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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)
I. Kapitel

7.

Nun aber gibt es viele unter uns, welche am gleichen Tage fasten wie die Juden, und welche ebenso auch die Sabbate halten. Und wir dulden das großmütig oder vielmehr — feigherzig. Doch was rede ich von jüdischen Gebräuchen? Werden doch auch viele heidnische in manchen unserer Familien beobachtet, z. B. das Wahrsagen aus Stimmen, aus dem Fluge der Vögel, die Vorbedeutungen, die Unglückstage, das Gehabe bei den Geburten und die von Gottlosigkeit jeglicher Art strotzenden Zettel, welche sie gleich den neugeborenen Kindern zu deren Verderben ans Haupt heften, indem sie dieselben so von allem Anfang an zur Vernachlässigung der Tugend anleiten und ihr Los unter die erlogene Tyrannei der Schicksalsbestimmung stellen. Wenn aber schon denen, die sich beschneiden lassen, Christus nichts nützt, was kann dann der Glaube jenen weiter zum Heile sein, die solches Verderben einführen? Die Beschneidung war sogar von Gott angeordnet, und dennoch setzte Paulus, da ihr Gebrauch als nicht mehr zeitgemäß dem Evangelium Schaden brachte, alle Hebel in Bewegung, um sie abzuschaffen. Wie? Ein Paulus hat sich so sehr im Kampfe gegen die jüdischen Gebräuche abgemüht, als ihre Beobachtung unzeitgemäß geworden war, und wir, wir sollten nicht einmal die heidnischen Gebräuche aus- [S. 37] rotten dürfen? Welche Entschuldigung hätten wir da? Daher kommt es, daß Verwirrung und Unruhe in unseren Reihen herrscht und daß Leute, die lernen sollten, voll unerträglichen Dünkels die rechte Ordnung gestört und das Oberste zu unterst gekehrt haben. Beim leisesten Tadel begeifern sie die Obrigkeit, eben weil wir sie von Jugend auf schlecht erzogen haben. Und wären die Oberen noch so fehlerhaft, ja der Inbegriff aller Schlechtigkeit, auch dann dürfte ein Untergebener sich nicht so unbotmäßig zeigen. Von den jüdischen Schriftgelehrten sagt (Christus),1 weil sie auf den Stühlen Mosis säßen, müßten die Jünger billigerweise auf sie hören. Gleichwohl waren ihre Werke so schlecht, daß er den Jüngern gebot, sie beileibe nicht nachzuahmen. Kann man angesichts dessen noch jenen Menschen eine Entschuldigung zubilligen, welche die Autorität der Kirchenvorstände begeifern und mit Füßen treten, obwohl dieselben in der Gnade Gottes mit aller Ehrbarkeit wandeln? Wenn es Sünde ist, über Gleichgestellte abzusprechen, dann um so mehr über die Lehrer,

V. 8: „Aber selbst wenn ich oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium verkündigten wider das, welches ihr empfangen habet, der sei verflucht.“

Betrachte die Klugheit des Apostels! Damit nicht einer sage, aus eitler Ruhmsucht schmiede er sich eigene Lehrsätze zusammen, unterstellte er sich selbst dem Fluche. Weil jene sich auf Autoritäten beriefen, nämlich auf Jakobus und Johannes, bringt er die Engel vor. Rede mir nicht von Jakobus, will er sagen, und von Johannes! Denn wenn selbst einer von den vornehmsten Engeln des Himmels das Evangelium verkehrte, der sei verflucht! Er sagt nicht einfachhin „von den Engeln“,2 sondern weil auch die Priester Engel genannt wurden — [S. 38] „denn die Lippen des Priesters sollen Erkenntnis bewahren, und man soll das Gesetz suchen aus seinem Munde, denn ein Engel des Herrn der Heerscharen ist er“3 —, damit man nicht meine, daß von diesen Engeln die Rede sei, fügt er bei „des Himmels“ und bezeichnet hierdurch die Mächte aus der Höhe. Auch sagt er nicht: Wenn sie das Gegenteil predigen oder die ganze Glaubenslehre umstürzen, sondern: wenn sie auch nur ein Geringes predigen wider das, was wir gepredigt haben, wenn sie auch nur an einer Kleinigkeit rütteln, so sollen sie verflucht sein.

V. 9: „Wie ich schon vorher gesagt habe, so nun sage ich wieder.“

Damit man nicht meine, seine Worte seien dem Zorne entsprungen oder im Überschwange gesprochen oder in einer Aufwallung von Leidenschaft, gebraucht er dieselben Ausdrücke zum zweiten Male. Denn wer im Zorne redet, den wird es bald gereuen; wer aber ein zweites Mal dasselbe sagt, gibt zu erkennen, daß er mit Bedacht also gesprochen und erst nach vorausgegangener Überlegung sich dieser Ausdrucksweise bedient hat. — Als Abraham gebeten wurde, er möchte den Lazarus senden, gab er zur Antwort: „Sie haben Moses und die Propheten; wenn sie auf diese nicht hören, werden sie auch den Toten, falls sie auferstünden, kein Gehör schenken.“4 Diese Worte legt ihm Christus in den Mund, um anzudeuten, daß nach seinem Willen die Schrift größeren Glauben verdient als selbst Tote, die zum Leben auferstehen. Paulus aber — und wenn ich von Paulus rede, meine ich wiederum Christus, der ihn beseelte —, stellt sie über die Engel des Himmels; und das ganz mit Recht. Denn die Engel, mögen sie auch noch so hoch stehen, sind doch nur Diener und Knechte, die Schrift aber in ihrer Gesamtheit ist nicht von Knechten, sondern vom allwaltenden Gotte geschrieben und übersandt. Deshalb [S. 39] spricht er: „Wenn euch irgend jemand ein Evangelium verkündigte wider das, welches wir euch verkündigt haben.“ Er sagt nicht: dieser oder jener; das war sehr klug und besonnen von ihm. Was bedürfte es noch der Nennung von Namen, da er einen so überschwenglichen Ausdruck gebrauchte, welcher alle, Himmlische und Irdische, zugleich umfaßte. Er bedrohte die Evangelisten und Engel mit dem Fluche und umschrieb damit alles Erhabene; er bedrohte sich selbst und umschrieb damit alles Bekannte und Verwandte. Sage mir keiner (so spricht er), deine Mitapostel und Genossen lehren dies: ich schone ja mich selber nicht für den Fall, daß ich solches predige. Mit diesen Worten will er keinesfalls die Apostel beschuldigen, als ob sie wider das Evangelium predigten, Gott behüte! Er sagt ja: wenn wir oder jene so lehren; er will nur zeigen, daß kein Ansehen der Person gilt, wo es sich um die Wahrheit handelt.

V. 10: „Denn suche ich jetzt Menschen zu gewinnen oder Gott? Oder trachte ich Menschen zu gefallen? Wollte ich jetzt Menschen gefallen, würde ich Christi Diener nicht sein.“

Gesetzt auch, meint er, ich würde euch durch meine Worte täuschen, kann ich wohl auch Gott betrügen, der die Geheimnisse des Herzens kennt und dem ich aus ganzer Seele in allem zu gefallen bestrebt bin? Siehst du apostolische Gesinnung? Erkennst du die Erhabenheit des Evangeliums? Eben das nämliche schreibt er in seinem Briefe an die Korinther: „Wir bringen uns euch nicht in Empfehlung, sondern geben euch Anlaß zum Rühmen.“5 Und wiederum: „Mir aber liegt das wenigste daran, von euch gerichtet zu werden oder von einem menschlichen Tage.“6 Da er genötigt ist, als Lehrer sich seinen Schülern gegenüber zu verteidigen, zwingt er sich wohl dazu, jedoch nur mit Unwillen im Herzen; ein Un- [S. 40] wille, der nicht in persönlichem Stolze — da sei Gott davor! — sondern im Wankelmute der Verführten und ihrem geringen Vertrauen seinen Grund hat. Deswegen haben seine Worte ungefähr den Sinn: Habe ich es etwa mit euch zu tun? Werden etwa Menschen über mich zu Gerichte sitzen? Wir unterstehen Gottes Gericht, und der Rechenschaft dort drüben gilt all unser Bemühen. Noch haben wir uns nicht zu einem solchen Grade von Unseligkeit verstiegen, daß wir die Glaubenslehren fälschen, nachdem wir doch über unsere Predigt vor dem König der Könige Rechenschaft ablegen müssen.

1: Matth. 23, 2 f.
2: Statt des unpassenden ἐξ οὐρανοῦ ist τῶν ἀγγέλων zu lesen.
3: Mal. 2, 7.
4: Luk. 16, 31.
5: 2 Kor. 5, 12.
6: 1 Kor. 4, 3.

 

 

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Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger