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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Zweite Homilie von der Buße, und über die Traurigkeit des Königs Achab, und über Jonas den Propheten.

2.

Damit du aber einsehen lernest, daß dem also sei, so höre, wie ein Anderer, welcher die Sünde gleich bekannte, dieselbe getilgt hat. Kommen wir auf den König und Propheten David. Ich nenne ihn aber lieber einen Propheten; denn als König herrschte er nur in Palästina, als Prophet bis an die Grenzen des Erdkreises; seine Herrschaft dauerte nur kurze Zeit, sein prophetischer Mund aber hat unsterbliche Worte gesprochen. Es wäre besser, daß die Sonne erlösche, als daß die Worte Davids der Vergessenheit überantwortet würden. David verfiel in Ehebruch und Mord; „denn er sah,“ heißt es,1 „ein schönes Weib, das sich badete, entbrannte in Liebe zu ihr und vollbrachte, was er sich vorgenommen.“ Und der Prophet lag im Ehebruch, die Perle mitten im Kothe. Aber noch erkannte er nicht, daß er gesündigt; so sehr war er durch die Leidenschaft eingeschläfert. Denn ist der Fuhrmann betrunken, so läuft auch der Wagen unordentlich fort; was aber Fuhrmann und Wagen ist, das ist Seele und Leib. Ist aber die Seele verfinstert, so wälzt sich auch der Leib im Schlamme herum. Denn so lange der Fuhrmann noch steht, geht auch der Wagen ordentlich weiter. Gebricht es aber jenem an Kraft und ist er nicht mehr im Stande die Zügel zu halten, so sieht man, daß auch der Wagen selbst in Gefahr ist. So geht es auch bei dem Menschen. So lange die Seele nüchtern und wachsam ist, bleibt auch der Leib rein. Wenn aber die Seele umnebelt ist, so wälzt sich auch der Leib in Schlamm und Wollust. Was hat also David begangen? Einen Ehebruch. Er erkannte es aber nicht, erhielt auch von Niemanden eine Rüge; [S. 370] das geschah, als er schon in hohem Alter stand, damit du daraus lernest, daß dir auch das Alter nicht frommt, wenn du nachlässig bist, und daß hinwieder die Jugend nicht zu schaden vermöge, wenn du die gehörige Sorgfalt anwendest. Denn der Lebenswandel hängt nicht vom Alter ab, wohl aber ist die Tugend ein Ausfluß der Gesinnung. Denn Daniel zählte zwölf Jahre und war schon Richter, jene hochbetagten Greise aber dichteten (Susanna) eine unzüchtige Aufführung an;2 und wie diesen ihr Alter Nichts nützte, so brachte jenem die Jugend keinerlei Nachtheil. Und damit du erkennest, daß edle Handlungen nicht nach dem Alter, sondern nach der Gesinnung beurtheilt werden, so erwäge: David befand sich in demselben hohen Alter, fiel doch in einen Ehebruch, beging einen Mord und war so gesinnt, daß er nicht einmal seine Sünde erkannte; denn der Führer, die Seele, war berauscht von Unenthaltsamkeit. Was thut nun Gott? Er schickt den Propheten Nathan zu ihm; der Prophet kommt zum Propheten; denn so geschieht es auch bei den Ärzten; wenn ein Arzt krank ist, bedarf er eines andern Arztes. So war es auch hier: ein Prophet hatte eine Sünde begangen, und ein Prophet ist es, der ihm das Heilmittel bringt. Nathan kömmt also zu ihm; er macht ihm nicht sogleich Vorwürfe und sagt nicht: Du Lasterhafter, du Schändlicher, du Ehebrecher und Mörder! Gott hat dich mit so vieler Ehre überhäuft, und du hast seine Gebote mit Füßen getreten. Nichts dergleichen sagt ihm Nathan, um ihn nicht noch unverschämter zu machen; denn wenn man die Sünden offenbar macht, so wird der Sünder zu größerer Unverschämtheit gereizt. Nathan kommt also zu ihm, erzählt ihm eine erdichtete Geschichte und sagt3: „Ich habe dir eine Klage vorzutragen, o König. Es war ein reicher Mann, und es war ein armer Mann; der Reiche hatte viele Schafe und Rinder, der Arme aber besaß nur ein einziges Schäfchen, welches aus seinem Becher trank und von seinem [S. 371] Tische aß und an seinem Busen schlief.“ Hier bedeutet das die Liebe des Mannes zum Weibe. „Als nun zum reichen Manne ein Gast kam, so wollte er die eigenen Schafe schonen, nahm das Schäfchen des armen Mannes und schlachtete es.“ Siehst du, wie er diese Erzählung einkleidet und das Eisen unter dem Schwämme verbirgt? Was sagt nun der König dazu? In der Meinung, daß er über einen Andern urtheile, that er sehr schnell seinen Ausspruch; denn so machen es die Menschen: gegen Andere zu urtheilen sind sie gleich bei der Hand; sie bilden sich strenge Urtheile und sprechen sie aus. Und was spricht nun David? „So wahr der Herr lebt, der Mann ist ein Kind des Todes, und das Schäflein wird er vierfach wiedererstatten.“4 Was that nun Nathan? Er brachte nicht erst viele Stunden zu, den Streich sanft zu führen, sondern führte ihn stracks und schnitt in aller Geschwindigkeit, um ihm nicht das Gefühl des Mordes zu rauben: „Du bist der Mann, o König!“5 Was sprach nun der König? „Ich habe gesündigt wider den Herrn.“6 Er sagte nicht: Wer bist denn du, daß du mich anklagst? Wer hat dich gesandt, so freimüthig zu reden? Mit welcher Kühnheit thatest du das? Er sprach kein ähnliches Wort, sondern er erkannte die Sünde. Und was spricht er? „Ich habe gesündigt wider den Herrn.“7 Was sagt nun Nathan zu ihm? „Auch der Herr hat deine Sünde weggenommen; du hast dich selbst verurtheilt, ich erlasse dir die Strafe; du hast ein aufrichtiges Bekenntniß abgelegt und so die Sünde getilgt; du hast dir das Urtheil selber gesprochen, ich hebe das meinige auf.“ Siehst du, daß erfüllt wird, was geschrieben steht: „Bekenne du zuerst deine Sünden, auf daß du gerechtfertigt werdest?“8 Was kostet es doch für eine Arbeit, zuerst die Sünde zu bekennen?

1: II. Kön. 11, 2.
2: Dan. 13, 45 ff.
3: II. Kön. 12, 1—5.
4: Ebend. V. 5, 6.
5: Ebend. V. 7.
6: Ebend. V. 13.
7: Ebend. V. 13.
8: Is. 43, 26.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger