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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Vierte Homilie über die Buße und das Gebet.

3.

Das sagte ich damals zu euch und sag’ es auch jetzt und durch euch den Andern. Ahmen wir die Heiligen nach, die weder durch Trübsal gebeugt, noch vom Glücke übermüthig geworden sind, was jetzt Vielen von uns widerfährt. Es geht uns wie leichten Kähnen, die von jedem Sturm der Wellen erfaßt werden und versinken. Denn oft schon hat uns die Armuth, die uns drückte, überflutet und uns Schiffbruch gebracht; und kam dann der Reichthum, so blähte er uns wieder auf und stürzte uns in die äusserste Fahrlässigkeit. Deßhalb bitte ich: laßt uns Alles hintansetzen und unsere Seelen in die geeignete Stimmung versetzen, damit Jeder von uns gerettet werde. Denn wenn es damit gut steht, mag ein Übel kommen, welches da will, sei es Hunger, sei es Krankheit, sei es Verleumdung, sei es Verlust der Habe, oder irgend ein anderes Unglück: es wird erträglich und leicht sein wegen des Gebotes des Herrn und der Hoffnung auf ihn. Wo sich aber die Seele nicht in einer Gott wohlgefälligen Stimmung befindet, mag auch der Reichthum von allen Seiten herbeiströmen, mögen Kinder da sein, mag der Genuß unzähliger Schätze zu Gebote stehen, ein solcher wird dennoch tausend Plagen und Sorgen auf sich laden. Suchen wir also nicht Reichthum, fliehen wir nicht vor der Armuth, sondern kümmern wir uns männiglich vor Allem um unsere Seele, damit wir sie recht einrichten, sowohl für das gegenwärtige Leben, als auch für die Reise in die Ewigkeit. Denn es dauert nur eine kleine Weile, und ein Jeder aus uns wird Rechenschaft ablegen müssen, und wenn wir alle vor dem schrecklichen Richterstuhl Christi stehen, umgeben von unsern Thaten, dann werden wir mit eigenen Augen hier die Thränen der Waisen, dort die schändlichen Ausschweifungen, mit denen wir unsere Seele befleckten, hier die Seufzer der Wittwen, dort die Mißhandlung der Dürftigen und die Beraubung der Armen erblicken, und nicht allein Das, und was diesem gleichsieht, sondern auch jeglichen Fehler, den [S. 402] wir im Herzen begangen; denn „Er ist der Erforscher der Gedanken und der Richter der Gesinnung,“1 und wiederum: „Er prüft Herzen und Nieren“2 und „vergilt einem Jeden nach seinem Werke.“3 Dieses sage ich aber nicht bloß zu Denen, welche ein geschäftiges Weltleben führen, sondern auch zu Denen, die ihre Hütten auf den Bergen aufschlugen, um ein einsames Leben zu führen, weil solche nicht bloß ihre Leiber rein bewahren sollen von befleckender Unzucht, sondern auch ihre Seele von aller satanischen Habsucht. Denn der Apostel Paulus redet nicht nur die Weiber, sondern auch die Männer und die ganze Kirche an, wenn er spricht,4 daß eine Seele, die eine Jungfrau sein will, sowohl am Leibe als an der Seele keusch sein müsse. Und wieder: „Zeiget eure Leiber als reine Jungfrau.“5 Wie aber als reine? „Die keine Makel und keine Runzel hat.“6 So waren auch jene Jungfrauen mit den ausgelöschten Lampen wohl dem Leibe, aber nicht der Seele nach reine Jungfrauen. Obgleich sie kein Mann geschwächt hatte, hatte sie doch die Liebe zum Gelde entehrt; ihr Körper war rein, ihre Seele aber voll Unzucht, indem sie von bösen Gedanken, von der Liebe zum Gelde, von Unbarmherzigkeit und Zorn und Neid und Trägheit und Nachlässigkeit und Hochmuth erfüllt waren, was Alles den Glanz ihrer Jungfräulichkeit verfinsterte. Und deßhalb spricht Paulus, „daß die Jungfrau heilig sei dem Leibe und der Seele nach,“7 und wieder: „eine reine Jungfrau Christo entgegen zu bringen.“8 Denn wie der Leib von Unkeuschen entehrt wird, so wird auch die Seele von lasterhaften Gedanken, von irrigen Lehren, von unheiligen Vorstellungen befleckt. Denn wer da sagt: „Ich bin Jungfrau dem Leibe nach,“ in der Seele aber den Bruder beneidet, der ist keineswegs Jungfrau; denn die Makel des Neides hat seine Jungfrauschaft zu Grunde ge- [S. 403] richtet. Ebenso wenig ist Der, welcher dem Ehrgeize fröhnt, eine Jungfrau; denn die Liebe zur Mißgunst (gegen Andere) hat seine Jungfrauschaft zum Falle gebracht. Denn sobald er diese Leidenschaft in seine Seele eindringen läßt, vernichtet er ihre Jungfräulichkeit. Wer aber seinen Bruder haßt, der ist eher ein Mörder, als eine Jungfrau. Deßwegen verbannt Paulus alle diese lasterhaften Verbindungen9 und heißt uns reine Jungfrauen sein in dem Sinne, daß wir keinen Gedanken aufnehmen, welcher der Reinheit entgegen ist.

1: Hebr. 4, 12.
2: Ps. 7, 10.
3: Matth. 16, 27.
4: I. Kor. 7, 34.
5: II. Kor. 11, 2.
6: Ephes. 5, 27.
7: I. Kor. 7, 34.
8: II. Kor. 11, 2.
9: Πονηρὰς μίξεις, d. h. die Verbindungen der Sünde mit der Seele.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger