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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Dritte Homilie. Von dem Almosen und über die zehn Jungfrauen.

1.

Wißt ihr noch, womit unsere neuliche Rede begann, oder wo sie aufhörte, oder welcher Gegenstand es war, mit dem wir die frühere Rede beschlossen? Ich glaube, ihr habt [S. 380] es vergessen, wo unser Vortrag aufhörte; ich aber weiß es und tadle euch darum nicht und mach’ euch keinen Vorwurf. Denn Jeder von euch, der ein Weib hat, ist für seine Kinder besorgt und bekümmert sich um Alles im Haushalt; Andere beschäftigen sich mit dem Kriegsdienst, wieder Andere sind Handwerker: Jeder von euch hat seine besondere Arbeit. Wir aber beschäftigen uns mit diesen geistigen Dingen und üben uns in denselben und bringen damit unsere Zeit zu. Ihr verdient daher keinen Tadel, sondern Lob wegen des Eifers, daß ihr uns an keinem Sonntage verlasset, sondern Alles hintansetzend zur Kirche kommet. Denn das ist eben das größte Lob unserer Stadt, nicht, daß so viel Lärm in ihr ist, daß sie Vorstädte, Paläste mit goldenen Decken und Prachtzimmern1 hat, sondern daß das Volk so eifrig und aufmerksam ist. Denn einen edlen Baum erkennen wir nicht an den Blättern, sondern an den Früchten. Eben deßwegen haben wir einen Vorzug vor den stummen Thieren, weil wir eine Sprache haben, miteinander reden können und Gespräche lieben; denn ein Mensch, welcher die Gespräche nicht liebt, ist viel unvernünftiger, als die Thiere, weil er nicht weiß, warum er geehrt worden, und woher er diese Ehre empfangen. Deßhalb spricht der Prophet mit Recht: „Der Mensch, da er in Ehren war, verstand es nicht, hat sich verhalten, wie die unvernünftigen Thiere und ist ihnen gleich geworden.“2 Du bist ein vernünftiger Mensch und liebst Gespräche nicht? Sage mir, wirst du dich denn entschuldigen? Ihr seid [S. 381] daher mehr, als alle Andern, meine Freunde, ihr, die ihr zu den Lehren der Tugend so eifrig herbeigeeilt seid und dem göttlichen Worte Alles hintangesetzt habt.

Wohlan, wir wollen also zur Sache kommen und die folgende mit den vorausgegangenen Reden in Zusammenhang bringen; denn ich bin euer Schuldner und freudig bezahl’ ich die Schuld; denn das bringt mir nicht Armuth, sondern Reichthum. In weltlichen Dingen fliehen die Schuldner vor den Gläubigern, um nicht zu bezahlen, ich aber verfolge diese, um sie zu bezahlen: und beides ist natürlich; denn in der Welt macht die Bezahlung arm, die Bezahlung mit dem Worte Gottes aber macht reich. Ich gebe ein Beispiel: Ich schulde Jemanden Geld; bezahl’ ich es ihm, so kann es nicht bei ihm und mir zugleich, sein, sondern mir geht es ab, der Andere besitzt es; wenn ich aber mit dem Worte bezahle, so behalte ich es, und ihr alle besitzt es; behalte ich es und theile es nicht unter euch aus, so bin ich arm; bezahle ich dasselbe, so werde ich reicher. Behalte ich die Rede, so bin ich allem reich; theile ich sie aber euch mit, so gewinne ich mit Euch Allen die Frucht. Wohlan, bezahlen wir also die Schuld. Worin besteht nun dieselbe? Wir haben von der Buße zu reden begonnen und gesagt, daß es viele und verschiedene Wege zur Buße gebe, um uns das Heil zu erleichtern. Denn hätte uns Gott nur Einen Weg der Buße gezeigt, so hätten wir ihn verworfen und gesagt: Diesen können wir nicht wandeln; so können wir das Heil nicht gewinnen. Nun hat aber Gott diese deine Einrede abgeschnitten, indem er dir nicht einen oder zwei, sondern viele und verschiedene Wege gezeigt hat, um dir durch die Menge derselben den Aufstieg zum Himmel leichter zu machen.

Wir haben gesagt, die Buße sei leicht und koste nicht viele Mühe. Bist du ein Sünder? Geh’ in die Kirche, sage: Ich habe gesündigt, und du tilgst deine Sünde. Wir führten als Beispiel den David an, der da gesündiget hatte, und Nachlaß der Sünde erhielt. Hierauf zeigten wir einen andern Weg (der Buße), die Sünde beweinen, und sagten: „Ist das wohl schwer?“ Man braucht kein Geld auszu- [S. 382] geben, keinen weiten Weg zu machen, noch etwas Anderes dieser Art, sondern nur die Sünde zu beweinen. Und wir führten Das aus der Schrift an, daß Gott an Nahab sein Urtheil geändert, weil er weinte und traurig war; und dieses sprach er auch zu Elias: „Siehst du, wie Achab, trauernd und weinend, vor mir wandelt? Ich werde nicht handeln nach meinem Zorn.“3 Wir zeigten sofort den dritten Weg der Buße und führten als Beispiel aus der Schrift den Pharisäer und Zöllner an, daß nämlich der Pharisäer, weil er im Übermuth prahlte, seine Gerechtigkeit einbüßte, der Zöllner aber, weil er sich demüthigte, die Frucht der Gerechtigkeit davon trug; und zwar ohne alle Anstrengung wurde er gerechtfertigt: er spendete Worte und erhielt Thaten. Wohlan! wir wollen nun fortfahren und den vierten Weg der Buße vorführen. Was ist das für einer? Ich sage: Die Barmherzigkeit, die Königin unter den Tugenden, welche die Menschen schnell in die Himmelslüfte erhebt und die beste Fürsprecherin ist. Die Barmherzigkeit ist etwas Grosses; deßhalb ruft auch Salomon aus: „Der Mensch ist etwas Großes, und ein Barmherziger etwas Köstliches.“4 Die Barmherzigkeit hat mächtige Flügel: sie durchschneidet die Luft, erhebt sich über den Mond, steigt über die strahlende Sonne empor und dringt bis in die Höhen des Himmels hinauf. Allein auch dort bleibt sie nicht stehen, sondern sie durchdringt auch den Himmel und eilt durch die Schaaren der Engel und die Chöre der Erzengel und durch alle höhern Mächte und stellt sich vor den Thron des Königs selbst. Lerne dieses aus der heiligen Schrift selbst, die da sagt: „Kornelius, dein Almosen und dein Gebet sind hinaufgekommen vor das Angesicht Gottes.“5 Dieses „Vor das Angesicht Gottes“ will sagen: „Hast du auch viele Sünden, aber das Almosen zur Fürsprecherin, so fürchte dich nicht; denn keine der höhern Mächte widersetzt sich demselben; es [S. 383] fordert die Schuld und trägt seine Handschrift in Händen. Denn der Herr sagt ja selbst: „Was Jemand einem dieser Geringsten gethan hat, das hat er mir gethan.“6 Mit was immer für Sünden du also beschwert bist, deine Barmherzigkeit überwieget sie alle.“

1: Die Häuser der vornehmen Griechen und Römer waren mit dem größten Luxus erbaut, mit marmornen Säulen umgeben, der Fußboden mit Mosaik belegt, die Wände ganz mit Gold oder Elfenbein und Verzierungen in erhabener und vertiefter Arbeit geschmückt, die Decken gerade und cauelirt (laquearia) oder gewölbartig gebaut (testudines), die Tafeln in den Speisezimmern (triclinia) waren aus Citronenholz mit Elfenbein eingelegt, die Spiegel von Silber oder Gold, jedes Zimmer geziert mit Statuen und Gemälden. S. Lutz a. a. O. S. 52 Anmerkung.
2: Ps. 48, 13.
3: III. Kön. 21, 29.
4: Sprüchw. 20, 6.
5: Apostelg. 10, 3. 4.
6: Matth. 25, 40.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger