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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Erste Homilie von der Buße, als er vom Lande in die Stadt zurückkehrte.

1.

[S. 352] Habt ihr während dieser Zeit meiner Entfernung von euch wohl auch meiner gedacht? Ich wenigstens konnte euch nirgends vergessen, sondern behielt, obgleich ich die Stadt verließ, doch das Andenken an euch. Denn wie Diejenigen, welche für eine körperliche Schönheit erglühen, das Bild der Geliebten überall, wohin sie sich immer begeben, mit sich herumtragen, so trage auch ich, von der Schönheit eurer Seele entzückt, das herrliche Bild eures Geistes mit mir herum. Und gleichwie die Maler durch die Mischung verschiedener Farben das Bild des Körpers ausdrücken, so entwarf auch ich mir aus eurer Andacht in den Versammlungen, aus eurem eifrigen Zuhören, aus dem Wohlwollen gegen den Redner und aus den übrigen Tugenden, wie aus verschiedenen Farben, das Bild eurer Seele, drückte mir den Charakter desselben in’s Herz, hielt mir das Bild vor die Augen des Geistes und schöpfte aus diesem Anblick hinlänglich Trost auf der Reise. Und ich mochte daheim sitzen oder aufstehn, wandeln oder ruhen, ein- oder ausgehen, immer war ich damit beschäftigt, von eurer Liebe zu träumen;1 und nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht schwelgte ich in solchen Gedanken. Und was Salomo spricht: „Ich schlafe, und mein Herz wacht.“2 das widerfuhr damals auch mir. Die Nothwendigkeit des Schlafes zog mir zwar die Augenlider zusammen, allein die Macht eurer Liebe erhielt die Augen meiner Seele wach, und oft glaubte ich im Traume [S. 353] mit euch zu reden. Denn es ist ja gewöhnlich, daß die Seele das des Nachts in der Einbildung sieht, woran sie des Tags hindurch denkt. So erging es damals auch mir: Obgleich ich euch nicht mit den leiblichen Augen erblickte, sah ich euch doch mit den Augen der Liebe, und körperlich ferne von euch war ich durch die Liebe euch nahe, und von eurem Rufe erschallten mir beständig die Ohren. Obgleich die Schwäche meines Körpers mich zwang, länger dort zu verweilen, und die reine Luft meiner leiblichen Gesundheit förderlich war, so ertrug das die mächtige Liebe zu euch nicht länger, schrie laut auf und ließ nicht eher ab mich zu plagen, als bis sie mich zum Entschluß gedrängt, vor der Zeit mich wegzubegeben und eure Versammlung für meine Gesundheit, meine Wonne, mein Alles zu halten. Dieser Liebe gehorchte ich nun und wollte lieber zurückkehren, obgleich die Gesundheit nicht ganz hergestellt war, als durch nieine Abwesenheit eure Liebe langer betrüben, falls ich so lange wartete, bis ich die Schwäche des Körpers gänzlich verloren. Denn auch in meinem dortigen Aufenthalte hörte ich eure Klagen; viele Briefe brachten sie mir, und den Klagenden wie Lobenden bin ich gleich sehr verbunden. Denn jene Klagen (über meine Entfernung) rühren von Seelen her, die zu lieben wissen. Deßhalb machte ich mich auf und eilte zu euch; deßwegen konnte ich euch niemals vergessen. Was Wunder, daß ich bei meinem Aufenthalte auf dem Lande, bei der Freiheit, die ich genoß, eurer Liebe gedachte, da auch Paulus in Banden liegend und tausend ihm drohende Gefahren vor Augen im Gefängnisse wie in einem Lustgarten lebte, also der Brüder gedachte und schrieb: „Wie es sich für mich gebührt, von euch Allen zu denken, weil ich euch in meinem Herzen trage in meinen Banden, in der Vertheidigung und in der Bestätigung des Evangeliums.“3 Äusserlich fesselten ihn die Ketten der Feinde, innerlich die Ketten der Liebe zu seinen Schülern; allein die äussere Kette war aus Eisen geschmiedet, die innere aus Liebe gemacht; jene legte er zum [S. 354] öftern ab, diese löste er niemals. Weiber, die einmal die Geburtsschmerzen empfunden und Mütter geworden, sind mit denen, die sie geboren, mögen diese sich auch wo immer befinden, innigst verbunden. Ebenso stark und noch stärker war das Band, das den Paulus an seine Anhänger knüpfte, und um so stärker, je mehr die geistige Geburt die leibliche an Innigkeit übertrifft. Denn er hat sie nicht bloß einmal, sondern zweimal geboren, indem er ja ausruft und sagt: „Meine Kinder, die ich abermal mit Schmerzen gebäre.“4 Das möchte ein Weib wohl nicht fürder auf sich nehmen und nicht zum zweiten Male dieselben Schmerzen erdulden; aber Paulus ertrug, was wir in der Natur nicht erblicken, und gebar Diejenigen, die er schon einmal geboren, noch einmal und erduldete dabei schneidende Schmerzen. Damit wollte er sie auch beschämen, indem er sagte: „Die ich zum zweiten Male gebäre,“ gleich als wollte er sagen: Schonet meiner! Kein Sohn hat dem Mutterleibe zum zweiten Male die Geburtsschmerzen bereitet, wie ihr mich nöthigt, sie zu ertragen. Die leiblichen Geburtsschmerzen dauern nur eine ganz kurze Zeit; denn sobald das Kindlein dem Mutterleibe entgleitet, hören sie auf; die geistigen aber sind nicht von der Art, sondern dauern ganze Monate fort; denn Paulus hat diese Wehen oft ein ganzes Jahr durch empfunden, und die er empfangen, doch nicht geboren. Bei jenen leidet der Leib; hier aber strengen die Schmerzen nicht den Körper an, sondern verzehren selbst die geistige Kraft. Und damit du wissest, daß diese Schmerzen weit brennender sind: welche Mutter wünschte wohl je für ihre geborenen Kinder die Hölle zu erdulden? Paulus aber will sie nicht nur erdulden, sondern wünscht sogar verworfen zu werden von Christus, um die Juden, wegen welcher er beständige Wehen ausstand, gebären zu können, und weil das nicht geschah, beklagt er sich mit den Worten: „Ich habe große Traurigkeit und beständigen Schmerz in meinem Herzen,“5 und wieder über den näm- [S. 355] lichen Punkt: „Meine Kinder, die ich wieder gebäre mit Schmerz, bis Christus eine Gestalt in euch gewinne.“6 Was kann wohl seliger sein als jener Leib, der solche Kinder zu gebären vermochte, die Christum in sich hatten? Was wohl fruchtbarer als der, welcher die ganze Welt gebar? Was stärker als der, welcher schon geborene und großgewordene unzeitige Geburten wieder empfangen und ihnen eine andere Gestalt geben konnte? Denn das ist bei natürlichen Geburten unmöglich. Warum sagt er aber nicht: „Meine Kinder, die ich wieder gebäre,“ sondern: „Die ich mit Schmerzen gebäre“? Und doch sagt er an einem andern Orte: „Ich habe euch in Christo Jesu gezeugt.“7 Hier wollte er bloß seine Verwandtschaft zeigen, dort aber trachtet er auch den Schmerz zu bezeichnen. Wie nennt er aber diejenigen Kinder, die er noch nicht geboren? Denn wenn er die Wehen empfindet, so hat er noch nicht geboren: wie nennt er sie also Kinder? Damit man ersehe, daß Dieß nicht die ersten Geburtsschmerzen seien, was hinreichend gewesen wäre, sie zu beschämen. „Denn,“ sagt er, „ich bin schon einmal Vater geworden und habe die gehörigen Wehen erduldet; aber auch ihr seid schon einmal Kinder geworden; warum nöthigt ihr mich zum zweiten Mal zu den Wehen? Es genügen ja doch die ersten Geburtswehen; warum ängstigt ihr mich zum zweiten Male damit?“ Denn die Sünden der Gläubigen verursachten ihm keinen geringern Schmerz als die Derjenigen, die noch nicht glaubten. Denn es war ja unerträglich, Einige nach der Theilnahme an so großen Geheimnissen zur Gottlosigkeit von selbst zurückkehren zu sehen. Deßhalb klagt er so sehr und seufzt kläglicher als eine Frau: „Meine Kinder, die ich wieder mit Schmerzen gebäre, bis Christus in euch eine Gestalt gewinne.“ Das sagte er, um ihnen gleichzeitig sowohl Muth zu machen, als auch Furcht einzuflößen. Denn wenn er ihnen zeigt, Christus habe noch keine Gestalt in ihnen gewonnen, so flößt er ihnen Angst [S. 356] und Furcht ein; wenn er aber sagt, daß er eine Gestalt gewinnen könne, so will er sie hinwieder ermuthigen. Denn dadurch, daß er sagt: „Damit er eine Gestalt gewinne,“ ist Dieß beides ausgedrückt, sowohl daß diese Gestalt noch nicht gewonnen sei, als auch, daß sie wieder gewonnen werden könne. Denn wenn das nicht möglich wäre, so hätte er zu ihnen vergeblich gesagt: „Bis Christus eine Gestalt in euch gewinne,“ und er hätte sie mit eitler Hoffnung getäuscht.

1: Montfaucon übersetzt das: τὴν ὑμετέραν ὀνειροπολοῦντες ἀγάπην durch: Caritatem vestram vel in somniis intuentes. Sehr richtig bemerkt Lutz: ὀνειροπολεῖν, den Traum erklären, dann träumen. Theocrit. Idyll 21, 45 „der Hund träumt stets von Brod, ich von Fischen.“ Terent. Eunuch. 1, 2, 113 „träum’ von mir, denk’ an mich.“ Vgl. auch Virg. Eclog. 8, 108: An qui amant, ipsi sibi somnia fingunt? Also sich träumerischen Gedanken überlassen.
2: Cantic. 5, 2.
3: Philipp. 1, 7.
4: Gal. 4, 19.
5: Röm. 9, 2.
6: Gal. 4, 19.
7: 1. Kor. 4, 15.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger