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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)

III. Kapitel

1.

Vers 1: „O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert? Euch, denen Jesus Christus vor Augen gezeichnet wurde, (als wäre er) unter euch gekreuzigt.“

Hier geht er nunmehr auf ein anderes Kapitel über. In den vorausgehenden hatte er gezeigt, daß er Apostel sei nicht von Menschen, noch durch Menschen, noch daß er der Unterweisung durch die Apostel bedurfte. Jetzt aber, da er sich als glaubwürdigen Lehrer erwiesen hat, redet er mit größerem Selbstbewußtsein und stellt Glaube und Gesetz in Vergleich. Zu Beginn des Briefes schreibt er: „Befremdet bin ich, daß ihr so schnell euch abwendet;“ hier aber: „O ihr unverständigen Galater!“ Dort nämlich hielt er mit seinem Unwillen zurück; nachdem er aber die Verdächtigungen gegen seine Person zurückgewiesen und den Beweis geführt hatte, gab er ihm Raum und ließ ihm freien Lauf. — Wundere dich nicht, daß er sie „unverständig“ nennt. Er tut dies nicht im Widerspruch mit Christi Mahnung, welcher verbietet, den Bruder Tor zu heißen,1 sondern so recht eigentlich in Befolgung derselben. Es heißt ja [S. 84] nicht schlechtweg: wer seinen Bruder Tor nennt, sondern: wer es ohne Grund tut.2 Wer aber verdiente mit mehr Recht diese Bezeichnung als jene, welche nach solchen Großtaten, gleich als ob nichts geschehen wäre, am Alten festhielten? Wenn du Paulus deswegen einen Lästerer schiltst, mußt du auch Petrus wegen der Saphira und des Ananias einen Mörder nennen. Ist aber das letztere Wahnsinn, dann um so mehr jene Behauptung. Beachte mir, wie er nicht gleich anfangs so strenge verfuhr, sondern erst nach Anführung der Gegengründe und Gegenbeweise, als sie nicht so fast von ihm selber als von den Gegengründen den Tadel empfingen! Erst nachdem er gezeigt, daß sie vom Glauben abfielen und Christi Tod als nichtig hinstellten, bringt er die Zurechtweisung, und da nicht einmal die gebührende. Sie hätten noch viel härtere Worte verdient. Und siehe, wie er sofort auch wieder den Schmerz der Wunde lindert! Er sagt nicht: Wer hat euch getäuscht? Wer hat euch mißbraucht? Wer hat euch verführt?, sondern: Wer hat euch bezaubert?,3 und läßt so den Tadel nicht ohne alles Lob. Er gibt nämlich damit zu verstehen, daß sie vordem Neidenswertes getan und daß, was geschehen, durch die Mißgunst des Teufels kam, der auf ihr Glück schrecklich erbost war.4 Wenn du hier vom Neide hörst,5 und im Evangelium6 wieder vom bösen Auge, daß es [S. 85] dieselbe Wirkung hervorbringe, dann fasse letzteres nicht so auf, als ob der Strahl der Augen von Natur aus geeignet wäre, die Hineinblickenden zu schädigen. Denn das Auge, als Körperglied betrachtet, kann gar nicht böse sein. Christus bezeichnet vielmehr damit an der besagten Stelle den Neid. Sache der Augen ist das Schauen schlechthin, das Böse-Schauen ist Sache des innerlich verderbten Herzens. Weil nämlich durch diesen Sinn die Vorstellung des Geschauten in unsere Seele fließt, und weil der Neid hauptsächlich am Reichtum sich entzündet, der Reichtum aber, Herrschaft und Macht mit Augen geschaut werden, deswegen nannte (Christus) das Auge böse; also nicht den Blick an sich, sondern den scheelen Blick, der hervorgeht aus innerer Bosheit. — Mit den Worten: „Wer hat euch bezaubert?“ weist (Paulus) darauf hin, daß jene Verführer nicht aus edlem Eifer, nicht aus dem Bestreben, das Fehlende zu ergänzen, sondern vielmehr das Vorhandene zu verstümmeln, also handeln. Denn es ist dem Neide eigentümlich, nicht das Fehlende beizufügen, vielmehr vom Vollen wegzunehmen und das Ganze zu schädigen. Er spricht nicht so, als ob er der Ansicht wäre, daß dem Neide an sich eine Kraft innewohne, sondern (um anzuzeigen), daß die Verbreiter jener Lehre durch Scheelsucht soweit gekommen sind. — „Euch, denen Jesus Christus vor Augen gezeichnet wurde, (als wäre er) unter euch gekreuzigt.“ Er wurde aber doch nicht im Lande der Galater, sondern zu Jerusalem gekreuzigt! Wie kann Paulus da sagen: „unter euch?“ Er schildert die Kraft des Glaubens, die auch das längst Vergangene zu schauen vermag. Auch sagt er nicht: er wurde gekreuzigt, sondern: „er wurde vor (Augen) gezeichnet, (als wäre er) gekreuzigt“, um anzudeuten, sie hätten mit den Augen des Glaubens besser gesehen als manche, die zugegen waren und wirklich zuschauten. Denn viele der letzteren schauten ihn wohl, hatten aber keinen Nutzen davon. Jene dagegen sahen ihn zwar [S. 86] nicht mit leiblichen Augen, dafür desto klarer mit den Augen des Glaubens. Er sagt ihnen dies gleichermaßen zur Schande wie zum Lobe. Zum Lobe, weil sie die Tatsache mit solcher Überzeugung angenommen; zur Schande, weil sie ihn, den sie für sie entblößt, mit Schlägen mißhandelt, angenagelt, verspien, verspottet, mit Essig getränkt, mit einer Lanze durchbohrt sahen — all dieses stellt er ihnen vor Augen durch die Worte: er wurde vor Augen gezeichnet, (als wäre er) unter euch gekreuzigt —, weil sie diesen dennoch verließen und zum Gesetze überliefen, ohne angesichts jener Martern schamrot zu werden. — Beachte auch das, wie er allerorts Himmel und Erde und Meer und alles übrige beiseite läßt und einzig die Kraft Christi predigt, die Glorie des Kreuzes. Denn das gerade war ja der Gipfelpunkt seiner Fürsorge für uns.

V. 2: „Nur dieses einzige möchte ich von euch erfahren: habt ihr aus Gesetzeswerken den Geist empfangen oder aus dem Anhören des Glaubens?“

Da ihr nämlich, meint er, die langen Reden nicht begreift und die Großartigkeit jenes Ratschlusses nicht einsehen wollt, so will ich im Hinblick auf eure gänzliche Verständnislosigkeit abrißweise und in aller Kürze euch überzeugen. Oben führte er den Beweis aus seiner Unterredung mit Petrus, hier greift er sie unmittelbar an, entnimmt alle seine Waffen nicht anderweitigen Geschehnissen, sondern ihrer eigenen Geschichte und überzeugt, führt den Beweis nicht mehr mit Hilfe der allgemeinen Gnaden, sondern der besonderen Vergünstigungen, die ihnen zuteil wurden. Deswegen spricht er: „Nur dieses einzige will ich von euch erfahren: habt ihr den Geist aus Gesetzeswerken empfangen oder aus dem Anhören des Glaubens?“ — Ihr habt den Hl. Geist empfangen, meint er, habt viele Zeichen und Wunder gewirkt durch Totenerweckung, Reinigung vom Aussatze, Weissagung, die Gabe der Sprachen. Hat nun [S. 87] das Gesetz euch diese Himmelskraft verliehen? Aber ihr brachtet vordem nichts dergleichen zustande! Oder der Glaube?

1: Matth. 5, 22.
2: Dieser Zusatz findet sich an der betreffenden Stelle nicht, sondern ist von Chrysostomus dem Sinne nach ergänzt.
3: βασκαίνειν bedeutet „beschwätzen“, „durch bösen Blick bezaubern“ (vgl. unten), „behexen“, endlich einfach „beneiden“, weil die betreffende böse Absicht dem Neide zugeschrieben wird.
4: Vgl. Anm. 2.
5: Nämlich daß er „bezaubere“.
6: Es ist die Stelle Matth. 20, 15 gemeint, wo der Herr des Weinberges zu seinem Arbeiter spricht: „Ist dein Auge böse?“ Noch heutzutage ist in Italien und überhaupt im Süden der Aberglaube weit verbreitet, daß es Personen gebe, welche durch ihren Blick andere behexen, besonders Kindern Schaden zufügen. Man nennt dies den „bösen Blick“. Der hl. Chrysostomus kämpft offenbar gegen diesen Volksglauben an. S. Seligmann, Der böse Blick, 2 Bde., Berlin 1910.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger