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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)

II. Kapitel

1.

[S. 55] Vers 1: »Dann nach vierzehn Jahren zog ich wiederum hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und hatte auch den Titus mitgenommen,
V. 2: Ich zog aber hinauf infolge einer Offenbarung.“

Als Grund der ersten Reise gibt er Petrus an und den Wunsch, ihn kennenzulernen, als Grund der zweiten aber die Offenbarung des Hl. Geistes. — „Und ich legte das Evangelium, welches ich unter den Heiden predige, ihnen vor, insbesondere aber den Angesehenen, damit ich nicht ins Leere renne oder gerannt sei.“ Was sagst du, Paulus? Nachdem du dich zu Anbeginn nicht entschließen konntest, das Evangelium vorzulegen, und auch drei Jahre später nicht, tust du es jetzt, nach Ablauf von vierzehn Jahren, damit du nicht ins Leere rennest? Um wieviel besser wäre es gewesen, wenn du es gleich anfangs getan und nicht erst nach einer so langen Reihe von Jahren! Warum bist du überhaupt gerannt ohne die Gewißheit, daß dein Rennen kein Rennen ins Leere sei? Wer ist denn gar so töricht und predigt so viele Jahre, wenn er nicht weiß, ob er recht predigt? Und was noch viel unbegreiflicher ist; er sagt, daß er zufolge einer Offenbarung hinaufgezogen sei. Nun allerdings, auf der einen Seite scheint diese Äußerung, wie bemerkt, noch unbegreiflicher als die frühere; anderseits jedoch ermöglicht sie es uns, jene zu erklären. Wenn er aus freien Stücken hinaufgegangen wäre, so hätte seine Handlungsweise ganz und gar keinen Sinn. Jener herrliche Geist konnte doch nicht auf solche Torheit verfallen! Aus seinem Munde stammt ja das Wort: „Ich laufe, aber nicht wie ins Ungewisse, ich fechte, aber nicht um Luftstreiche zu tun.“1 Wenn also nicht ins Ungewisse, warum sagst du: „damit ich nicht ins Leere [S. 56] renne oder gerannt sei?“ Er müßte sich offenbar die Bezeichnung Tor gefallen lassen, wenn er ohne Offenbarung hinaufgereist wäre. Gleichwohl wäre sein Tun nicht derart ungereimt gewesen. Wenn aber die Gnade des Hl. Geistes ihn antrieb, wer wollte sich da noch erdreisten, so etwas zu vermuten? Gerade deswegen fügt er auch selber bei: „infolge einer Offenbarung“, damit niemand vor Lösung der schwebenden Frage ihn des Unverstandes zeihe, sondern wisse, daß das Geschehene nicht von Menschen ausging, sondern von Gottes Anordnung, die mit vieler Einsicht waltet über Gegenwart und Zukunft. — Was veranlaßte ihn nun zu dieser Reise? Gleichwie er die frühere Reise von Antiochia nach Jerusalem nicht seinetwegen unternahm — er wußte gar wohl, daß man sich einfach an Christi Worte zu halten habe —, sondern in der Absicht, die streitenden Parteien zu versöhnen: so bedurfte er auch jetzt nicht für seine Person der Vergewisserung, daß er nicht ins Leere renne, sondern seine Ankläger sollten davon überzeugt werden. Weil sie nämlich Petrus und Johannes höher schätzten und die Apostel unter sich uneins wähnten, da der eine in seiner Predigt von der Beschneidung absah, die anderen aber sie zuließen, und weil sie (infolgedessen) glaubten, daß seine Handlung ungesetzlich sei und er ins Leere renne, „deswegen“, schreibt er, „reiste ich hinauf und legte ihnen mein Evangelium vor“, nicht, um selber zu lernen — was er im weiteren Verlaufe deutlicher ausspricht —, sondern um jenen Verdächtigungen gegenüber nachzuweisen, daß ich nicht ins Leere renne. Der Hl. Geist hatte nämlich diese Nörgeleien vorausgesehen und ihn veranlaßt, hinaufzureisen und Mitteilung zu machen. Deswegen schreibt er: „Ich ging hinauf zufolge einer Offenbarung“, und deswegen nahm er auch den Barnabas und Titus als Zeugen seiner Predigt mit. — „Und ich legte das Evangelium, welches ich unter den Heiden predige, ihnen vor“, d. h. ohne die Beschneidung. „Insbesondere aber denen, die etwas [S. 57] schienen.“2 Was soll dieses Wörtlein „insbesondere“? Wem es um Berichtigung von gemeingültigen Lehren zu tun ist, der legt sie doch nicht „insbesondere“, sondern öffentlich vor! Nicht so Paulus; es war ihm eben nicht darum zu tun, zu lernen und berichtigt zu werden, sondern denen, die auf Betrug ausgingen, jeglichen Vorwand zu nehmen. Weil nämlich in Jerusalem alle an ihm Anstoß nahmen, daß er das Gesetz übertrete, daß er die Beschneidung verwehre — deshalb sprach auch Jakobus: „Du siehst, Bruder, wie viel tausend Juden gläubig geworden sind, und diese alle haben über dich vernommen, daß du Abfall vom Gesetze lehrst“3 — weil sie also (an ihm) Anstoß nahmen, deshalb konnte er nicht öffentlich vor sie hintreten und seine Lehre entwickeln, sondern er legte sie insbesondere den Angesehenen vor, und zwar im Beisein des Barnabas und Titus, um durch diese glaubwürdigen Zeugen seinen Anklägern zu beweisen, daß die Apostel, weit entfernt von jeder Gegnerschaft, seine Lehre vielmehr bestätigten. — Wenn er sagt „denen, die etwas schienen“,4 so spricht er den Aposteln keineswegs die wahre Größe ab, da er von sich selbst in gleicher Weise versichert: „Es scheint aber, daß auch ich Gottes Geist besitze.“5 Das ist Ausdruck der Bescheidenheit, nicht der Verneinung. Ähnlich gebraucht er auch hier den Ausdruck „denen, die etwas schienen“, nämlich nach seinem und dem allgemeinen Urteile.

V. 3: „Aber auch Titus, mein Begleiter, wurde, obgleich er Heide war, nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen.“

Was heißt das: „obgleich er Heide war“? Er stammte aus der Heidenwelt, sagt Paulus, und war unbeschnitten. Denn nicht allein, daß ich also predigte, Titus hat auch [S. 58] also gehandelt. Aber trotz seiner Vorhaut zwangen ihn die Apostel nicht zur Beschneidung. Das beweist am klarsten, daß sie Pauli Lehre und Praxis nicht verdammten. Und was noch viel wichtiger ist: die Apostel ließen sich zu jenem Befehle nicht bestimmen, obwohl die Gegner drängten und um die Tatsache wußten. Das deutet er an durch die Worte:

V. 4: „Wegen der eingeschlichenen falschen Brüder aber.“

Wer sind diese falschen Brüder? Das ist eine gar schwierige Frage; denn wenn die Apostel noch die Beschneidung zuließen, warum nennst du da jene falsche Brüder, die auf das Gutachten der Apostel hin ihrerseits ebenfalls dazu aufforderten? Antwort: erstens ist es nicht dasselbe, etwas befehlen und etwas erlauben. Wer befiehlt, dem liegt die Sache an, weil er sie für notwendig und wichtig hält; wer aber für seine Person nicht befiehlt, sondern lediglich fremdem Willen nicht hinderlich ist, der mißt der Sache keinerlei Notwendigkeit bei, sondern läßt einfach Rücksichten walten. Ein Beispiel: In seinem Briefe an die Korinther6 bestimmt Paulus, Mann und Weib sollten immer wieder zur ehelichen Beiwohnung zusammenkommen.

1: 1 Kor. 9, 26.
2: D. h. den Angesehenen.
3: Apg. 21, 20 f.
4: Der Doppelsinn des griechischen δοκεῖν läßt sich im Deutschen nur schwer wiedergeben.
5: 1 Kor. 7, 40.
6: 1 Kor. 7, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger