Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)
I. Kapitel

8.

Demzufolge liegt in seinen Worten ebensogut Angriff wie Abwehr. Denn den Schülern kommt es nicht zu, mit ihren Lehrern zu rechten, sondern ihnen zu glauben. Weil aber die Ordnung einmal verkehrt ist und ihr auf dem Richterstuhle thronet, meint er, so wisset, daß mir wenig daran liegt, mich vor euch zu rechtfertigen; sondern wir tun alles im Hinblick auf Gott, damit wir diese unsere Lehre vor ihm rechtfertigen können. Wer Menschen zu gewinnen sucht, geht oft heimliche und krumme Wege, greift zu Lüge und Täuschung, um nur die Hörer zu überzeugen und für seine Ansicht einzunehmen. Wer aber Gott gewinnen und ihm gefallen will, braucht ein reines und aufrichtiges Herz; denn die Gottheit steht hoch über aller Täuschung. Daraus ergibt sich, meint er, daß auch wir nicht aus Herrschsucht, noch um Schüler zu ködern, noch um ein Lob zu erhaschen dies schreiben. Wir suchten nie Menschen zu gefallen, sondern Gott. Denn wenn ich Menschen gefallen wollte, wäre ich noch bei den Juden, würde ich noch die Kirche verfolgen. Wer aber, wie ich, auf sein ganzes Volk, auf Verwandte, Freunde und Bekannte, auf seine ehrenvolle Stellung verzichtet und dafür Verfolgung, Feindschaft, Kampf und tägliche Todesgefahr eingetauscht hat, da ist es offenbar, daß ich1 auch das, was ich jetzt rede, nicht des menschlichen Lobes wegen rede. — Paulus nimmt diese [S. 41] Wendung, weil er im Begriffe steht, auf sein Vorleben und seine plötzliche Sinnesänderung einzugehen und durch augenscheinliche Gründe zu beweisen, daß die Wahrheit auf seiner Seite stehe. Damit sie nicht etwa wähnten, er wolle ihnen damit Rechenschaft ablegen, und sich deshalb überhöhen, schickte er die Worte voraus: „Suche ich jetzt Menschen zu gewinnen?“ Denn er versteht es, zur richtigen Zeit, wenn es das geistige Wohl seiner Schüler gilt, auch mächtige und volle Töne anzuschlagen. Wohl konnte er die Wahrheit seiner Predigt anderweitig erhärten, nämlich durch die Zeichen und Wunder, die Gefahren, die Fesseln, die tägliche Todesnot, Hunger, Durst und Blöße und andere Leiden dieser Art. Aber da er es jetzt nicht mit Lügen-, sondern mit wirklichen Aposteln zu tun hat, welche dieses, die Gefahren nämlich, in gleicher Weise erduldet hatten, wählt er eine andere Art der Beweisführung. Sonst, wenn er die Lügenapostel aufs Korn nimmt, rückt er die Standhaftigkeit bei Ertragung der Gefahren in den Mittelpunkt der Erörterung und sagt: „Diener Christi sind sie? (Um töricht zu reden) ich noch mehr; durch Mühsale gar häufig, durch Gefangenschaft übergenug, durch Schläge über die Maßen, durch oftmalige Todesnöte.“2 Jetzt bringt er seinen früheren Lebenswandel vor und betont:

V. 11: „Ich tue euch kund, Brüder, — das Evangelium, welches von mir ist verkündet worden, es ist nicht Menschenwerk.
V. 12: Auch ich habe es nicht von einem Menschen empfangen noch gelernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi.“

Betrachte, wie er nach allen Seiten hin die Tatsache zu erhärten versucht, daß er Schüler Christi ist, der nicht durch menschliche Vermittlung, sondern in eigener Per- [S. 42] son sich gewürdigt hat, ihm jegliche Kenntnis zu erschließen. — Und wenn nun einer nicht glaubte, daß Gott selber in eigener Person und ohne fremde Vermittlung dir jene erhabenen Geheimnisse enthüllt hat, wodurch könnte man ihn überzeugen? — Durch mein früheres Leben, antwortet er; denn wenn die Offenbarung nicht von Gott gekommen wäre, würde ich mich nicht so schnell geändert haben. Wo Menschen unterrichten, bedarf es bei solchen, die mit Entschiedenheit und Feuer die gegenteilige Ansicht vertreten, viel Zeit3 und Müh, um sie umzustimmen. Wer aber so schnell sich änderte und gerade auf der Höhe seiner Tollheit den klaren, nüchternen Verstand wiedergewann, der ist offenbar durch Gottes Licht und Lehre so schnell zur geistigen Klarheit und Gesundheit gelangt. Deshalb sieht er sich gezwungen, auf seine frühere Bekehrung zurückzukommen, und ruft sie zu Zeugen des Vorgefallenen auf. — Daß der eingeborene Sohn Gottes selber sich würdigte, vom Himmel aus mich zu berufen, das wißt ihr nicht. Wie solltet ihr auch, da ihr nicht zugegen waret? Aber daß ich ein wütender Verfolger war, das wißt ihr. Ist ja die Kunde von meinem Wüten bis zu euch gedrungen, trotzdem Palästina und Galatien weit voneinander entfernt sind. Einen solchen Umfang hätte das Gerücht gewiß nicht angenommen, wenn nicht die Geschehnisse zu ungewöhnlichem Maße und bis zur Unerträglichkeit für alle sich gesteigert hätten. Darum fährt er auch fort:

V. 13: „Ihr habt ja wohl von meinem Wandel vordem im Judenlande gehört, wie ich die Kirche Gottes über die Maßen verfolgte und sie verwüstete.“

Siehst du, wie er jedes Wort mit Nachdruck spricht und ohne zu erröten? Nicht einfach verfolgt hat er, sondern über alle Maßen, und nicht bloß verfolgt, sondern auch verwüstet, d. h. versucht, die Kirche aus- [S. 43] zutilgen, umzustürzen, zu zerstören, zu vernichten. Darauf geht ein Verwüster aus.

V. 14: „Ich tat mich vordem im Judentume vor vielen meiner Altersgenossen in meinem Geschlechte hervor, indem ich überschwenglicher eiferte für meine väterlichen Überlieferungen.“

Damit du nämlich nicht glaubest, er habe aus Haß gehandelt, zeigt er, daß ihn wirklicher Eifer beseelte, freilich (ein Eifer) ohne Einsicht; daß ihn nicht Ruhm- oder Rachsucht zum Verfolger machte, sondern „der Eifer für meine väterlichen Überlieferungen.“ Der Sinn seiner Worte ist: Wenn ich gegen die Kirche arbeitete nicht aus menschlichen Beweggründen, sondern aus Eifer für Gott, einem zwar irregeleiteten, aber doch wahren Eifer, wie sollte ich jetzt, wo ich für die Kirche eintrete, nachdem ich die Wahrheit erkannt, dieses aus eitler Ruhmsucht tun?

1: Die Satzkonstruktion ist nicht einheitlich.
2: 2 Kor. 11, 23.
3: Das πολλῆς gehört dem Sinn nach zu χρόνου.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
Bilder Vorlage

Navigation
. I. Kapitel
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. .
. . 11.
. II. Kapitel
. III. Kapitel
. IV. Kapitel
. V. Kapitel
. VI. Kapitel

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger