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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Dritte Homilie. Von dem Almosen und über die zehn Jungfrauen.

3.

Merket ihr wohl den Nachdruck der Rede? Wenn also Solches bei einem sterblichen Könige so viel Ehre einbringt, so denke an Christus, der an jenem Tage vor den Engeln und allen Mächten (den Barmherzigen) hervorrufen und sagen wird: Dieser hat mich auf der Erde beherbergt; dieser hat mir unzählige Wohlthaten erwiesen; dieser hat mich, den Fremdling, liebreich aufgenommen. Erwägt dann das Rühmen unter den Engeln und die Freudigkeit unter den Chören der Geister. Wem Christus ein solches Zeug- [S. 386] nist gibt, sollte der sich nicht mehr als die Engel rühmen dürfen? Etwas Großes, meine Brüder, ist’s also um die Mildthätigkeit; lasset uns diese üben; Nichts kömmt ihr gleich; sie ist im Stande auch andere Sünden zu tilgen und das Urtheil darüber ferne zu halten. Wenn auch du schweigst, so steht sie da und spricht für dich; ja noch mehr, du brauchst den Mund nicht zu öffnen, unzählige Lippen reden dankerfüllt zu deinen Gunsten. Solche Güter entspringen aus der Mildthätigkeit, und wir sind so nachlässig und lassen den Muth sinken. Gib Brod nach deinem Vermögen. Hast du kein Brod? Gib einen Obol. Hast du keinen Obol? Reiche einen Becher kalten Wassers. Hast du auch das nicht? Habe Mitleid mit dem Bedrängten, und du empfängst einen Lohn; denn die Unmöglichkeit hindert den Lohn nicht, der Wille erhält ihn.

Jedoch, indem wir hievon redeten, sind wir von den Jungfrauen abgekommen; wohlan, kehren wir zu unserm Gegenstande zurück. „Gebt uns,“ heißt es, „Öl aus euren Gefäßen.“ Wir können euch keines geben, damit es nicht etwa uns und euch an demselben gebreche; gehet vielmehr hin und kaufet von den Verkäufern. Da sie aber hingingen, kam der Bräutigam, und welche brennende Lampen hatten, traten mit ihm hinein, und die Thüre des Brautgemachs wurde geschlossen.“1 Es kamen aber die fünf thörichten Jungfrauen, klopften an die Thüre und riefen: „Mache uns auf!“2 Und es erscholl die Stimme des Bräutigams von innen an sie: „Weichet von mir, ich kenne euch nicht.“3 Was hörten sie also nach solchen Bemühungen? „Ich kenne euch nicht;“ das ist es, was ich gesagt habe: das große Gut der Jungfräulichkeit nützte ihnen ganz und gar Nichts. Bedenke es nur: nach solcher Anstrengung wurden sie abgewiesen. Sie hatten die Unenthaltsamkeit gebändigt; sie hatten sich mit den höhern Mächten in einen Kampf eingelassen; [S. 387] sie hatten das Irdische verachtet: sie hatten die gewaltige Brunst überstanden; sie hatten die Laufbahn zurückgelegt; sie hatten sich von der Erde gegen den Himmel erhoben; sie hatten das Siegel ihres Leibes nicht gelöst; sie hatten den herrlichen Glanz der Jungfrauschaft sich errungen; sie hatten den Wettstreit mit den Engeln bestanden; sie hatten die Bedürfnisse des Leibes besiegt; sie hatten die Natur vergessen; sie hatten in Körpern Geistiges geübt; sie hatten das große und unbesiegliche4 Gut der Jungfrauschaft im Besitz: und nun hören sie die Worte: „Weichet von mir, ich kenne euch nicht.“ Denn glaube ja nicht, daß die Jungfrauschaft etwas Geringfügiges sei; sie ist so groß, daß keiner der Alten sie zu behaupten vermochte. Deßwegen ist’s eine so große Gnade, daß, was für die Propheten und Väter schrecklich war, jetzt leicht geworden ist. Denn was war damals so schwer und fast unmöglich? Die Jungfrauschaft und die Verachtung des Todes. Jetzt aber halten Dieses selbst zarte Jungfrauen für etwas Geringes. Denn Jungfrau bleiben war so schwer, daß keiner der Alten es zu beobachten vermochte. Noe war ein gerechter Mann, und Gott selbst gab ihm dieses Zeugniß, aber er hatte ein Weib. Auf gleiche Weise pflogen auch Abraham und Isaak, die Träger seiner Verheissung, Gemeinschaft mit ihren Frauen. Joseph, der Keusche, wies den Antrag, die greuliche Missethat des Ehebruchs zu begehen, zurück; aber auch er genoß des Umgangs mit seiner Frau; denn es war schwer, enthaltsam zu bleiben. Seitdem aber die Blume der jungfräulichen Keuschheit geboren hat, seitdem ist die Jungfrauschaft stark geworden. Keiner der Alten vermochte die Jungfräulichkeit zu bewahren; denn es ist etwas Großes, den Leib zu bezähmen. Male dir nur einmal mit Worten ein Bild von der Jungfräulichkeit und lerne, welch große Tugend sie sei: täglich muß sie einen Krieg führen, und nie kann sie ruhen, und dieser Krieg ist grausamer, als [S. 388] der gegen Barbaren; denn der Krieg gegen diese bietet zuweilen einen Stillstand, wenn Unterhandlungen gepflogen werden; zuweilen kämpft man, zuweilen aber nicht, und der Streit hat seine Ordnung und seine Zeit. Aber im Streite für die Jungfräulichkeit gibt es keinerlei Stillstand; denn der Satan ist der Feind und achtet nicht auf eine bestimmte Zeit, ordnet nicht zur Schlacht, sondern sucht stets Gelegenheit, die Jungfrau unbewaffnet zu finden, um ihr eine tödtliche Wunde zu schlagen. Die Jungfrau kann also nie von diesem Kampfe ablassen, überall führt sie den innern Widerspruch und den Feind in sich herum. Verbrecher empfinden keine so heftige Unruhe, wenn sie auf einige Zeit ihren Gebieter erblicken; die Jungfrau aber führt, wohin sie sich immer begibt, den Richter mit sich herum und trägt ihren Feind, und der Feind gönnt ihr keine Ruhe am Abend, noch in der Nacht, noch Morgens, noch Mittags, sondern kämpft immerfort, stellt sinnliche Freuden vor Augen, erinnert sie an die Hochzeit, um ihr die Tugend zu nehmen und in ihr das Laster zu pflanzen, um aus ihr die Schamhaftigkeit zu vertreiben und dafür die Unzucht zu säen. Das Feuer der Wollust wird stündlich auf eine reizende Weise entzündet. Bedenke, welche Mühe es kostet, dieser Pflicht zu genügen! Allein jene hörten nach all dem die Worte: „Weichet von mir, ich kenne euch nicht.“ Sieh’ aber, welche große Tugend die Jungfräulichkeit ist, wenn sie die Barmherzigkeit als Schwester besitzt; dann kann nichts Widriges sie überwinden, sondern sie ist über Alles erhaben. Deßwegen wurden die Thörichten nicht eingelassen, weil sie mit der Jungfräulichkeit nicht auch die Barmherzigkeit hatten. Die Sache ist schmachvoll: die Wollust hast du besiegt, dem Gelde bist du unterlegen; als Jungfrau hast du dem Leben entsagt und liebst — so gekreuzigt — das Geld. Hättest du doch eher einen Mann geliebt, und das Verbrechen wäre geringer; denn du hättest Etwas begehrt, was deines Wesens ist. Aber dein Verbrechen ist jetzt größer, weil du Etwas begehrst, was andrer Natur ist. Es mag sein, daß manche verheirathete Frauen unter dem Vorwande, daß sie Kinder haben, auf eine [S. 389] unverantwortliche Weise keine Barmherzigkeit üben. Wenn du ihnen sagst: Gib mir ein Almosen, so erwidern sie: Ich habe Kinder und kann Nichts geben. Gott hat dir Kinder gegeben, und du hast empfangen die Frucht deines Leibes, damit du mildthätig, nicht damit du hartherzig seiest. Mach’ also Das, was dich zur Barmherzigkeit stimmen soll, nicht zur Ursache deiner Hartherzigkeit. Willst du deinen Kindern ein schönes Erbtbeil zurücklassen? Hinterlaß ihnen die Mildthätigkeit, und Alle werden dich loben, und du wirst dir ein rühmliches Andenken stiften. Du aber, die du keine Kinder hast, sondern der Welt gekreuziget bist, warum sammelst du Schätze?

1: Matth. 25, 10.
2: Ebendas. V. 11.
3: Ebendas. V. 12.
4: Ἀκαταμάχητον, d. h. sie hatten hierin den Sieg errungen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger