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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Vierte Homilie über die Buße und das Gebet.

2.

Damit wir also bei allen widrigen Zufällen den Muth nicht verlieren, wollen wir auf die Geschichten der Schrift sorgfältig bedacht sein; denn wir werden darin vielen Grund zur Geduld finden und durch die Gemeinschaft mit Jenen, die das Gleiche erduldet, nicht nur getröstet, sondern wir werden auch lernen, wie wir von den Leiden, die uns drücken, befreit werden, damit wir nach erlangter Ruhe im frühern Zustande verharren und weder in Trägheit versinken noch von Hochmuth uns aufblasen lassen. Denn daß wir im Unglück uns demüthigen und erniedrigen und viel Frömmigkeit zeigen, das ist gar nicht zu bewundern; denn das ist die Natur der Versuchung, daß sie selbst Die, welche ein steinernes Herz haben, dieses aus Betrübniß zu thun zwingt; allein das ist ein Beweis einer frommen Seele, die Gott stets vor Augen hat, wenn sie auch von der Versuchung befreit seiner nimmer vergißt, was die Juden immer gethan haben. Deß- [S. 399] halb tadelt sie auch der Prophet mit den Worten: „Wenn er sie tödtete, suchten sie ihn und kehrten um und kamen des Morgens zu Gott.1 Auch Moses wußte Das und ermahnte sie oft mit den Worten: „Wenn du gegessen und getrunken hast und gesättiget bist, so sei darauf bedacht, daß du nicht des Herrn, deines Gottes vergißst.“2 Dieses geschah auch; denn es heißt: „Jakob aß und wurde dick und fett, und der Geliebte schlug aus.“3 Daher darf man die Heiligen nicht deßhalb bewundern, weil sie unter der Last der Leiden so fromm nud weise geblieben, sondern weil sie nach vorübergegangenem Sturm und eingetretener Ruhe in demselben gebührenden Eifer ausharrten. Das Pferd muß man vor allen bewundern, welches ohne Zügel ordentlich hergeht; wenn es aber mit Zaum und Zügel einen geordneten Schritt hält, so ist Dieß nichts Auffallendes; denn dann muß man den geregelten Gang nicht der Vortrefflichkeit des Thieres, sondern dem hemmenden Zaume zuschreiben. Dasselbe läßt sich auch von der Seele behaupten: daß sie bei der Furcht sich ruhig verhält, ist gar nicht zu verwundern; ist aber die Versuchung vorüber, und hält dich die Furcht nicht mehr im Zaume, dann zeige mir die Weisheit der Seele und all deine Zucht. Aber ich fürchte, indem ich die Juden anklage, unser Benehmen zu tadeln; denn als wir von Hunger und Pest und von Hagel und Dürre, von Feuersbrünsten und Einfällen der Feinde bedrängt wurden: wurde nicht täglich der Raum dieser Kirche zu eng für die Menge, die sich versammelte? Damals herrschte unter uns viele Weisheit und Verachtung der irdischen Güter; damals beunruhigte uns kein Sehnen nach Reichthum, keine Begierde nach Ehre, keine Sucht und Liebe zur Ausschweifung, noch irgend ein anderer böser Gedanke, sondern ihr ergabt euch Alle mit Beten und Thränen der Gottseligkeit: der Unzüchtige übte die Keuschheit, der Rachgierige wandte sich zur Versöhnung, der Geizhals ließ sich herbei Almosen zu spenden, der Zornige und [S. 400] Übermüthige lernte Demuth und Sanftmuth. Nachdem sich aber jener Zorn Gottes gelegt, und der Sturm vergangen, und die Ruhe nach dem gewaltigen Brausen des Meeres zurückgekehrt war, so kehrten auch wir zur alten Lebensweise zurück. Eben das habe ich nun gerade zur Zeit der Versuchungen immer vorausgesagt und vorausverkündet: allein ich habe damit gar Nichts erreicht, sondern ihr habt dieß: Alles wie einen Traum oder einen vorüberziehenden Schatten eurem Gemüthe entschwinden lassen. Deßhalb hege ich jetzt die größere Furcht als damals und besorge noch mehr, wir möchten uns noch größere Übel zuziehen und von Gott eine unheilbare Wunde empfangen. Denn wenn der Mensch, der oft sündigt, von Gott Verzeihung erhält und diese Langmuth nicht dazu benützt, seine Bosheit abzulegen, so verfährt endlich Gott mit ihm so, daß er ihn auch wider den Willen desselben dem Rande des Verderbens zuführt, ihn gänzlich zermalmt und ihm keine Zeit mehr zur Buße vergönnt, wie es ja auch dem Pharao ging. Denn da er nach der ersten und zweiten und dritten und vierten und den folgenden Plagen die Langmuth Gottes erfahren und daraus keinen Nutzen gezogen, so wurde er endlich sammt seinem Reiche zermalmt und gänzlich vernichtet. Dasselbe traurige Loos traf auch die Juden. Als demnach Christus sie verderben und den Gräuel der Verwüstung über sie bringen wollte, so sagte er: „Wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, und ihr habt nicht gewollt? Siehe, euer Haus wird wüste gelassen werden.“4 Ich befürchte also, es möchte auch uns dasselbe Loos treffen, weil wir weder durch fremdes noch durch eigenes Unglück zur Besinnung gebracht werden. Das sage ich aber nicht bloß zu euch, die ihr jetzt hier seid, sondern auch zu Denen, die in ihre täglichen Geschäfte zerstreut der frühern Drangsale nicht mehr gedenken, zu denen ich, ohne mich zu schonen, ohne Unterlaß sagte: Mögen auch die Anfechtungen vorüber sein, so bleibe doch das An- [S. 401] denken daran in unseren Herzen, damit wir auch der Wohlthat fortwährend gedenkend Gott, der uns dieselbe gewährt, beständig Dank sagen.

1: Ps. 77, 34.
2: Deut. 6, 12. 13.
3: Deut. 32, 15.
4: Luk. 13, 34.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger