Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)

V. Kapitel

1.

[S. 120] Vers 1: „Zu der Freiheit“, spricht er nämlich, „zu welcher Christus euch erkauft hat, stehet fest!“ 1

Habt ihr euch etwa selber freigemacht, daß ihr wieder dem alten Tyrannen zulaufet? Ein anderer2 ist’s, der euch erkauft, ein anderer, der für euch das Lösegeld gegeben hat. — Siehst du, durch welche Mittel er sie vom jüdischen Irrwahn zurückführt? Erstens weist er hin auf die übergroße Torheit, die sich in dem Verlangen kundgibt, nachdem sie aus Knechten Freie geworden, wieder aus Freien Knechte zu werden; zweitens auf die gemeine Undankbarkeit, deren sie sich gegen ihren Wohltäter schuldig machten, wenn sie für ihn, den Befreier, nur Verachtung, für den Tyrannen aber Liebe zeigten; drittens auf die Unmöglichkeit ihres Beginnens; denn das Gesetz hat nicht mehr die Herrschaft über euch, seitdem ein anderer euch alle aus seinem Joche losgekauft. — Durch die Aufforderung: „stehet fest“ deutet er auf ihren Wankelmut hin.

„Und lasset euch nicht wieder mit dem Knechtschaftsjoche belasten!“

Mit dem Worte „Joch“ führt er ihnen die Schwere des Druckes vor Augen; mit dem Wörtlein „wieder“ brandmarkt er ihren Stumpfsinn. Denn hättet ihr jene Schwere noch nicht verspürt, so wäre es unbillig, euch solche Vorwürfe zu machen. Wenn man aber, wie ihr, durch eigene Erfahrung die Last des Jochs kennt und dann wieder den Hals hineinsteckt, kann man da noch auf eine Verzeihung Anspruch erheben?

V. 2: „Seht, ich, Paulus, sage euch, daß, wenn ihr euch beschneiden lasset, Christus euch nichts nützen wird.“

Mein Gott! Welche Drohung! — Natürlich, er hat ja auch die Engel dem Fluche geweiht.3 — Aber inwieferne [S. 121] wird Christus ihnen nichts nützen? Der Apostel gab keine Begründung4 hierfür, sondern behauptete es einfach, wie ja schließlich die persönliche Glaubwürdigkeit jeglichen Beweis zu ersetzen vermag. Deshalb sprach er vorwegnehmend: „Seht, ich, Paulus, sage euch“, was sein Vertrauen auf die Zuhörer zeigt. Wir aber wollen nach Maßgabe unserer Kräfte die Begründung aus Eigenem hinzugeben. Inwieferne wird Christus dem nichts nützen, der sich beschneiden läßt? Wer sich beschneiden läßt, tut es aus Furcht vor dem Gesetze; wer aber fürchtet, mißtraut der Kraft der Gnade; wer aber mißtraut, hat von ihr infolge des Mißtrauens keinen Nutzen. Wiederum anders: Wer sich beschneiden läßt, macht das Gesetz zum Gebieter; wer es als Gebieter betrachtet und doch nur zum kleineren Teile hält, während er es in der Hauptsache übertritt, verwirkt aufs neue den Fluch; wer aber dem Fluche verfällt und die Freiheit aus dem Glauben zurückstößt, wie kann der gerettet werden? Wenn ich etwas Absonderliches sagen darf: ein solcher glaubt weder an Christus noch ans Gesetz, sondern hält sich in der Mitte und möchte von da und von dort gewinnen; darum wird er von keiner Seite nennenswerten Nutzen ziehen. — Nach den Worten: „Christus wird nichts nützen“ bringt er andeutungsweise und in aller Kürze den Beweis. Er sagt:

V. 3: „Ich bezeuge aber jeglichem, der sich beschneiden läßt, daß er verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu halten.“

Damit du, erklärt er, nicht etwa meinest, dies sei in feindseliger Gesinnung gesprochen, so sage ich nicht bloß euch, sondern einem jeden Menschen, der sich beschneiden läßt: er ist schuldig, das ganze Gesetz zu [S. 122] halten; denn beim Gesetze hängt alles zusammen. Gleichwie ein Freier, der sich der Sklaverei verschreibt, nicht mehr seinen eigenen Willen tun darf, sondern allen Bestimmungen der Sklaverei unterworfen ist, so verhält es sich auch mit dem Gesetze. Wenn du auch nur einen kleinen Teil des Gesetzes auf dich nimmst und deinen Nacken unter das Joch beugst, so hast du die ganze Tyrannei auf dich geladen. So geht es auch in weltlichen Erbschaftsangelegenheiten. Wer nichts anrührt, ist aller Verpflichtungen ledig, die sich an das Erbe des Verstorbenen knüpfen; wenn er aber eine Kleinigkeit sich zueignet, so hat er, auch wenn er nicht das Ganze bekommt, wegen des Teiles sich nach allen Seiten verpflichtet. Das trifft auch beim Gesetze zu, und zwar nicht bloß aus dem angedeuteten Grunde, sondern noch aus einem anderen. Beim Gesetze nämlich hängt alles zusammen. Die Beschneidung z. B. bedingt Opfer und Festfeier; das Opfer wieder Rücksicht auf Zeit und Ort; der Ort unzählige Arten von Reinigungen; die Reinigungen haben einen ganzen Schwarm der verschiedensten Gebräuche im Gefolge. Man durfte nämlich nichts Unreines opfern, nicht das Allerheiligste betreten, und was dergleichen mehr ist. So zieht das Gesetz durch diese einzige Vorschrift gar vieles nach sich. Also; wenn du dich beschneiden läßt, aber nicht am achten Tage; oder zwar am achten Tage, aber ohne Opfer; mit Opfer, aber nicht am bestimmten Orte; am bestimmten Orte, aber ohne die vorgeschriebene Gabe; mit der vorgeschriebenen Gabe, aber selbst nicht rein; zwar rein, aber nicht gereinigt in der vorgeschriebenen Weise: dann ist alles umsonst. Aus diesem Grunde sagt er: „Er ist schuldig, das ganze Gesetz zu halten.“ (Ist also das Gesetz Gebieter), so erfülle nicht einen Teil, sondern das Ganze; ist es aber nicht Gebieter, so auch nicht den Teil!
[S. 123] V. 4: „Losgelöst seid ihr von Christus, die ihr durch das Gesetz gerechtfertigt werden wollet; aus der Gnade seid ihr gefallen.“

Nachdem er seinen Beweis gebracht, zeigt er im folgenden den schauerlichen Abgrund, an dem sie standen. Denn wenn derjenige, welcher sich dem Gesetze in die Arme wirft, hierdurch nicht gerettet werden kann, ja auch die Gnade verliert, was bleibt da übrig als unvermeidliche Strafe? Denn das eine ist ohne Kraft, die andere berührt ihn nicht.

1: Die erste Hälfte des V. 1 wird von der Vulgata zu K 4, 31 gezogen.
2: Die Lesart Ἄλλος ἐστὶν … ist vorzuziehen.
3: Gal. 1, 8.
4: D. i. keine ausführliche, denn einen kurzen und dunklen Beweis bringt Paulus nach des Chrysostomus eigener Angabe in V. 3.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
Bilder Vorlage

Navigation
. I. Kapitel
. II. Kapitel
. III. Kapitel
. IV. Kapitel
. V. Kapitel
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. VI. Kapitel

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger