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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Dritte Homilie. Von dem Almosen und über die zehn Jungfrauen.

2.

Weißt du nicht aus dem Evangelium die Parabel von den zehn Jungfrauen, welche, eben weil sie keine Barmherzigkeit zeigten, von dem Brautgemach ausgeschlossen wurden, obgleich sie Jungfrauen waren? „Es waren zehn Jungfrauen,“ heißt es,1 „fünf thörichte und fünf kluge.“ Die fünf klugen hatten Öl, die thörichten aber nicht; ihre Lampen erloschen. Die thörichten kamen nun zu den klugen und sagten: „Gebt uns Öl aus euren Gefäßen.“2 Ich schäme mich und erröthe und weine, wenn ich von den thörichten Jungfrauen höre. Ich erröthe, wenn ich diesen Namen vernehme, weil diese Jungfrauen nach so großer Tugend, nach diesem Eifer, die Jungfrauschaft zu bewahren, nachdem sie ihren Leib in den Himmel erhoben, nachdem sie einen Wettstreit mit den obern Mächten eingegangen, nachdem sie die Glut überwunden und das Feuer der Wollust erstickt hatten, — weil diese Jungfrauen nun thörichte heissen, und sie heissen mit Recht so, weil sie schon Großes geleistet hatten und nun vom geringern Feinde besiegt wurden. „Und die thörichten kamen herbei,“ heißt es3 „und sagten zu den klugen: Gebt uns Öl aus euren Gefäßen! Diese aber sprachen: Wir können euch keines geben, es möchte uns und euch dann gebrechen. Sie thun das nicht aus Unbarmherzigkeit oder aus Bosheit, sondern weil die Zeit drängte; denn der Bräutigam sollte bald kommen. Die thörichten hatten auch Lampen; allein die klugen hatten Öl darin, die thörichten nicht. Das Feuer ist die Jungfrauschaft, das Öl aber das Almosen. Wie nun das Feuer erlischt, wenn es nicht flüssiges Öl hat, so geht das Verdienst der Jungfrauschaft verloren, [S. 384] wenn sie nicht Barmherzigkeit übt. „Gebt uns Öl aus euren Gefäßen!“ Jene aber sprachen zu diesen: „Wir können euch keines geben.“ Allein sie sagten das nicht aus Bosheit, sondern aus Furcht: „Damit es nicht etwa uns und euch an demselben gebreche,“ damit wir nicht, während wir Alle hineinzukommen trachten, Alle zurückbleiben müssen. „Aber gehet hin und kaufet von den Verkäufern.“ Wer sind nun aber die Verkäufer dieses Öls? Die Armen, die vor der Kirche sitzen, um Almosen zu erhalten. Und um welchen Preis (wird es gekauft?) Um welchen man will; ich setze keinen Preis an, damit du nicht die Armuth vorschützest. So viel du besitzest, um so viel kaufe. Hast du einen Obolus?4 Kaufe den Himmel, nicht als ob der Himmel so wohlfeilen Kaufs wäre, sondern weil der Herr gnädig ist. Hast du keinen Obolus? Gib einen Becher kalten Wassers: „Wer Einem dieser Geringsten nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt in meinem Namen, der wird den Lohn dafür nicht verlieren.“5 Der Himmel ist ein Kauf, ein Handel, und wir sind so saumselig! Gib Brod und nimm den Himmel; gib Kleines und nimm Grosses; gib Sterbliches und nimm Unsterbliches; gib Vergängliches und nimm Unvergängliches. Gesetzt es wäre Markt, und Überfluß an Allem vorbanden, und Alles sehr wohlfeil und niedrigen Preises: würdet ihr nicht euere Habe verkaufen und alles Andere hintansetzen, um an diesem Geschäfte Antheil zu haben? Ja, wo es sich um Vergängliches handelt, da zeigt ihr einen solchen Eifer; wo aber das Geschäft die Ewigkeit angeht, da säumet ihr und seid zaghaft. Gib dem Armen, damit, wenn auch du schweigst, tausend Lippen für dich reden, da das Almosen dich beschützt [S. 385] und vertheidigt. Almosen ist das Lösegeld für die Seele. Wie deßhalb die Becken voll Wassers vor den Kirchthüren stehen, um die Hände zu waschen, so sitzen vor der Kirche die Armen, um die Hände der Seele zu reinigen. Hast du deine leiblichen Hände mit Wasser gewaschen? Wasche die Hände der Seele durch das Almosen rein. Schütze nicht Armuth vor. In der größten Armuth nahm die Wittwe den Elias gastfreundlich auf, und die Noth hinderte sie nicht daran, sondern mit großer Freude nahm sie ihn auf; deßhalb ward sie aber auch würdig belohnt und erntete die volle Frucht ihrer Mildthätigkeit. Vielleicht sagt aber der Zuhörer: Gib mir den Elias. Was brauchst du den Elias? Ich gebe dir den Herrn des Elias, und du speisest ihn nicht. Wie würdest du den Elias bewirthen, wenn du ihn fändest? Der Ausspruch Christi, des Herrn der Welt, ist: „Was Jemand einem der Geringsten gethan hat, das hat er mir gethan.“6 Wenn etwa ein König Jemanden zur Tafel beriefe und zu den gegenwärtigen Dienern spräche: Danket diesem statt meiner, so viel ihr vermöget; er hat mich in der Noth erhalten und gastlich bewirthet; er hat mir zur Zeit der Bedrängniß viele Wohlthaten erwiesen: wie würde nicht ein Jeder all sein Geld daran setzen für Den, dem der König gedankt hat? Wie würde nicht Jeder ihm Alles zu verdanken glauben? Wie würde nicht Jeder bestrebt sein, sich ihm zu empfehlen und sich ihn zum Freunde zu machen?

1: Matth. 25, 2. 3.
2: Ebendas. V. 8.
3: Matth. 25, 8. 9.
4: Obolus (ὀβολός), eine bei den Griechen und Römern übliche Münze. Bei den Athenern war sie der sechste, bei den Aegyneten der zehnte Theil einer δραχμή — etwa 11 Pfennige Conventionsgeld. S. WB. von Passow s. h. v.
5: Matth. 10, 42.
6: Matth. 25, 40.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger