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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 89.

LXXXIX.

V. 1. Ein Gebet des Moses, des Mannes Gottes.

Inhalt.

Er will sagen, daß Moses dieses Gebet insgeheim aufgeschrieben und übergeben habe, damit die Menschen in der Zukunft wissen können, wie sie bekennen sollen, wenn sie in das Unglück gerathen, das in den letzten Zeiten über sie gekommen ist, nachdem sie dem Herrn nicht gehorcht und ihn getödtet hatten. Damit, es aber nicht mit der Zeit in Vergessenheit geriethe, ist es unter die Psalmen eingereiht und mit Recht hinter den 88. gesetzt worden, der sich auf das Leiden des Herrn bezieht. [S. 679]

V. l. „Herr, Du bist unsere Zuflucht geworden von Geschlecht zu Geschlecht.“ Da er die Erbarmung Gottes anrufen will, so beginnt er mit Recht mit den Wohltaten, die er oft spendete. Wie er aber nach dem Geschlechte Wohlthaten spendete, das kann man sehen, wenn man auf das schaut, was sich zur Zeit des Pharao, zur Zeit des Jesu und in Babylon zugetragen hat.

V. 2. „Bevor die Berge entstanden und die Erde gebildet wurde.“ Weil sie, indem sie auf das Fleisch des Herrn sahen, ihn für einen bloßen Menschen hielten und sagten: „Du bist noch nicht dreissig Jahre alt und hast Abraham gesehen? „ 1 so ist ihnen das vorzugsweise Ursache des Falles geworden, daß sie die Gottheit nicht kannten. Deßhalb bekennen sie jetzt und sagen deutlich, daß er vor der ganzen Schöpfung war und zugleich mit dem Vater bestand.

V.3. „Verwirf nicht den Menschen zur Niedrigkeit.“ Hier ist das Bekenntniß. Er fleht, es möge. da er alle Heiden zur Erkenntniß der Wahrheit rief, auch er sich bekehren. Du hast gesprochen, sagt er, o Herr: Kehret um und bekehrt euch, Söhne, und ich werde euere Schaden heilen.“2 Da wir uns also bekehrten, so verwirf uns nicht zur Niedrigkeit.

V. 4. „Denn tausend Jahre sind vor Deinen Auge, o Herr!“ Er meint die Zeit des Dienstes im Gesetze, in welcher er nach der Vollendung des göttlichen Tempels vorzugsweise blühte. Denn von Salomo, der das Haus erbaute, bis zur Belagerung, die nach dem kostbaren Kreuze stattfand, beträgt der dazwischen liegende Zeitraum tausend Jahre. Aber diese tausend Jahre, will er sagen, mögen für einen Tag gerechnet werden vor Die- [S. 680] nem Angesichte, ja vielmehr nur für einen kleinen Theil des Tages, mit Recht vergleicht er mit der Nacht die Zeit vor der Ankunft des Heilands, da sich alle Menschen in Finsterniß und Verwirrung befanden, weil ihnen die Sonne der Gerechtigkeit noch nicht aufgegangen war.

V. 5. „Wie die Dinge, die für Nichts geachtet werden, werden ihre Jahre sein in der Frühe.“ Deutlicher würde er sagen: Ihre Jahre, die Jahre derer nämlich, die Dich verläugneten, werden für ganz und gar nichts geachtet werden. Denn sie sind der Verachtung der Menschen und Dämonen anheimgefallen, da sie den verläugneten, der sie erlöste und rettete.

V. 6. „In der Frühe blühe er und gehe vorüber.“ Mit dem Ausdruck „in der Frühe“ bezeichnen sie die Zeit, in der ihnen Christus auf dem Berge Sinai erschien. Das Gras aber deutet auf den Dienst des Gesetzt, der bald darauf verwelken soll. „Des Abends falle er ab. erstarre und verdorre.“ Abend nennt er die Zeit am Ende der Zeiten, in welcher der Eingeborne erschien, in welcher eben auch die Blüthe des gesetzlichen Dienstes vorübergangen war, verhärtet durch den Betrug des Ungehorsams

V. 7. „Denn wir vergingen in Deinem Zorne.“ Deutlich erzählen sie die Unglücksfälle, die ihnen wegen ihrer Sünden widerfahren sind, und das paßt auf die Juden und auf alle Menschen. Denn die Natur der Menschen wurde für die Ungerechtigkeit gestraft und den Unglücksfällen preisgegeben, und wird von vielfältigen Wogen umspült. Die Juden verloren wegen der Schlechtigkeit ihrer Gesinnung die Freiheit.

V. 8. „Du stelltest unsere Missethaten vor Dein Angesicht.“ Du ließest, will er sagen, Missethaten nicht ungeahndet, da wir sie auf unsere Häupter mit den Worten herangerufen haben: „Sein Blut über uns und unsere Kinder.“ 3 „Unsere Lebenszeit in das Licht [S. 681] Deines Angesichtes.“ Es ist, wie wenn er sagte: Unser Leben und die Thaten unseres Lebens erscheinen als böse vor Deinem Angesichte. Denn Dir war Nichts unbekannt von dem, was unter uns geschehen ist vom Anfang bis zum Ende.

V. 9. „Denn alle unsere Tage schwanden hin, und wir vergingen in Deinem Zorne.“ Die Sünde, will er sagen, setzte Deinen Zorn gegen uns in Bewegung, der Zorn zog die Strafe nach sich, die Strafe aber führte die Schmerzen herbei. Denn in Schmerzen haben wir unsere kurze Lebenszeit hingebracht. „Unsere Jahre sind zu achten wie ein Spinnengewebe.“ Nichts, will er sagen, ist in der menschlichen Natur fest und beständig. Wie ein Spinnengewebe wird sie leicht zerrissen.

V. 10. „Die Zeit unserer Jahre unter ihnen ist siebenzig.“ Das ist dem ähnlich, was der Patriarch Jakob gesagt hat: „Meine wenigen und schlimmen Tage erreichten nicht die Tage meiner Väter.“ 4 Es gibt wohl Solche, die über die genannte Zeit hinaus leben. Es geschieht jedoch das bei Wenigen. Er zeigt aber hier das, was gewöhnlich geschieht und bei den Meisten der Fall ist. Wie er nämlich derer nicht gedachte, die einen frühzeitigen Tod fanden, so hat er auch die übergangen, die durch ihr langes Leben altersgraue Greise geworden sind. Gleichwohl, sagt er, ist auch diese kurze Zeit voll Schmerz und Mühsal. „Denn es kam die Sanftmuth über uns, und wir werden gezüchtigt werden.“ Weil unser Leben gleichsam todt und unbedeutend ist und wir nicht wissen, was wir später von Deiner Macht erlangen werden, so züchtige uns, will er sagen, deßhalb mit Sanftmuth. Denn „es kam“ gebraucht er für „es komme.“ Sie bitten aber, die Züchtigung durch Christus zu erlangen, der die Rechte des Vaters ist. Deßhalb sagt er:

V. 12. „Mache mir also bekannt Deine [S. 682] Rechte.“ „Mache bekannt“ ist gemeinsam, so daß der Sinn ist: Mache uns Deine Rechte bekannt, das heißt Christum; mache uns die bekannt, welche in ihrem Herzen die Wahrheit haben.5 Das sind aber wohl die heiligen Apostel und Evangelisten, durch die wir die Arten der Wendung 6 kennen gelernt haben.V. 14. „Wir wurden in der Frühe voll von Deiner Erbarmung.“ Als ob bereits ihr Gebet erhört worden wäre, sprechen sie solche Worte. Denn es wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen am Ende dieser Zeit.

V. 16. „Schau auf Deine Knechte und Deine Werke.“ „Schau“ steht wieder für „Du schautest“ oder „Du betrachtetest Deine Knechte und die Werke Deiner Hände.“ Wenn wir bei dieser Besichtigung den Glanz und das Licht unseres Gottes gesehen und uns bekehrt haben, so mögen wir auf geradem Wege wandeln, indem wir die Werke der Bekehrung vollbringen.

V. 17. „Und es sei der Glanz unseres Herrn und Gottes über uns.“ Glänzend und angesehen machte uns das Licht der Gotteserkenntniß, und die Juden wurden nach ihrer Rückkehr wieder angesehen. „Und regiere die Werke unserer Hände.“ Werke sind die des Gesetzes, ein Werk ist das, das im neuen Bunde vollzogen wird. Denn im alten gab es verschiedene Opfer, im neuen wird nur der Sohn geopfert. „Und regiere das Werk unserer Hände.“ Werke der Hände sind die einzelnen Handlungen, ein Werk der Hände ist aber die daraus erwachsende Erkenntniß. [S. 683]

1: Joh. 8, 57, wo es aber bekanntlich heißt: „Du hast noch nicht fünfzig Jahre.“
2: Jerem. 3, 14. Athanasius führt diese Stelle als Parallele an zu: „Convertimini, filii hominum“ in unserm V. 3.
3: Matth. 27,25.
4: Genes. 47,9.
5: Wie es im zweiten Theile des Verses heißt.
6: Mit Bezugnahme auf V. 18: Convertere.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger