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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Vierte Homilie über die Buße und das Gebet.

1.

[S. 396] Die Hirten führen die Schäflein gewöhnlich dahin, wo sie wissen, daß die Weide in reicherer Fülle vorfindig ist, und treiben sie nicht eher hinweg, als bis die Heerde sie ganz abgeweidet hat. Auch wir folgen ihrem Beispiele, und es ist nun schon der vierte Tag, daß wir unsere Heerde mit dem Unterrichte von der Buße weiden, und wir wollen sie auch heute nicht davon wegführen; denn wir sehen, daß noch reichliche Weide vorhanden, und nebst viel Vergnügen auch großer Vortheil dabei ist. Denn die Zweige der Bäume, die um die Mittagszeit den Schafen ein Schutzdach gewähren, erquicken sie nicht so sehr und bieten ihnen keinen so angenehmen und wohlthuenden Schatten und laden sie nicht zum Schlafe ein mit solcher Lust, als das Lesen der heil. Schrift traurige und niedergeschlagene Seelen aufrichtet und erquickt, indem sie den heftig brennenden Schmerz lindert und einen Trost gewährt, der angenehmer und erquickender ist, als jeglicher Schatten. Denn sie tröstet uns nicht bloß erfolgreich bei dem Verluste der Güter, oder bei dem Verluste der Kinder, oder in andern ähnlichen Leiden, sondern auch in den Nöthen unserer Sünden. Denn wenn ein Mensch, von der Sünde umstrickt, strauchelt und fällt, so zerfleischt ihn dann das Gewissen, stets schwebt ihm die Sünde vor Augen, die Hast des Kummers drückt ihn darnieder, und von Tag zu Tag wird der Schmerz heftiger. Und wenn ihn auch Tausende trösten, so wird er vielleicht diesen Trost gar nicht annehmen; betritt er aber die Kirche und hört, daß viele Heilige fielen und aufstanden und ihre frühere Würde wieder erhielten, so wird er heimlich getröstet davongehen. Wenn wir zuweilen uns gegen Menschen versündigen, so können wir vor Scham und Erröthen unsern Fehltritt nicht offenbaren, und wenn wir ihn auch bekennen, so haben wir davon keinen Nutzen. Wenn aber Gott ermahnt und unser [S. 397] Herz rührt, so wird schnell alle Traurigkeit verscheucht werden, womit uns der Satan erfüllt. Deßwegen sind auch die Fehltritte der Heiligen für uns aufgezeichnet, damit sowohl die Frommen als die Gottlosen den größten Gewinn daraus ziehen. Denn der Sünder läßt den Muth nicht sinken und fällt nicht in Verzweiflung, wenn er sieht, daß ein Anderer fiel und wieder aufstehen konnte; wer aber Gerechtigkeit übt, wird nur um so eifriger und vorsichtiger sein. Denn wenn er sieht, daß Viele, die weit besser waren, als er, gefallen sind, so wird er, durch die Furcht ihres Falles belehrt, allenthalben desto sorgfältiger sein und sich mit großer Vorsicht wappnen. Und so wird der Tugendhafte in der Tugend verharren, der Sünder aber vor Verzweiflung gerettet; Jener wird fest stehen, dieser aber eilfertig in den Zustand zurückkehren, aus dem er gefallen. Denn wenn uns ein Mensch in unserer Betrübniß tröstet, und es den Anschein hat, als seien wir einigermaßen getröstet, so verfallen wir wieder in die alte Betrübniß; wenn uns aber Gott durch Andere ermuntert, welche sündigten und Buße thaten und gerettet wurden, so offenbart er uns dadurch seine Güte, damit wir an unserm Heil nicht verzweifeln, sondern eines gewissen und sichern Trostes theilhaftig werden. Wie nun die alten Geschichten der Schrift in den Nöthen der Sünde ein Mittel darreichen, ebenso bieten sie Allen, die es nur wünschen, gegen den Kummer über bevorstehende Gefahren ein wirksames Heilmittel dar. Mag uns also unser Vermögen genommen, oder unsre Ehre von Verleumdern beschimpft, mögen wir in Bande gelegt oder gegeißelt werden, oder mag irgend ein anderes Unglück uns überraschen: so schauen wir auf die Gerechten, die Dieß alles erduldet und ertragen haben, und wir werden uns bald zu fassen vermögen. Denn wenn Jemand körperlich krank ist und Kranke um sich sieht, so wird sein Leiden dadurch vermehrt, oft wird er auch von einer Krankheit angesteckt, die er früher nicht hatte; so zum Beispiel haben Manche, welche Andere an den Augen leiden sahen, dasselbe Übel durch den bloßen Anblick sich zugezogen. Anders aber verhält es sich bei den Krankheiten der Seele; [S. 398] da geschieht gerade das Gegentheil: denken wir nämlich fleissig an Die, welche dasselbe gelitten, so erleichtert Dieß uns in unsern Leiden den Schmerz. Deßwegen tröstet auch Paulus die Gläubigen dadurch, daß er nicht nur die lebenden Heiligen, sondern auch die todten als Beispiele vorführt. Denn indem er an die Hebräer schreibt, die schon wankten und strauchelten, erinnert er sie an die heiligen Männer: an Daniel, an die drei Knaben, an Elias, an Elisäus und sagt1: „Sie haben der Löwen Rachen verstopft, die Kraft des Feuers gelöscht, sind der Schärfe des Schwertes entronnen, sind gesteiniget worden, haben Schimpf und Schläge, Bande und Kerker erduldet; sie gingen in Schafpelzen und Ziegenfellen, dürftig, gedrangsalt, mißhandelt, sie, deren die Welt nicht würdig war.“ Diese Gemeinschaft der Leiden aber gibt den Unglücklichen Trost, und wie das Alleinleiden etwas Unerträgliches ist, da sich in diesem Elend keinerlei Trost bietet, so wird die Plage dadurch erleichtert, daß man Andere findet, die dasselbe Unglück erlitten.

1: Hebr. 11, 33 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger