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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)
I. Kapitel

9.

Wenn mich zur Zeit, da ich irrte, keine solche Leidenschaft beherrschte, sondern der Eifer für Gott mich dazu trieb, so sollte ich jetzt, wo ich die Wahrheit einsehe, billigerweise um so eher von derartigem Verdachte verschont bleiben. Denn sobald ich mich zum Glauben der Kirche bekehrt hatte, legte ich auch alle jüdischen Vorurteile ab und ging hierin mit noch viel größerem Eifer zu Werke; ein Zeichen, daß ich wahrhaft umgewandelt und für Gottes Sache begeistert bin. Wenn nicht dieses, was dann sonst — sage mir — war die Ursache der gewaltigen Veränderung, daß ich Schmach für Ehre, Gefahr für Ruhe, Trübsal für Sicherheit eintauschte? Der Grund ist kein anderer als einzig und allein die Liebe zur Wahrheit.

V. 15: „Als es aber Gott gefiel, der mich schon vom Mutterschoße an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat,
[S. 44] V. 16: seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn verkündige unter den Heiden, da hielt ich mich sofort nicht an Fleisch und Blut.“

Siehe, wie er sich hier bemüht zu zeigen, daß auch die Zeit seiner Gottentfremdung einem geheimen Ratschlusse (Gottes) entsprang! Denn wenn er vom Mutter-schoße an erwählt war, dereinst Apostel zu sein und zu diesem Amte berufen zu werden, die Berufung aber (erst) damals geschah und er ihr sogleich Folge leistete, so ergibt sich klar, daß Gott aus irgendeinem geheimen Grunde bis dahin zögerte. Welches ist nun dieser göttliche Ratschluß? — Vielleicht habt ihr von mir einleitend darüber Aufschluß begehrt, warum denn Gott ihn nicht mit den Zwölfen berief. Aber damit ich nicht meiner eigentlichen Aufgabe vergessend allzu weitschweifig werde, ermahne ich eure Liebe: Wollet nicht alles von mir verlangen, sondern suchet es selber herauszubringen und bittet Gott um seine Erleuchtung! Auch haben wir über diesen Punkt schon einiges gesagt, damals als wir über seine Namensänderung zu euch sprachen, und warum (Gott) ihn, der früher Saulus hieß, Paulus benannte. Wenn ihr es vergessen habt, so nehmt jene Schrift1 zur Hand und ihr werdet alles erfahren. Für jetzt wollen wir den Faden der Rede festhalten und betrachten, wie der Apostel auch da wieder zeigt, daß bei ihm nichts rein Menschliches vorgekommen, sondern Gott sein ganzes Geschick mit großer Sorgfalt gelenkt habe. — „Und mich durch seine Gnade berufen hat“. Gott versichert, er habe ihn berufen wegen seiner Tüchtigkeit. „Er ist mir ein auserwähltes Rüstzeug“, sprach er zu Ananias, „meinen Namen vor Völker und Könige zu tragen“,2 d. h. er ist tauglich, mir zu dienen und große Dinge zu vollführen. Das (also) bezeichnet (Gott) als Ursache der Berufung. Er aber schreibt überall alles [S. 45] der Gnade zu und seiner unaussprechlichen Güte, indem er also spricht: „Aber ich habe Erbarmen gefunden“, nicht als ob ich tauglich oder gar notwendig wäre, sondern „damit er in mir erweise die ganze Langmut, zum Vorbilde derer, welche künftig an ihn glauben zum ewigen Leben.“3 Siehst du das Übermaß an Demut? Ich habe, spricht er, deswegen Erbarmen gefunden, damit keiner verzweifle, nachdem dem schlechtesten aller Menschen Barmherzigkeit geworden ist. Denn dies besagen offenbar die Worte: „damit er in mir erweise die ganze Langmut zum Vorbilde derer, welche künftig an ihn glauben zum ewigen Leben“. — „Seinen Sohn in mir zu offenbaren.“ Anderswo sagt Christus: „Niemand kennt den Sohn außer der Vater, und niemand kennt den Vater außer der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“4 Siehst du, der Vater offenbart den Sohn, und der Sohn offenbart den Vater. So verhält es sich auch mit der Verherrlichung: Der Sohn verherrlicht den Vater und der Vater den Sohn. „Verherrliche mich“, spricht er, „damit ich dich verherrliche“, und: „gleich wie ich dich verherrlicht habe.“5 — Warum übrigens sagt er nicht: seinen Sohn „mir“ zu offenbaren, sondern „in mir“? Um auszudrücken, daß er die Glaubenslehre nicht bloß in Worten vernommen habe, sondern auch mit reichen Geistesgaben erfüllt worden sei; das Licht der Offenbarung hat seine Seele durchleuchtet, und so hat Christus in ihm geredet. — „Damit ich ihn verkündige unter den Heiden“. Es wurde ihm nicht bloß der Glaube, sondern auch der Beruf von Seiten Gottes zuteil. Denn so hat er ihn mir geoffenbart, nicht bloß daß ich ihn schaue, sondern auch daß ich ihn anderen mitteile. Er sagt nicht kurzweg „anderen“, vielmehr: „damit ich ihn verkünde unter den Heiden“. Hier deutet er schon ein Hauptargument seiner Verteidigung an, jenes nämlich, das von der Person seiner Schüler hergenom- [S. 46] men ist. Denn es lag (für ihn) nicht die gleiche Notwendigkeit vor, den Juden und Heiden das Evangelium zu verkünden. — „Da hielt ich mich sofort nicht an Fleisch und Blut.“ Er spielt hier auf die Apostel an und benennt sie nach der Natur. Sollte er übrigens darunter alle Menschen verstehen, so haben wir auch nichts dagegen.

V. 17: „Auch ging ich nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel gewesen.“

Für sich allein betrachtet klingen diese Worte gar prahlerisch und scheinen weit entfernt von apostolischer Gesinnung. Denn wer nur dem eigenen Kopfe folgt und keinen anderen in seine Absichten einweiht, erweckt den Anschein der Torheit. „Ich habe einen Menschen gesehen“, heißt es, „der sich weise dünket; aber mehr Hoffnung als er mag der Tor haben“;6 und: „Wehe denen, die weise sind in ihren Augen und vor sich selber klug!“7 Und Paulus selbst an einer anderen Stelle: „Seid nicht selbst klug!“8

1: Die Reden, auf welche der Kirchenvater verweist, sind die Homilien in princ. act. apost. und de mutatione nominum.
2: Apg. 9, 15.
3: 1 Tim. 1, 16.
4: Luk. 10, 22.
5: Joh. 17, 1. 4. Der letzte Vers ist dem Sinne nach gegeben.
6: Sprichw. 26, 12.
7: Is. 5, 21.
8: Röm. 12, 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger