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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)
I. Kapitel

6.

Weil sie nun ihr Trugsystem Evangelium nannten, erhebt Paulus mit Recht auch gegen diese Bezeichnung Einsprache und erklärt offen: „zu einem anderen Evangelium,

V. 7: welches aber kein anderes ist“.

[S. 33] Ganz gut; denn es gibt wirklich kein anderes. Aber was den Kranken widerfährt, daß sie vom Genusse gesunder Speisen Schaden nehmen, ebendasselbe ist auch Marcion1 mit unserer Stelle widerfahren. Er hat dieselbe für sich in Anspruch genommen und gesagt: Siehe, auch Paulus lehrt, daß es kein zweites Evangelium gibt. Sie anerkennen nämlich nicht alle Evangelisten, sondern nur einen einzigen, und selbst diesen verstümmelten und verfälschten sie durch Zusätze ganz nach Belieben.2 Wie nun, wenn derselbe Apostel sagt: „nach meinem Evangelium3 und der Predigt Jesu Christi“? — Was jene vorbringen, ist gewiß recht lächerlich; indes wenn es auch lächerlich ist, müssen wir es doch widerlegen um des Volkes willen, das gar leicht hintergangen wird. Welches ist also unser Dafürhalten? Daß, mögen auch Tausende und aber Tausende Evangelien schreiben, sofern sie nur das gleiche schreiben, die vielen Evangelien eins sind, und daß die Einheit durch die Vielheit der Verfasser nicht beeinträchtigt wird; sowie daß im Gegenfalle, wenn zwar der Verfasser wieder der gleiche bliebe, derselbe aber Widersprechendes zur Darstellung brächte, seine Darstellungen nicht eins sind. Denn das Einssein und Nichteinssein bemißt sich nicht nach der Zahl der Verfasser, sondern nach der Gleichheit bzw. Verschiedenheit des Inhaltes. Daraus ergibt sich, daß auch die Evangelien der Vier ein einziges Evangelium bilden. Denn wenn die Vier das gleiche erzählen, so ist das nicht fallsweise etwas anderes wegen des Unterschiedes der Per- [S. 34] sonen, sondern eins wegen der Übereinstimmung des Inhaltes. — Paulus redet nun an unserer Stelle nicht von der Zahl (der Verfasser), sondern von der Verschiedenheit des Inhaltes. Wenn also das Evangelium des Matthäus und das des Lukas verschieden sind hinsichtlich der Bedeutung des Inhalts und der Richtigkeit der Lehre, dann nehmen jene mit Recht (unsere Brief-) Stelle für sich in Anspruch; wenn sie aber eins und dasselbe sind, dann mögen jene aufhören mit ihrem einfältigen Geschwätz und sich nicht länger in Dingen unwissend stellen, die vor kleinen Kindern offen daliegen … „außer daß es gewisse Leute gibt, welche euch verwirren und welche das Evangelium Christi verkehren möchten“. Das heißt: Solange euer Verstand gesund ist, werdet ihr kein anderes Evangelium anerkennen, solange ihr Richtiges schauet und nicht Verkehrtes, das nur in eurer Einbildung besteht. Denn gleichwie das verstörte Auge ein Ding für das andere ansieht, so pflegt es auch dem Verstande zu ergehen, der getrübt ist durch ein Wirrsal falscher Schlüsse. Das ist der Grund, warum die Rasenden sich allerlei verkehrtes Zeug einbilden. Aber diese Art von Irrsein ist gefährlicher als jene, weil sie nicht auf sinnlichem, sondern auf geistigem Gebiete Schaden stiftet, nicht an der Pupille der leiblichen Augen, sondern an den Augen der Vernunft Unheil anrichtet. — „Und das Evangelium Christi verkehren möchten“. Sie hatten wohl nur ein und das andere Gebot eingeführt, das der Beschneidung und der Festtage aufgefrischt; aber um anzudeuten, daß eine kleine Verfälschung das Ganze verdirbt, spricht er von einem Verkehrenwollen des Evangeliums. Wie man nämlich bei den Münzen des Königs nur ein bißchen Prägung abzuschneiden braucht, um die ganze Münze zu entwerten, so schädigt, wer die gesunde Lehre auch nur im kleinsten Punkte verkehrt, das Ganze, weil er, damit beginnend, in stets größere Irrtümer verfällt.
[S. 35] Wo sind sie nun, die uns als streitsüchtig verdammen, weil wir uns mit den Häretikern auseinandersetzen? Wo sind sie nun, die da behaupten, zwischen uns und jenen gäbe es keinen Unterschied, der ganze Zwist entspringe lediglich der Herrschsucht? Sie mögen hören, was Paulus (von den jüdischen Irrlehrern) sagt, daß sie, obschon sie nur geringfügige Neuerungen einführten, das Evangelium verkehrt haben. Die Neuerungen dieser4 aber sind nicht geringfügig; wie sollten sie auch, da sie den Sohn Gottes für ein Geschöpf erklären! Hast du nicht gehört, daß schon im Alten Bunde der Mann, der am Sabbate Holz auflas und dadurch ein Gebot, und nicht etwa das größte, übertrat, mit der höchsten Strafe büßen mußte?5 Und daß Oza, als er die schwankende Lade stützte, eines plötzlichen Todes starb, weil er sich ein fremdes Amt angemaßt hatte?6 Wie? Die Schändung des Sabbats und die Berührung der fallenden Lade hat Gott in solchen Unwillen versetzt, daß jene Frevler nicht die geringste Verzeihung fanden, ein Mensch aber, der so unaussprechlich erhabene Geheimnisse schändet, ein solcher sollte Entschuldigung und Nachsicht erlangen? Nein und abermals nein! Aber das gerade ist ja auch die Ursache allen Unheils, daß man sich um solche Kleinigkeiten nicht kümmert. Weil die leichten Vergehen ohne entsprechende Züchtigung bleiben, deshalb ist es zu schwereren gekommen. Wie in leiblicher Beziehung vernachlässigte Wunden Fieber und Brand, ja den Tod verursachen, so führt in geistiger Beziehung die Mißachtung des Geringen zum Größeren. Der da, sagt man, übertritt das Fastengebot, aber es hat nichts zu bedeuten. Ein anderer steht fest im wahren Glauben, nur verstellt er sich aus (gewissen) Rücksichten und hat es aufgegeben, offen Farbe zu bekennen; auch das ist nicht so schrecklich. Wieder ein anderer hat im Ärger gedroht, er wolle vom wahren Glauben abfallen, aber auch [S. 36] da ist keine Ursache zum Einschreiten gegeben; er hat ja im Zorne gefehlt, sagt man, und in der Aufregung. Derartige Sünden könnte man unzählige anführen, die tagtäglich in die Kirche eingeschleppt werden. Deswegen sind wir den Juden und Heiden zum Gespötte geworden, weil die Kirche in tausend Parteien gespalten ist. Wenn alle diejenigen, welche anfingen, Gottes Gebote zu übertreten und in Kleinigkeiten abzuweichen, (sogleich) die verdiente Zurechtweisung gefunden hätten, dann wäre die Pest unserer Tage nicht entstanden und hätte nicht dieser gewaltige Sturm die Kirche erfaßt. — Sieh also, wie Paulus die Beschneidung eine Verkehrung des Evangeliums nennen kann!

1: Statt des sinnlosen Μαρκίωνες ist wohl Μαρκίων (Dun.) zu lesen. Auch die Lesart οἱ Μαρκίωνος wäre möglich.
2: Marcion, ein gnostischer Sektierer († 165/70), nimmt in seinen „Antithesen“ nur das Evangelium des Lukas an; auch dieses verstümmelt und entstellt er bis zur Unkenntlichkeit. Außerdem kennt er zehn ebenso entstellte Briefe Pauli. Aus dieser seiner „Hl. Schrift“ schöpft er seine gnostischen Lehrsätze über den Widerstreit des Juden- und Christengottes.
3: Z. B. 2 Tim. 2, 8.
4: der Häretiker.
5: Num. 15, 32—36.
6: 2 Kön. 6, 7.

 

 

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Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger