchtet euch nicht, wenn ihr von der Fastenzeit hört, als wäre sie ein strenger Gebieter; denn nicht für uns ist sie furchtbar, sondern für die dämonischen Wesen. Denn wenn Jemand mondsüchtig ist,1 so zeige ihm nur das Antlitz eines Fastenden, er wird von Furcht — erfaßt unbeweglicher als selbst Steine dastehen und als wäre er in Bande geschlagen, besonders, wenn er sieht, daß mit dem Fasten das Gebet sich verbindet als Schwester und Gefährtin. Deßwegen sagt auch Christus: „Diese Art wird nicht ausgetrieben, als durch Gebet und Fasten.“2 Da also das Fasten die Feinde unseres Heiles so abwehrt, und sich die Widersacher unseres Lebens so sehr davor fürchten, so müssen wir dasselbe hochschätzen und lieben, nicht aber uns, davor scheuen. Denn wenn wir je Etwas fürchten müssen, so dürfen wir nicht das Fasten, sondern dic Trunkenheit und Völlerei fürchten. Denn diese bindet uns die Hand auf den Rücken und überantwortet uns der Tyrannei der Laster, einer harten Herrin, und macht uns zu Sklaven und Gefangenen. Das Fasten hingegen, das uns als Gefangene und Sklaven vorfindet, löst uns die Bande, befreit uns von der Tyrannei und führt uns zur vorigen Freiheit zurück. Weil es nun sowohl unsre Feinde bekämpft, der Sklaverei uns entreißt und uns zur Freiheit zurückführt: was suchen wir nach einem andern grössern Beweis von Gottes Freundschaft zu unserm Geschlechte? [S. 410] Denn das ist doch der größte Beweis der Liebe, wenn er die liebt, die wir lieben, und die haßt, die wir hassen. Willst du wissen, welcher Schmuck das Fasten für die Menschen sei? Welcher Schutz und Schirm? Erinnere dich an die Einsiedler, diese glücklichen und bewunderungswürdigen Männer. Denn diese entzogen sich dem Lärm der Welt, eilten auf die Höhen der Berge und schlugen ihre Hütten in der Stille der Einsamkeit auf, wie in einem ruhigen Hafen, und wählten sich das Fasten für immer zum Freunde und Genossen des Lebens. Das hat sie denn auch aus Menschen zu Engeln gemacht, allein nicht nur sie, sondern auch Alle in den Städten, die sich davor nicht entsetzten und dadurch den höchsten Grad der Weisheit erreicht haben. Denn auch Moses und Elias, die Thürme der Propheten im alten Bunde, die auch durch andere Thaten groß und berühmt waren und ein großes Gottvertrauen besaßen, nahmen ihre Zuflucht zum Fasten, wenn sie Gott nahen und mit ihm, so weit es einem Menschen möglich ist, reden wollten, und an der Hand desselben wurden sie zu Gott hingeführt. Als daher Gott im Anfange den Menschen schuf, so empfahl er ihn sogleich der Hand des Fastens, als einer liebvollen Mutter und der besten Lehrmeisterin, und legte so dessen Heil in ihre Hand. Denn eine Art Fasten ist es, wenn es heißt: „Von jedem Baume des Paradieses wirst du essen; aber vom Baume der Erkenntniß des Guten und Bösen sollt ihr nicht essen.“3 Wenn aber das Fasten im Paradiese nothwendig war, so ist es dieß noch weit mehr ausser demselben. War es vor der Verwundung ein wirksames Heilmittel, so ist es Dieß um viel mehr nach derselben. Wenn die Waffe des Fastens uns schützte, ehe der Krieg der Begierden entbrannte, so bedürfen wir derselben noch weit mehr, nachdem die bösen Geister die Begierden zu einem so gewaltigen Kampfe gegen uns losgelassen haben. Hätte Adam dieser Stimme gehorcht, so hätte er nicht die zweite gehört, die da lautet: „Du bist [S. 411] Staub und sollst wieder zu Staub werden.“4 Weil er aber diese überhörte, so kam der Tod, die Sorgen, die Mühen, die Traurigkeit und ein Leben, schlimmer als jeglicher Tod. Daher kommen Dornen und Disteln, daher Arbeit und Schmerz und ein Leben voll Mühsal.

1: Matth. 17, 14.
2: Ebend. V. 20.
3: Gen. 2, 16. 17.
4: Gen. 3, 19.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger