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Chrysostomus († 407) - Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Galater (In epistulam ad Galatas commentarius)
I. Kapitel

11.

[S. 50] Betrachte seine Demut! Nachdem er gesagt: „Ich ging fort nach Arabien“, fügt er einfach bei, „und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.“ Er erwähnt nichts von seinen Taten, nichts von der Stellung und Zahl seiner Schüler. Und doch bewies er gleich von seiner Taufe an einen solchen Eifer in der Widerlegung der Juden und riß sie zu solcher Erbitterung hin, daß sie ihm auflauerten und nach dem Leben trachteten, sie sowohl als auch die Heiden.1 Das wäre nicht geschehen, wenn sich nicht die Zahl der Gläubigen durch ihn bedeutend vergrößert hätte. Nachdem sie eben hinsichtlich der Lehre den Kürzeren zogen, blieb ihnen nur ein Auskunftsmittel: der Mord; und das bewies klar den Sieg Pauli. Aber Christus wollte ihn dem Lehramte erhalten, und darum ließ er ihn nicht umkommen. Trotzdem erwähnt er von diesen seinen Taten nichts. Er redet eben nicht um der bloßen Ehrsucht willen, nicht um die Apostel an Ansehen zu überflügeln, nicht um einer etwaigen Gereiztheit wegen persönlicher Zurücksetzung Luft zu machen; was ihn treibt, ist einzig die Furcht, es möchte das Evangelium Schaden nehmen. Er heißt sich selber eine Fehlgeburt,2 den ersten der Sünder3 und den letzten der Apostel, unwürdig dieses Namens. Und das sagt einer, der mehr als alle anderen sich abgemüht hat. Welch eine Demut spricht sich darin aus! Wer im Bewußtsein, nichts Gutes getan zu haben, bescheiden von sich spricht, der ist ehrlich, nicht demütig; wer aber nach solchen Triumphen in solchem Tone redet, der kennt die wahre Bescheidenheit. — „Und ich kehrte dann wieder“, schreibt er, „nach Damaskus zurück.“ Welche Anstrengungen mag er auch da wieder gemacht haben! Berichtet er doch von dieser [S. 51] Stadt, daß der Statthalter des Königs Aretas sie überall bewachen ließ, um den Heiligen in seine Gewalt zu bekommen.4 Das zeugt am besten von der Kraft und Entschiedenheit, mit der er den Juden zu Leibe ging. Aber davon erwähnt er an unserer Stelle nichts und hätte es auch an jener anderen nicht getan, sondern geschwiegen, wenn er nicht damals eingesehen hätte, daß die Verhältnisse die Erzählung gebieterisch forderten. Sowie er auch hier einfach berichtet: Ich kam und ging, ohne von den dortigen Erlebnissen etwas beizufügen.

V. 18: „Dann nach drei Jahren ging ich hinauf nach Jerusalem, um Petrus kennenzulernen.“

Kann es noch eine demütigere Seele geben? Nach so vielen und so herrlichen Werken, die er vollbracht, da er weder Petrus noch dessen Lehre von Nöten hatte, ihm vielmehr im Range gleich stand, um vorderhand nicht mehr zu sagen, geht er gleichwohl wie zu einem an Rang und Alter höher Stehenden hinauf; ja die Absicht, Petrus kennenzulernen, bildet den alleinigen Grund für seine Reise. Siehst du, wie er den Aposteln die geziemende Ehre erweist und sich nicht einmal für ebenbürtig, geschweige denn für besser hält! Das ergibt sich klar aus seiner Reise. Wie nämlich jetzt viele unserer Brüder zu heiligen Männern wallfahrten, so, ja mit noch viel größerer Unterwürfigkeit, besuchte Paulus damals den Petrus. Denn unsere Zeitgenossen wallfahrten zu ihrem eigenen Nutzen; der Heilige aber tat es damals nicht, um etwas von ihm zu lernen oder eine Zurechtweisung zu empfangen, sondern lediglich, weil er ihn sehen und durch seinen Besuch ehren wollte. Er schreibt: „um Petrus kennenzulernen“; nicht: um Petrus zu sehen, sondern: um ihn kennenzulernen, gerade wie jene sich auszudrücken pflegen, die große und berühmte Städte durchforschen wollen. Für so begehrenswert hielt er [S. 52] schon den bloßen Anblick dieses Mannes. — Das erhellt auch aus der Apostelgeschichte.5 Als er nach Jerusalem gekommen war — er hatte schon viele Nationen bekehrt, hatte soviel gearbeitet wie keiner der anderen, hatte Pamphylien, Lykaonien, das Volk der Cilicier, alle Bewohner jenes Erdteiles betreut und für Christus gewonnen —, ging er zunächst in aller Unterwürfigkeit zu Jakobus, als ob dieser an Einfluß und Ansehen höher stünde. Sodann befolgte er seinen Rat, einen Rat, der zu unserem Briefe das gerade Gegenteil bildet. „Du siehst ja, Bruder“, meinte jener, „wieviel tausend Juden unter den Gläubigen sich befinden; also lasse dich scheren und reinige dich!“ Und er ließ sich wirklich scheren und erfüllte das ganze jüdische Zeremoniell. Sowie nämlich das Evangelium keinen Schaden nahm, zeigte er die allergrößte Unterwürfigkeit; sowie er aber sah, daß seine Demut einigen zum Schaden gereichte, mied er fortan dieses Übermaß. Denn hinfort wäre das nicht mehr Demut, sondern böswillige Verführung seiner Schüler gewesen. — „Und ich blieb bei ihm fünfzehn Tage.“ Der Umstand, daß er seinetwegen hinreiste, bekundet seine große Verehrung; daß er aber so lange blieb, seine Freundschaft und zärtliche Liebe.

V. 19: „Einen anderen Apostel aber sah ich nicht, außer Jakobus, den Bruder des Herrn.“

Sieh, um wieviel inniger er Petrus liebt! Denn seinetwegen ging er hin und blieb bei ihm. Ich betone dies immer wieder und will es beachtet wissen, damit keiner von euch den Apostel verdächtige wegen jener Rede, die er scheinbar gegen Petrus gehalten hat. Er möchte diesen Punkt schon im voraus ins rechte Licht stellen und bringt ihn darum selbst zur Sprache, damit, wenn er späterhin berichtet: „Ich widerstand dem Petrus“, niemand hinter diesen Worten Zwietracht und Feind- [S. 53] schaft wittere. Denn er hält den Apostel in Ehren und liebt ihn über alles. Keinem andern Apostel, so versichert er, galt seine Reise als ihm allein. — „Einen anderen Apostel aber sah ich nicht“, spricht er, „außer Jakobus.“ Ich sah ihn, doch Belehrung empfing ich nicht von ihm. — Betrachte übrigens, mit welcher Ehrerbietung Paulus auch dieses Apostels gedenkt! Er sagt nicht einfach „Jakobus“, sondern setzt rühmend bei „den Bruder des Herrn“. So sehr war ihm alle Scheelsucht fremd. Denn wenn er den Mann, von dem er sprach, bloß näher bezeichnen wollte, hätte er dies offenbar auch durch ein anderes Merkmal tun können, etwa den Zusatz: den Sohn des Kleophas, welchen auch der Evangelist gebrauchte. Aber er drückte sich nicht so aus, sondern getragen von der Überzeugung, daß jedes Lob der Apostel auch sein Lob sei, ehrt er jenen so, als rühmte er sich selbst. Denn er benannte ihn nicht in der obenerwähnten Weise zu, sondern wie? „Den Bruder des Herrn“. Nun aber war Jakobus nicht einmal dem Fleische nach Bruder des Herrn, sondern wurde nur so geheißen. Gleichwohl hinderte das Paulus nicht, dem Manne seinen Ehrentitel zu geben. Auch sonst legte er bei den verschiedensten Gelegenheiten eine so echte, aufrichtige Gesinnung gegen alle Apostel an den Tag, wie es seiner würdig war.

V. 20: „Was ich euch aber da schreibe, siehe ich bezeuge es vor Gott, ich lüge nicht.“

Siehst du, wie aus allem die Demut dieser heiligen Seele gleichmäßig hervorleuchtet! Er müht sich mit seiner Verteidigung ab, als hätte er vor Gericht einen schlimmen Handel durchzuführen und müßte auf Strafe gefaßt sein.

V. 21: „Darauf begab ich mich in die Gegenden Syriens und Ciliciens.

Nach dem Besuche bei Petrus nämlich. Er hebt wieder an zu erzählen und die Schwierigkeiten seines Berufes [S. 54] zu schildern. Judäa berührte er nicht, weil er zu den Heiden gesandt war und weil er nicht gerne auf fremdes Fundament baute. Deshalb sah er sie6 nicht einmal flüchtig im Vorübergehen, wie aus dem Folgenden erhellt.

V. 22: »Denn ich blieb“, so fährt er fort, »den Kirchen Judäas von Person unbekannt.
V. 23: Nur gehört hatten sie: der, welcher uns vordem verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, welchen er einst bekämpfte.“

Was kann mit dieser Seele an Bescheidenheit wetteifern? Als er von den Dingen redete, die ihn bloßstellten, wie z. B. von seiner Verfolgung und seinem Kampfe gegen die Kirche, da bauschte er die Sache gewaltig auf und stellte sein früheres Leben gleichsam an den Pranger; was ihn aber in ein günstiges Licht setzen konnte, das übergeht er. Und obwohl es in seinem Belieben stand, all seine Ruhmestaten aufzuzählen, verliert er darüber kein Wort, sondern streift nur ganz kurz die Fahrt über das ungeheure Weltmeer und sagt: „Ich begab mich in die Gegenden Syriens und Ciliciens“ und: „Sie hatten gehört: der, welcher uns vordem verfolgte, verkündet jetzt den Glauben, welchen er einst bekämpfte“; nichts weiter. Was aber bezweckte er mit den Worten: „Ich blieb den Kirchen Judäas unbekannt“? Wir sollen daraus lernen, daß er, weit entfernt, jenen die Beschneidung zu predigen, ihnen nicht einmal vom bloßen Sehen bekannt war.

V. 24: „Und sie lobpriesen in mir Gott.“

Schau, wie er auch hier mit aller Sorgfalt sich an die Regel seiner Demut hält. Denn er sagt nicht: sie bewunderten mich, lobten mich, waren entzückt, sondern schreibt alles der Gnade zu. „Gott lobpriesen sie“, sagte er, „in mir.“

1: Apg. 9, 23 ff.
2: 1 Kor. 15, 8 f.
3: 1 Tim. 1, 15.
4: 2 Kor. 11, 32.
5: Statt πράξεων fordert der Zusammenhang die Lesart Πράξεων. Die Begebenheit findet sich Apg. 21, 17 ff.
6: Die Gemeinden Judäas.

 

 

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Vorbemerkungen zum Kommentar des Galaterbriefes
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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