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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Dritte Homilie. Von dem Almosen und über die zehn Jungfrauen.

5.

Noch viele andere Wege der Buße wirst du in der Schrift finden. Die Buße selbst wurde schon vor der Ankunft Christi durch den Propheten Jeremias mit den Worten verkündet: „Wird Derjenige, der fällt, nicht aufstehen, und der sich abwendet, nicht zurückkehren?“1 Und abermals: „Hierauf sprach ich zu ihr: Nachdem du Unzucht getrieben, so komme und kehre zu mir zurück.“2 Deßhalb zeigte Gott viele andere Wege zur Buße, um jeden Vorwand der Nachlässigkeit abzuschneiden. Denn hätten wir nur einen einzigen Weg, so würden wir auf demselben nicht zu wandeln vermögen. Dieses Schwert flieht stets der Teufel. Hast du gesündigt? Geh’ in die Kirche und tilge dort deine Sünde. So oft du auf dem Markte fällst, so oft stehst du auf; ebenso thue Buße über die Sünde, so oft du gesündiget hast. Verzweifle nicht an dir selbst; selbst wenn du zum zweiten Mal fällst, [S. 391] thue zum zweiten Mal Buße, damit du dich nicht aus Zaghaftigkeit der Hoffnung auf die zukünftigen Güter beraubst. Ja, wenn du im spätesten Alter bist und sündigst, komm’ und bereue; denn hier ist der Ort des Heiles, nicht des Gerichtes; hier werden die Sünden nicht bestraft, sondern vergeben. Gott allein bekenn’ deine Sünde: „Dir allein habe ich gesündigt und Böses vor dir gethan,“3 und die Sünde wird dir vergeben.

Du hast noch einen andern Weg der Buße, der nicht schwierig, sonderlich ausserordentlich leicht ist. Was ist das für einer? Beweine deine Sünde4 und lerne Dieß aus der heiligen Schrift. Jener Petrus, das Haupt der Apostel, der Erste in der Kirche, der Freund Christi, welchem sein Bekenntniß nicht von Menschen, sondern vom Vater geoffenbart war, wie der Herr selbst ihm dieses Zeugniß gibt mit den Worten: „Selig bist du, Simon Bar-Jonas denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“5 Dieser Petrus nun — wenn ich aber den Petrus nenne, so nenne ich den unerschütterlichen Fels, die unbewegliche Säule, den großen Apostel, den Ersten der Jünger, den zuerst Berufenen, den, der zuerst dem Rufe folgte — dieser Petrus beging nicht ein kleines, sondern ein sehr großes Verbrechen, weil er den Herrn verläugnete. Dieses sage ich nicht, um den Heiligen anzuklagen, sondern um dir Anlaß zur Buße zu geben. Er hat den Herrn der Welt selbst, den Erlöser und Heiland Aller verläugnet. Jedoch betrachten wir die Geschichte von Anfang. Als der Heiland bei der Auslieferung6 einige Jünger von sich weggehen sah, sprach er zu Petrus: „Willst auch du weggehen?“ Petrus aber antwortete: „Und wenn ich auch mit dir sterben müßte, so werde ich dich nicht ver- [S. 392] läugnen.“7 Was sagst du, o Petrus? Gott offenbart es dir selbst, und du widerstrebst? Petrus zeigte wohl seinen persönlichen Willen, aber die schwache Natur widerlegt ihn. Wann geschah Dieß? In der Nacht, in welcher Christus verrathen wurde. Da stand, heißt es, Petrus am Feuer und wärmte sich, und eine Magd trat herzu und spricht zu ihm: „Gestern warst auch du bei diesem Menschen.“ Er aber sprach: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“8 Und so läugnete er zum zweiten und dritten Mal, bis die Prophezeiung erfüllt war. Dann blickte Christus den Petrus an; denn nicht mit Worten sprach er zu ihm, um ihn nicht vor den Juden zu beschämen und seinem eigenen Schüler Vorwürfe zu machen, sondern durch den Blick sprach er zu ihm, als wollte er sagen: Petrus, was ich gesagt, ist geschehen. Petrus empfand Dieses und fing an zu weinen; allein er weinte nicht bloß, sondern weinte bitterlich, indem er mit den Thränen seiner Augen zum zweiten Male die Taufe bestand. Als er aber so bitterlich weinte, tilgte er seine Sünde. Darauf wurden ihm die Schlüssel des Himmels anvertraut. Wenn nun die Thränen des Petrus eine so große Sünde tilgten, wie wirst nicht auch du die Sünde tilgen, wenn du sie beweinest? Es war doch kein kleines Verbrechen, den eigenen Herrn zu verläugnen, sondern ein großes und schweres; und doch haben die Thränen die Sünde getilgt. Beweine also auch du deine Sünde, aber nicht einfach und scheinbar, sondern, wie Petrus, bitterlich. Aus der Tiefe des Herzens laß hervorbrechen die Quellen der Thränen, damit der Herr also gerührt dir die Sünde vergebe; denn er ist barmherzig und hat selbst gesagt: „Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre, bereue und lebe.“9 Eine kleine Mühe verlangt er von dir, und er spendet erhabene Güter; er verlangt von dir nur, daß du ihm Gelegenheit bietest, dir den Reichthum der Seligkeit zu schenken. Laß [S. 393] deine Thränen fließen, und er gibt dir Verzeihung; thue Buße, und er spendet dir Nachlaß der Sünden; gib ihm nur eine kleine Gelegenheit, damit du eine ehrenvolle Vertheidigung erhältst. Denn Einiges thut er. Einiges thun’ wir; wenn wir das Unsrige thun, so thut er auch das Seinige; ja das Seinige hat er schon gethan: er hat die Sonne, den Mond und das mannigfaltige Heer der Sterne geschaffen, die Luft ausgebreitet, die Erde ausgedehnt, das Meer eingeschlossen und Berge, Schluchten, Hügel, Quellen, Seen, Flüsse, die unzähligen Arten von Pflanzen, Auen und alles Andere gemacht, was du siehst: thue hinwieder auch du etwas Kleines, damit er dir so die himmlischen Güter bescheere. Vernachlässigen wir also uns selbst nicht, und hören wir nicht auf, unser Heil zu besorgen, da wir ein solches Meer der Güte des Herrn der Welt vor uns haben, welcher gerührt wird ob unserer Sünden.10 Das Himmelreich und das Paradies liegt vor unsern Augen, und die Güter, die kein Auge gesehen, und kein Ohr gehört hat, und die in keines Menschen Herz gedrungen sind, welche Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Und sollten wir nicht Alles anwenden, um Etwas beizutragen, damit wir derselben nicht verlustig gehen? Weißt du nicht, was Paulus sagt, der so viel gearbeitet, so unzählige Siege über den Satan errungen, der in seinem Leibe den Erdkreis durchwandert, der Land, Meer und Luft durchlaufen, der, als hätte er Flügel, die ganze Erde durchzogen hat; welcher gesteinigt, geschlagen, gegeißelt worden und Alles um des Namens Jesu willen erduldet hat, welcher vom Himmel selbst (zu seinem Amte) berufen ward, — höre, was Dieser sagt, welche Sprache er führt;11 Wir haben, spricht er, die Gnade von Gott empfangen; aber auch ich habe gearbeitet und das Meinige beigetragen; und seine Gnade ist in mir nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr, als sie alle, gearbeitet und [S. 394] beigetragen. Ich erkenne, will er sagen, ich erkenne die Größe der Gnade, die ich empfing, allein sie hat mich nicht träg gefunden, und offenbar ist, was ich gethan. So laßt nun auch uns die Hände lehren, Almosen zn spenden, damit wir etwas Kleines beitragen. Weinen wir über die Sünde, seufzen wir über die Bosheit, damit wir doch etwas Weniges gethan zu haben scheinen, da für die Zukunft uns große Güter erwarten, die unsere Macht12 weit übertreffen; denn es ist das Paradies und das Himmelreich. Möchten wir doch alle desselben theilhaftig werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi. Ihm und dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Macht und Ehre jetzt und immer und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Jer. 8, 4.
2: Jer. 3, 7.
3: Ps. 50, 6.
4: Savilius hat die richtige Ergänzung: „Hast du sie beweint? Dann hast du deine Sünde getilgt.“
5: Matth. 16, 17.
6: Ἐν τῇ παραδόσει.
7: Joh. 6, 67. Matth. 26, 35.
8: Matth. 26, 29. Mark. 14, 68. Luk. 22, 61.
9: Ezech. 18, 23.
10: D. h. wenn wir unsere Sünden beweinen.
11: I. Kor. 15, 10.
12: D. h. Alles, was wir zu leisten vermögen.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger