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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)

IV. Kapitel

1.

Vers 1: „Ich sage aber: Solange der Erbe noch Kind ist, unterscheidet er sich in nichts von dem Knechte, obgleich er Herr von allem ist;
V. 2: sondern er steht unter Vormündern und Verwaltern bis zu der vom Vater vorausbestimmten Zeit.
V. 3: So waren auch wir, solange wir Kinder waren, unter die Gewalt der Elemente gestellt.“

Kind nennt er hier nicht das (geringe) Alter, sondern die (geringe) Einsicht. Er will zeigen, daß Gott von Anfang an seine Gnade schenken wollte; da wir aber noch allzu kindisch gesinnt waren, beließ er uns unter der Gewalt der Elemente, d. i. unter Neumond und Sabbat;1 denn diese Tage leiten sich her vom Laufe der Sonne und des Mondes. Wenn sie also auch jetzt noch euch unter das Gesetz zu beugen suchen, handeln sie gerade so, als wenn sie euch im Alter der Vollreife wieder in den Kindheitszustand zurückführen wollten. Siehst du, wie verhängnisvoll die Beobachtung der Tage ist? Den Herrn und Hausvater, dem alles gehört, würdigt sie zum Diener herab.2

V. 4: „Aber als die Fülle der Zeit gekommen wart sandte Gott seinen Sohn, geboren aus dem Weibe, geworden unter dem Gesetze,
V. 5: damit er die, welche unter dem Gesetze standen, loskaufe, damit wir die Annahme an Kindes Statt empfingen.“

Er macht hier zwei Beweggründe und heilsame Folgen der Menschwerdung namhaft: die Erlösung vom [S. 105] Übel und die Mitteilung des Guten. Dies alles konnte sonst niemand leisten als Christus allein. Was aber ist darunter zu verstehen? Die Erlösung vom Fluche des Gesetzes und die Annahme an Kindes Statt. „Damit er die, welche unter dem Gesetze standen, loskaufe und damit wir die Annahme an Kindes Statt empfingen.“ Treffend sagt er: „Damit wir empfingen“, um anzudeuten, daß sie3 geschuldet war. Von alters her war dies ja verheißen, und Paulus selbst hat des breiten erörtert, daß diesbezüglich an Abraham Verheißungen ergangen sind. Und woraus ersehen wir, daß wir Kinder sind, fragst du? Einen Grund hat er bereits angegeben: weil wir Christus, den wirklichen Sohn, angezogen haben. Nun nennt er einen zweiten: weil wir den Geist der Kindschaft empfingen.

V. 6: „Weil ihr nun Kinder seid, entsandte Gott den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der da ruft: Abba, o Vater!
V. 7: Sohin bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe Gottes durch Christus.“
4

Wir könnten ja nicht „Vater“ rufen, wenn wir nicht vorher Söhne geworden wären. Wenn also die Gnade aus Sklaven Freie, aus Kindern Mündige, aus Fremden Söhne und Erben machte: wäre es da nicht Torheit und abscheulicher Undank, sie zu verlassen und ins alte Elend zurückzukehren?

V. 8: „Dazumal freilich, da ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr Göttern, die es in Wirklichkeit gar nicht sind.
V. 9: Jetzt aber, nachdem ihr Gott erkannt habet, ja von Gott erkannt worden seid, wie mögt ihr euch wieder den kraftlosen und armseligen Elementen zuwenden, um ihnen von neuem dienstbar zu sein?“

Hier zielt er auf die Heidenchristen ab und betont, daß ein solches Gebaren, nämlich das ängstliche Fest- [S. 106] halten gewisser Tage, dem Götzendienste gleichzuachten sei,5 ja jetzt noch eine größere Züchtigung nach sich ziehe. Deshalb nannte er auch die Elemente „Götter, die es in Wirklichkeit gar nicht sind“, um ihnen dies recht einzuprägen und sie noch mehr zu erschüttern. Der Sinn seiner Worte ist: Damals wandet ihr euch in Finsternis und Irrtum auf dem Boden; jetzt aber, wo ihr Gott erkannt habt, vielmehr von ihm erkannt worden seid, verwirkt ihr da nicht größere und härtere Züchtigung, wenn ihr nach solcher Pflege wieder in die alte Krankheit zurückfallet? Denn nicht ihr habt durch eure Anstrengung Gott gefunden; ihr tapptet vielmehr in Finsternis, er aber zog euch an sich. Schwach und armselig nennt er die Elemente, weil sie keine Kraft bewiesen, wo es sich um die in Rede stehenden Güter handelte.

V. 10: „Ihr beobachtet ja Tage und Monde und Zeiten und Jahre.“

Hieraus erhellt, daß jene (Verführer) ihnen nicht bloß die Beschneidung predigten, sondern auch die Feste und Neumonde.

V. 11: „Ich bin in Sorge um euch, daß ich mich nicht etwa vergeblich um euch abgearbeitet habe.“

Siehe das Herz eines Apostels! Jene wankten, und er zittert und bebt. Deshalb macht er es auch recht eindringlich und spricht: „Ich habe mich abgearbeitet um euch“, gleich als wollte er sagen: Vereitelt nicht diese meine vielen Schweißtropfen! Durch die Worte aber: „ich bin in Sorge“ und: „daß ich nicht etwa“ erweckt er bei ihnen einerseits Unruhe, anderseits tröstliche Hoffnung. Er sagt ja nicht: Ich habe vergeblich gearbeitet, sondern: „daß ich nicht etwa , …“ Noch ist, so spricht er, der Schiffbruch nicht eingetreten, sondern [S. 107] ich sehe noch den Sturm, der ihn kreißend gebiert. Deshalb bin ich wohl in Sorge, aber keineswegs in Verzweiflung. Ihr habt es in eurer Gewalt, alles wieder gutzumachen und die frühere Windstille herbeizuführen. Dann den vom Sturme Betroffenen gleichsam die Hand bietend, weist er auf sich selbst hin und spricht:

V. 12: „Werdet wie ich, weil auch ich bin wie ihr!“

Das gilt den Judenchristen. Er lenkt die Rede deshalb auf sich selbst, um auch von dieser Seite her ihnen das Abstehen von den alten Satzungen nahezulegen. Denn hättet ihr auch von niemand anderem ein Beispiel, so würde ein Blick auf mich allein genügen, euch zu dieser Umkehr zu bewegen und euren Mut schnell zu beleben. Also schaut her! Ich bin ja vor Zeiten in der gleichen Lage gewesen und habe mich gar sehr für das Gesetz erhitzt; aber dennoch trug ich später kein Bedenken, vom Gesetze abzulassen und jene Lebensweise aufzugeben. Und ihr wißt dies ganz gut, wie ich mit überspanntem Eifer für das Judentum mich einsetzte und wie ich es hernach um so entschiedener fahren ließ. — Mit feiner Berechnung führt er dies an letzter Stelle an. Denn mag man noch so viele und noch so gute Gründe entdecken, die Mehrzahl der Menschen läßt sich doch am leichtesten von ihresgleichen bestimmen und hält am liebsten an dem fest, was sie andere tun sieht.

„Brüder, ich bitte euch … in nichts habt ihr mich gekränkt.“

Siehe, er gibt ihnen wieder den Ehrennamen und ruft ihnen dadurch seine Liebe ins Gedächtnis zurück. Hart hat er sie angefaßt und hat die Verhältnisse allseitig beurteilt und hat ihnen Gesetzwidrigkeit nachgewiesen und hat sie mannigfach verwundet: nun wieder läßt er nach und heilt, indem er sanftere Worte gebraucht. Denn gleichwie fortwährendes Kosen verzärtelt, so er- [S. 108] zeugt ein stets strenger Ton Erbitterung. Deswegen ist es gut, überall Maß zu halten. Sieh also: er entschuldigt sich bei ihnen wegen seiner Ausdrücke und zeigt, daß nicht einfach Abneigung gegen sie, sondern herzliche Sorge ihm die Worte eingegeben hat. Da er nämlich den Schnitt etwas tief geführt, gießt er nunmehr als linderndes Öl diesen Trost hinein. Und während er offen erklärt: Haß und Feindschaft lagen meinen Worten ferne, erinnert er sie an die Liebe, die er um sie an den Tag gelegt, und würzt seine Verteidigung mit Lobsprüchen.

1: = Altes Testament.
2: D. h. obwohl der Mensch durch die Gnade Kind des Hauses und Herr wurde, wollen ihn die Judenlehrer durch das Gesetz wiederum zum Sklaven machen.
3: Die Annahme.
4: Vulgata: heres per Deum.
5: Weil die Einhaltung dieser Tage auf Naturkult und Sternendienst hinausläuft.

 

 

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Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger