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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)

VI. Kapitel

1.

[S. 141] Vers 1: „Brüder, wenn auch ein Mensch sich übereilt hätte.“ Da sie1 nämlich unter dem Vorwande gerechten Tadels ihre Leidenschaften gegen sie kühlten, und indes sie scheinbar gegen die Sünde auftraten, in Wirklichkeit ihre Herrschsucht über sie zur Geltung bringen wollten, schreibt er: „Brüder, wenn auch ein Mensch sich übereilt hätte.“ Er sagt nicht: wenn er gehandelt hätte, sondern: „wenn er sich übereilt hätte“, d. h. wenn er mitgerissen worden wäre.

„So bringt, die ihr geistig seid, einen solchen zurecht.“

Er sagt nicht: strafet ihn, noch: verurteilt ihn, sondern: „bringt ihn zurecht“. Und selbst hierbei bleibt er nicht stehen, sondern empfiehlt ihnen recht große Mühe gegen die Gefallenen, indem er also fortfährt:

„Im Geiste der Sanftmut.“

Er sagt nicht: in Sanftmut, sondern: „im Geiste der Sanftmut“, damit offenbarend, daß es auch dem Geiste so gefällt und daß die Kraft, die Sünder freundlich aufzurichten, einer Geistesgabe entspringt. Damit sodann der Zurechtweisende sich nicht überhebe, legt er ihm dieselbe Befürchtung nahe, indem er also schreibt:

„Und habe acht auf dich selbst, damit nicht auch du versucht werdest.“

Wie nämlich die Reichen den Bedürftigen Gefälligkeiten erweisen, damit sie, wenn einmal in Not geraten, auch ihrerseits Unterstützung finden mögen: so sollen auch wir tun. Deswegen gibt er auch einen zwingenden Grund an und schreibt also: „Und habe acht auf dich [S. 142] selbst, damit nicht auch du versucht werdest.“ Er entschuldigt also den Sünder 1. indem er sagt: „Wenn er sich auch übereilt hätte;“ 2. unter dem Titel der großen Schwäche; 3. „damit nicht auch du verführt werdest“, indem er die Schuld mehr auf den Neid des Teufels als auf den eigenen Leichtsinn schiebt.

V. 2: „Traget einer des anderen Last.“

Weil es nicht sein kann, daß ein Mensch ganz ohne Fehler bleibe, ermahnt er uns, es mit fremden Fehlern nicht so genau zu nehmen, sondern die Unvollkommenheit des Nächsten zu ertragen, damit auch unsere eigene von den anderen ertragen werde. Wie nämlich bei einem Gebäude nicht alle Steine denselben Platz bekommen, sondern der eine wohl zum Eckstein taugt, aber nimmermehr zum Fundamente, der andere wohl zum Fundamente, aber nimmermehr zum Eckstein: so auch beim Leibe der Kirche. Selbst an unserem Fleische könnte man die gleiche Wahrnehmung machen. Aber dennoch: eins erträgt das andere, und nicht von allen verlangen wir alles. Der Beitrag, den die Gesamtheit liefert, setzt Leib und Gebäude zusammen. — „Und so erfüllet voll.“ Er sagt nicht: erfüllet, sondern:

„erfüllet voll das Gesetz Christi“, 2

d. h. erfüllet es alle mitsammen dadurch, daß ihr einander ertraget. Der und Jener ist zornmütig, du aber bist schläfrig; ertrage seine Heftigkeit, damit auch er deine Trägheit ertrage. Und so wird jener, von dir geschont, nicht sündigen; aber auch du fehlst nicht, weil dein Bruder deine Last erträgt. Reichet so einander die Hand in dem, worin ihr fallen könntet, und erfüllet gemeinsam durcheinander das Gesetz, indem ein jeder durch eigene Geduld ergänzt, was dem Nächsten abgeht. Handelt ihr aber nicht also, sondern will ein jeder gegen die Fehler seines Nächsten streiten, so werdet ihr niemals [S. 143] haben, was ihr braucht. Denn gleichwie ein Leib nicht bestehen kann, von dessen Gliedern allen man denselben Dienst verlangte, ebenso wird auch unter den Brüdern sich häufig Streit erheben, wenn wir von allen alles fordern.

V. 3: „Wer da vermeint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, betrügt sich selbst.“

Hier wieder verspottet3 er die Anmaßung. Wer sich etwas zu sein dünkt, ist nichts! Als ersten Beweis für seine Unbedeutendheit hebt er seine große Einfalt hervor.

V. 4: „Ein jeglicher prüfe aber sein eigen Tun.“

An dieser Stelle zeigt er, daß wir unser Leben erforschen müssen, und zwar nicht so obenhin, sondern ganz genau unsere Werke prüfen. Du hast z. B. eine schöne Tat verrichtet. Untersuche, ob sie nicht etwa geschehen ist aus Ruhmsucht, aus Zwang, aus Feindschaft, aus Heuchelei, aus einem anderen menschlichen Beweggrunde! Denn gleichwie das Gold zwar lauter erscheint, bevor es in den Schmelzofen kommt, aber erst im Feuer seine Echtheit zutage tritt, indem die Schlacken alle vom echten Metall sich scheiden: so enthüllen sich unsere Handlungen erst dann recht deutlich, wenn wir sie einer genauen Prüfung unterziehen; und wir werden finden, daß wir in vielen Punkten tadelnswert sind.

„Und dann mag er Rühmens haben in bezug auf sich allein und nicht in bezug auf einen andern.“

Das ist keine Vorschrift, sondern ein Zugeständnis. Gleich als ob er sagen wollte: Das Prahlen ist zwar Torheit; wenn du es aber doch willst, so prahle nicht in Hinblick auf den Nächsten wie jener Pharisäer.4 Wer dieses (zu meiden) gelernt hat, wird auch jenes bald [S. 144] unterlassen. Deswegen gab er auch dieses zu, um so in kurzem das ganze Übel abzustellen. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, nur im Hinblick auf sich selbst zu prahlen und nicht im Hinblick auf andere, der wird auch dieses Gebrechen schnell beseitigen. Denn wer sich nicht für besser hält als die anderen — das bedeuten nämlich die Worte: „nicht in bezug auf einen andern“ —, sondern seine Person für sich allein prüfend großtut, wird in der Folge auch davon ablassen. Damit du erkennest, daß dieses seine Absicht ist, so betrachte, wie er ihn durch die Furcht demütigt! Oben nämlich sagte er: „Ein jeglicher prüfe sein eigen Tun“; hier dagegen fährt er fort:

V. 5: „Ein jeder soll seine eigene Bürde tragen.“

Scheinbar bringt er einen Grund vor, der verhindern soll, sich gegenüber anderen zu brüsten; in Wirklichkeit aber setzt er dem Prahler zu, auch nicht auf sich selbst stolz zu sein, indem er ihm die eigenen Sünden zu Gemüte führt und unter dem Namen von Last und Bürde sein Gewissen beschwert.

1: Die Galater. Der Apostel wendet sich jetzt nach Bekämpfung des Judaismus ihren übrigen Fehlern zu.
2: ἀναπληροῦν = ausfüllen, voll und ganz erfüllen.
3: Lies: κατασκώπτει für κατασκοπεῖ. Der überlieferte Text ergibt keinen Sinn, ohne daß eine der vorgeschlagenen Verbesserungen vollauf befriedigen würde.
4: Vgl. Luk. 18, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger