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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)
I. Kapitel

Wer solches von anderen hörte und selber solches die anderen lehrte, der konnte gewiß nicht in diesen Fehler fallen; nicht einmal der Nächstbeste, geschweige denn ein Paulus. Immerhin kann, wie schon bemerkt, diese Stelle, bloß für sich betrachtet, bei manchen Zuhörern Ärgernis und Anstoß erregen; wenn wir aber den Grund angeben, warum er sich so ausdrückte, werden alle mit Beifall und Bewunderung auf den Sprecher blicken. Das wollen wir jetzt tun. — Man darf nämlich nicht das nackte Wort ins Auge fassen, sonst macht man viele Fehler; auch darf man nicht die Stelle für sich untersuchen, sondern muß auf den Gedankengang des Schriftstellers achten. Dies gilt sogar für unsere alltäglichen Gespräche. Wenn wir nicht auf diese Weise vorgingen und den Sinn der Redenden zu erforschen suchten, [S. 47] würden wir uns mancherlei Feindschaft zuziehen und alles würde verdreht werden. Übrigens wozu nur die Gespräche erwähnen, da doch von den Handlungen das gleiche gilt? Auch hier würde das Unterste zu oberst gekehrt, im Falle man unsere Regel unbeachtet ließe. Die Ärzte z. B. schneiden und zerbrechen mitunter Knochen, die Räuber tun vielfach dasselbe. Welch ein Unglück nun, wenn wir Räuber und Arzt nicht auseinander halten könnten! Ferner: Mörder und Märtyrer erdulden auf der Folter dieselben Schmerzen; aber es ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden. Beachten wir nun die genannte Regel nicht, so werden wir außerstande sein, dies zu beurteilen; ja wir müßten den Elias einen Mörder nennen und ebenso den Samuel und Phinees, den Abraham gar einen Kindesmörder, vorausgesetzt nämlich, daß wir die Handlungen rein äußerlich betrachten, ohne weiter auf die leitende Absicht einzugehen. — Suchen wir also den Gedanken aufzuspüren, der Paulus bei Niederschrift unserer Stelle leitete! Erwägen wir den Zweck, den er verfolgte, sowie sein ganzes Verhalten gegen die Apostel, dann werden wir den rechten Sinn der Worte schon finden. — Weder mit den jetzigen Worten noch mit den früheren hat Paulus beabsichtigt, sich selbst auf Kosten jener zu brüsten. Wie denn auch, da er seine eigene Person dem Fluche unterstellte! Nein, allenthalben ist es ihm nur um den sicheren Bestand des Evangeliums zu tun. Da nämlich die Kirchenfeinde behaupteten, man müsse es mit jenen Aposteln halten, welche die besagten Gebräuche zuließen, und nicht mit Paulus, der sie verbiete, und so nach und nach der jüdische Irrtum eingeschmuggelt wurde, sieht er sich gezwungen, dagegen entschieden Stellung zu nehmen. Also nicht die Apostel schmähen wollte er, sondern die Torheit jener ersticken, die aus unlauteren Beweggründen sich selbst verherrlichten. Deswegen schreibt er: „Ich hielt mich nicht an Fleisch und Blut.“ Es wäre ja der höchste Grad von Ungereimt- [S. 48] heit gewesen, wenn er, Gottes Schüler, sich noch an Menschen gewendet hätte. Wer von Menschen gelernt hat, zieht billigerweise wiederum Menschen zu Rate; aber wer jemals göttlichen und beseligenden Rufes gewürdigt und von dem, der die Schätze der Weisheit besitzt, in alle Wissenschaft eingeführt wurde, warum sollte der sich hinterher noch mit Menschen abgeben? Einem solchen ziemt es, die Leute zu lehren, nicht aber von ihnen zu lernen. Also nicht aus Dünkelhaftigkeit führt der Apostel diese Sprache, sondern um die Bedeutung seines eigenen Predigtamtes darzutun. — „Auch“, sagt er, „ging ich nicht hinauf zu denen, die vor mir Apostel gewesen.“ Nachdem nämlich (seine Gegner) in allen Tonarten wiederholten, jene seien vor ihm gewesen, seien vor ihm berufen worden, antwortet er: Ich ging nicht hinauf zu ihnen. Wenn er mit ihnen hätte in Verbindung treten sollen, würde der, der ihm die Predigt offenbarte, ihm gewiß auch dazu Auftrag gegeben haben. — Wie also? Ging er nicht dorthin? Freilich ging er hin; und nicht bloß das: er ging sogar hin, um von ihnen zu lernen. Wann geschah dies? Damals, als in der Stadt Antiochia, dieser von jeher so eifrigen Kirche,1 eben dieselbe Frage, die uns jetzt beschäftigt, zur Rede stand und man sich stritt, ob man die Heidenchristen zur Beschneidung verhalten, oder ihnen keine derartige Last aufnötigen solle. Damals ging eben unser Paulus und mit ihm Silas2 hinauf. Wie kann er da sagen: ich ging nicht hinauf und hielt mich an niemand? Erstens, weil er nicht aus freien Stücken ging, sondern von anderen geschickt wurde; zweitens, weil er nicht hinging in der Absicht zu lernen, sondern andere zu überreden. Denn er selbst vertrat von Anfang an jene Meinung, die nachher auch von den Aposteln zum Beschluß erhoben wurde, daß nämlich die Beschneidung [S. 49] nicht nötig sei. Weil er ihnen3 aber bis dahin nicht genug glaubwürdig schien und sie es (lieber) mit denen in Jerusalem hielten, darum ging er hinauf, nicht um seine eigenen Kenntnisse zu vermehren, sondern um seine Widersacher zu gewinnen, wenn auch die in Jerusalem seinen Ansichten beipflichteten. So erkannte er gleich anfangs das Richtige und bedurfte keines Lehrmeisters. Im Gegenteile: was die Apostel erst nach langer Beratung zum Beschluß erheben sollten, das stand vor aller Beratung infolge himmlischer Eingebung bei ihm unerschütterlich fest. Das spricht auch Lukas aus, indem er erzählt, Paulus habe sich über diesen Gegenstand in einer langen Rede an sie verbreitet, noch bevor er nach Jerusalem reiste.4 Weil es aber den Brüdern gut dünkte, auch die Ansicht jener kennenzulernen, reiste er hin, ihretwegen, nicht seinetwegen. — Zur Erklärung der Stelle: „Ich ging nicht hinauf“ kann man auch dies vorbringen, daß er nicht am Beginne seiner Lehrtätigkeit hinaufging noch, als er hinging, es tat, um zu lernen. Diese zwei Punkte deutet er denn auch an mit den Worten: „wendete ich mich sofort nicht an Fleisch und Blut.“ Er sagt nicht schlechthin: ich wendete mich nicht, sondern: „sofort…“ Wenn er aber später hinaufging, tat er es nicht, etwas zu empfangen. — „Sondern ich ging fort nach Arabien.“ Siehe den Feuergeist! Ackerfeld will er in Besitz nehmen, das bis jetzt unbebaut und noch ganz öde dalag. Wäre er bei den Aposteln geblieben, von denen er doch nichts lernen konnte, so hätte die Predigt Einbuße gelitten; denn sie mußten überall den Samen des Wortes ausstreuen. Deshalb machte sich unser Heiliger in seinem Eifer sogleich an die Belehrung jener wilden Barbaren und wählte ein Leben voll Kampf und Mühsal.5

1: Rednerisches Kompliment. Er schreibt diesen Kommentar als Presbyter von Antiochien.
2: Wohl Barnabas; vgl. Apg. 15, 27.
3: Den Antiochenern.
4: Es ist wohl die Stelle Apg. 15, 2 gemeint.
5: Von dieser durch den hl. Kirchenvater angenommenen Missionstätigkeit des Apostels Paulus in Arabien weiß die Geschichte nichts. Nach der gewöhnlichen Ansicht der Exegeten diente der dreijährige Autenthalt Pauli im peträischen Arabien dazu, in der Einsamkeit die Offenbarung Christi entgegenzunehmen und sich auf seinen Lehrberuf vorzubereiten.

 

 

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Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger