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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Erste Homilie von der Buße, als er vom Lande in die Stadt zurückkehrte.

2.

Da wir nun Dieses wissen, so laßt uns weder die Hoffnung aufgeben, noch auch nur der Trägheit verfallen: denn das ist beides verderblich. Denn die Verzweiflung läßt den, der da liegt, nicht erstehen, die Trägheit aber bringt auch den, der da stehet, zum Falle; jene beraubt uns der Güter, die wir schon gewonnen haben; diese läßt uns nicht befreit werden von den Übeln, unter denen wir seufzen. Die Trägheit stößt uns aus dem Himmel selbst, die Verzweiflung führt bis auf den Abgrund der Bosheit, wie das Vertrauen schnell daraus erhebt. Betrachte nur die beiderseitige Kraft. Der Teufel war vorher ein guter Geist; weil er aber träg’ war und verzweifelte, so fiel er in solche Ruchlosigkeit, daß er sich nie wieder zu erheben vermag. Daß er aber gut war, — vernimm aus den Worten: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“1 Die Ähnlichkeit mit dem Blitze aber zeigt sowohl die Vortrefflichkeit seines ersten Zustandes als auch die Schnelligkeit seines Falles. Paulus war ein Lästerer und ein Verfolger und ein Gewaltmensch gegen die Christen; weil er aber eifrig war und nicht verzweifelte, stand er wieder auf und wurde den Engeln gleich. Judas hingegen war ein Apostel; weil er aber nachlässig war, wurde er ein Verräther. So kam auch der Schächer vor allen Andern in’s Paradies, weil er nach so großer Bosheit doch nicht verzweifelte. Der Pharisäer, der auf sich selber vertraute, stürzte selbst von der Höhe der Tugend; der Zöllner, der den Muth nicht verlor, erhob sich so, daß [S. 357] er jenem zuvorkam. Soll ich dir zeigen, daß es auch einer ganzen Stadt so erging? Die gesammte Stadt der Niniviten wurde auf diese Weise gerettet, obwohl der göttliche Ausspruch ihnen alle Hoffnung benahm. Denn er lautete nicht: „Sie werden gerettet werden, wenn sie Buße thun,“ sondern bloß: „Drei Tage noch, und Ninive wird zerstört werden.“2 Obgleich aber Gott drohte, und der Prophet verkündigte, obgleich der Ausspruch nichts von einem Aufschub oder einer Bedingung sagte, ließen sie den Muth nicht sinken und gaben die Hoffnung auf Gnade nicht auf. Denn es war eben deßwegen keine Bedingung hinzugesetzt und nicht gesagt worden: „Wenn sie Buße thun, werden sie gerettet werden,“ damit auch wir, wenn wir einen unbedingten Ausspruch Gottes vernehmen, selbst so die Hoffnung nicht aufgeben und nicht verzweifeln, sondern auf jenes Beispiel hinsehen. Die Menschenfreundlichkeit Gottes erhellet nicht allein daraus, daß er den bußfertigen Sündern verzieh, obgleich sein Ausspruch unbedingt war, sondern auch gerade daraus, daß er ihn eben ohne Bedingung gethan. Um nämlich die Furcht zu vermehren und ihre große Trägheit aufzurütteln, that er Dieß, und die Zeit der Buße selbst zeigt seine unaussprechliche Gnade. Denn wie wären drei Tage im Stande gewesen, eine solche Ruchlosigkeit zu tilgen? Du siehst, wie auch hier die Vorsorge Gottes sich zeigt; denn diese hat das Meiste beigetragen, die Stadt zu erhalten. Da wir also das wissen, sollen wir niemals verzweifeln; denn keine Waffe des Satans ist stärker als die Verzweiflung. Deßhalb bereiten wir ihm eine größere Freude, wenn wir verzweifeln, als wenn wir sündigen. Höre, wie Paulus in Betreff des Blutschändens mehr wegen der Verzweiflung als wegen der Sünde in Furcht war. Denn in seinem Schreiben an die Korinther sagt er: „Allgemein hört man von Hurerei unter euch, und zwar von einer solchen Hurerei, die nicht einmal bei den Heiden genannt wird.“3 Er sagt nicht: „Eine solche, welche [S. 358] nicht einmal die Heiden zu begehen wagen,“ sondern: „Die nicht einmal genannt wird;“ wovon ihnen schon der Name unerträglich ist, das habt ihr thatsächlich gewagt. Und „ihr seid aufgeblasen;“ er sagt nicht: „Er ist aufgeblasen,“ sondern er verläßt Den, der gesündiget hat, und redet zu den Gesunden, gleichwie es die Ärzte machen, die von den Kranken weggehen und mit deren Verwandten lange Zeit sprechen. Übrigens waren auch sie an seinem ganzen Hochmuthe Schuld, weil sie ihn nicht tadelten und straften. Er macht daher Allen Vorwürfe, damit die Wunde desto leichter geheilt werde. Denn die Sünde ist zwar ein schweres Verbrechen, aber ein noch schwereres ist es, auf die Sünden stolz sein. Denn wenn Derjenige, welcher auf die Gerechtigkeit stolz ist, dieselbe verliert, wie viel mehr wird uns der Stolz über die Sünde den größten Schaden zufügen, und ein größeres Verbrechen als die Sünde selbst sein? Deßwegen heißt es: „Wenn ihr Alles gethan habt“ (was euch befohlen ist), so sprechet: „Wir sind unnütze Knechte.“4 Denn wenn Diejenigen sich erniedrigen müssen, die Alles gethan haben, um so billiger ist es, daß der Sünder weine und sich selbst unter die Allermindesten zähle. Nachdem Paulus dieses gezeigt hatte, sagt er: „Und ihr seid nicht vielmehr in Trauer versetzt?“5 Was sprichst du? Ein Anderer hat gesündiget, und ich soll trauern? Ja, spricht er; denn wir sind wie der Leib und die Glieder mit einander vereinigt. Wenn aber am Körper auch nur der Fuß eine Wunde erhält, so sehen wir, daß sich das Haupt senkt. Und doch was ist wohl ehrwürdiger, als dieses? Allein zur Zeit der Noth denkt es nicht an seine Würde. Also thue auch du. Daher ermahnet auch Paulus, „mit den Fröhlichen sich zu freuen, mit den Weinenden zu weinen.“6 Deßwegen spricht er auch zu den Korinthern: „Und ihr seid nicht vielmehr in Trauer versetzt, daß Der, welcher diese That begangen, aus eurer Mitte geschafft werde.“ Er sagt nicht: „Ihr habt nicht mehr [S. 359] Eifer gezeigt,“ sondern was? „Ihr seid nicht vielmehr in Trauer versetzt,“ da gleichsam eine allgemeine Krankheit und Pest die Stadt ergriffen hat; fast als sagte er: Man muß beten, seine Sünden bekennen, flehen, damit diese Krankheit von der ganzen Stadt weggetilgt werde. Siehst du, welche Furcht er ihnen einflößte? Denn weil sie glaubten, das Übel berühre bloß ihn und sei bei ihm stehen geblieben, so macht er ihnen bange und sagt: „Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig die ganze Masse durchsäuert?“7 Damit will er aber sagen: ein Übel, das um sich greift, erfaßt auch die andern Glieder, und ihr müßt euch, wie über ein gemeinsames Übel, berathen, dasselbe zu heilen. Denn sage mir nicht, daß er allein gesündiget hat, sondern bedenke, daß die Sünde ein Fäulniß ist, die den ganzen übrigen Körper ergreift. Wie bei einer Feuersbrunst diejenigen, deren Haus die Flamme noch nicht ergriffen, in nicht geringerer Noth sich befinden und Alles anwenden, damit das Feuer nicht fortwüthe und ihre Häuser erreiche, so ermahnet auch Paulus die Korinther: „Es ist eine Feuersbrunst; laßt uns dem Übel zuvorkommen, den Brand löschen, ehe er die Kirche ergreift!“ Vernachlässigst du aber die Sünde, weil sie sich in einem fremden Körper befindet, so begehst du die gewaltigste Thorheit; denn Jener ist ein Glied des ganzen Körpers.

1: Luk. 10, 18.
2: Jon. 3, 4.
3: I. Kor. 5, 1.
4: Luk. 17, 10.
5: I. Kor. 5, 2.
6: Röm. 12, 12.
7: I. Kor. 5, 6.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger