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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 88.

LXXXVIII.

V. I. Eine Unterweisung Ethams des Israeliten.

Inhalt.

Hier weissagt er die Geburt Christi aus dem Samen Davids und sein Reich, ebenso das heilbringende Leiben, das er für uns auf sich genommen hat. „Eine Unterweisung“ heißt es in der Aufschrift, weil es besonders geistigen Sinnes bedarf, um die Tiefe seiner Geheimnisse zu begreifen. Was aber den Eman betrifft, so ist im Vorhergehenden 1 deutlich dargelegt, daß auch er ein Prophet war.

V. 2. „Deine Erbarmungen, o Herr, werde ich in Ewigkeit besingen.“ Und welches sind die Erwärmungen des Herrn, die er uns erwiesen hat, die wir besingen sollen, ausser daß er die Herrschaften und Mächte und die Macht des Teufels selbst vernichtete und uns von der Sünde und dem Tode befreite? „Von Geschlecht zu Geschlecht werde ich Deine Wahrheit verkünden durch mei- [S. 668] nen Mund.“ Wahrheit des Vaters ist der Sohn, den die Heiligen von Geschlecht zu Geschlecht im Munde führen. Es kommt nämlich das Wort gleichsam vom Chor der Apostel.

V. 3. „Denn Du hast gesagt: In Ewigkeit wird die Erbarmung gebaut werden.“ Du, o Herr, will er sagen, hast Dich gewürdigt, die Verheissung zu machen, daß eine große und wunderbare Erbarmung in Ewigkeit ununterbrochen werde gebaut, das heißt bereitet, erweckt werden. Denn was gebaut wird, wird gleichsam erweckt und erhebt sich. Es ist aber das das Heil und die Gnade in Christus. Die Erbarmung Gottes erbaut also die Menschen, die Wahrheit aber bereitet die heiligen Mächte. „Deine Wahrheit wird bereitet werden.“ Wie das Heil in Christus Erbarmung und Gnade genannt wird, so ist es auch wieder die Wahrheit, die, wie er sagt, bis in den Himmel erweckt ist durch das Blut, sei es auf Erden, sei es im Himmel.

V. 4. „Ich schloß einen Bund mit meinen Auserwählten.“ Er meint Abraham und Jakob. Diesen hat er nämlich die Verheissungen von Christus gegeben, wie es heißt: „Und es werden in Deinem Samen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden.“2 „Ich habe David geschworen, meinem Knechte.“ Und wann sonst hat er geschworen, als da er zu ihm sagte: „Und es wird geschehen, wenn Deine Tage erfüllt sind und Du bei Deinen Vätern schlafen wirst, wird aus Deinem Samen ein Anderer auferstehen, der aus Deinem Leibe stammen wird, und ich werde seine Herrschaft für die Ewigkeit bereiten. Dieser wird ein Haus meinem Namen bauen. Und ich werde seine Herrschaft aufrichten für die Ewigkeit. Und ich werde ihm Vater sein, und er wird mir Sohn sein.“3

V.6. „Bekennen werden die Himmel Deine Wunder.“ Das sagt er wegen des gebornen Christus und der Engel, die den Hirten eine Freudenbotschaft zu bringen [S. 669] erklären: „Heute ist uns Christus der Herr geboren in der Stadt Davids,“ 4 und weil eine andere himmlische Heerschaar erschien, welche sprachen:, „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“ 5

V. 7. „Denn wer in den Wolken wird dem Herrn gleichen?“ Wenn auch der Eingeborne, will er sagen, Mensch geworden ist und sich zur freiwilligen Entäusserung herabließ und die Gestalt des Knechtes annahm, so ist er dessen ungeachtet über alle himmlischen Mächte in unvergleichlicher Weise erhaben. Denn diese bilden eine Dienerschaar, er aber ist der Gebieter und Herr über alle Dinge. Ja selbst „unter den Söhnen Gottes“ ist keiner ihm ähnlich. Und das bezeugen sie selbst mit den Worten: „Von seiner Fülle haben wir alle empfangen.“ 6 Er also gibt als Gott, sie aber sind reich an seinen Gaben.

V. 8. „Gott, der geehrt wird im Rathe der Heiligen ist groß und furchtbar.“ Wie die Unverständigen Ärgerniß nehmen, wenn sie, ihn in der Gestalt des Knechtes sehen und ihn sagen hören: „Ich bin die Wahrheit.“ 7 und: „Bevor Abraham war. bin ich.“ 8 so verherrlichen ihn umgekehrt die Heiligen und nennen ihn groß und furchtbar. Und das geht daraus hervor, daß Petrus wie im Namen Aller ausruft: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ 9 und wieder Alle insgesamt: „Du bist wahrhaft Gottes Sohn.“10 als er dem Meere und den Winden drohte.

V. 9. 10. „Du bist mächtig, o Herr, und Deine Wahrheit ist um Dich her. Du herrschest über die Kraft des Meeres.“ Die Worte zeigen, daß eben der, welcher in der Gestalt des Knechtes ist, es sei, der im Anfang die nasse Substanz hervorgebracht hat, und daß der Nämliche es ist, der den Sand dem Meere zur Grenze [S. 670] gesetzt und ihm gesagt hat: „Bis hierher wirst Du gehen und wirst nicht darüber hinausgehen.“11 Er bewies aber, daß das wahr sei, indem er dem Meere und den Winden drohte, als er mit seinen Jüngern zu Schiffe war. „Den Aufruhr seiner Wogen aber besänftigst Du. Du demüthigtest wie einen Verwundeten den Hochmüthigen.“ Er nämlich ist es, der den Mächtigen und Hochmüthigen gefesselt und den Seinigen gewährt hat, über Schlangen und Skorpionen zu wandeln und auf der ganzen Macht des Feindes 12

V. 12. „Dein sind die Himmel, und Dein ist die Erde.“ Wie er Herr des Meeres ist, so ist er auch Schöpfer der Himmel und der ganzen Erde. „Den Erdkreis und was ihn erfüllt, hast Du gegründet.“

V. 13. „Den Norden und das Meer hast Du geschaffen, Thabor und Hermon.“ Er bezeichnet hiemit die vier Theile des Erdkreises. Unter dem Norden versteht er die nördlichen Theile, unter dem Meere die westlichen, Meer nennt nämlich die Schrift den Westen, unter dem Berge Hermon den Süden, ferners unter dem Berge Thabor den Aufgang.

V. 14. „Dein Arm ist gewaltig „ Dein Arm, o Herr, will er sagen, möge Allen sich mächtig zeigen. Denn wenn er auch Mensch geworden und wie Einer aus uns erschienen ist, so ist doch das Übermaß seiner Größe deutlich geworden, und das wollen die Worte sagen: „Es werde stark Deine Hand, und erhöht werde Deine Rechte.“

V. 16. „Selig das Volk, das den Kriegsgesang versteht.“ Nachdem er die Menschwerdung des Eingebornen verkündet hat, preist er mit Recht die selig, welche sein Geheimniß verstehen gelernt haben. Das heißt aber ihm die Siegesgesänge singen. Kriegsgesang ist nämlich ein Gesang über die gefallenen Feinde. Er ging für uns in den Kampf und hat über die feindlichen Mächte ge- [S. 671] siegt. „Herr, im Lichte Deines Angesichtes werden sie wandeln und in Deinem Namen frohlocken.“ Er preist seine heiligen Apostel selig, weil sie nämlich in seinem Namen und in seiner Kraft die Wunder vollbrachten, die sie vollbrachten.

V. 18. „Und in Deinem Wohlgefallen wird unser Horn erhöht werden.“ Horn nennt er die Herrlichkeit. Er sagt also gleichsam zum Vater: Da es Dir Wohlgefallen hat, den Eingebornen zu senden, so ist deßhalb unsere Herrlichkeit hervorgebracht worden. „Denn wir sind verherrlicht worden, mit auferweckt mit Christus und mit ihm die Herrschaft theilend.“13

V. 20. „Damals redetest Du in einem Gesichte zu Deinen Söhnen.“ Damals, will er sagen, das heißt, einst redetest Du in prophetischen Gesichten zu Deinen Söhnen. Er meint die, welche er zur Würde der Kindschaft berufen hat. Was redetest Du aber anders, als: „Ich habe zur Hilfe gesetzt einen Mächtigen“ ? Es ist aber, wie wenn er sagte: Ich habe denen einen Mächtigen zur Hilfe gesetzt, die schwach und dem Satan nicht gewachsen sind, daß sie zum Mächtigen ihre Zuflucht nehmen. Der Mächtige aber, den uns der Vater zur Hilfe gegeben hat, ist gewiß nur Christus. Denn er ist der Herr der Mächte. „Ich erhöhte den Auserwählten aus meinem Volke. Ich fand David meinen Knecht.“ Verstehe darunter Christus aus dem Samen Davids, welcher der Auserwählte heißt. „Deßhalb hat auch Gott ihn erhöht.“ 14 David nennt er ihn aber wieder, insoweit er aus dem Samen Davids war, und ebenso auch Knecht, weil er in der Gestalt des Knechtes erschienen ist. „Mit meinem heiligen Öle salbte ich ihn.“ Da daß Wort Gott war, wurde es dem Fleische nach aus einem Weibe geboren und ging als Mensch hervor, indem es Gott blieb, wie es Gott war. Damals empfing es durch Dich das Gericht und wurde Christus genannt. Denn da das Wort Gott war und König war vor den Zeiten, machte es [S. 672] das Unsrige sich eigen, damit auch wir an dem Seinigen reich wären.

V. 22. „Denn meine Hand wird ihm helfen“ Der Heiland sprach: „Die Werke, die mir der Vater zu vollbringen gegeben hat.“15 Und wiederum: „Von mir selbst rede ich Nichts. Der Vater, der in mir wohnt, thut selbst die Werke.“ 16 Und das ist es, was jetzt der Vater von ihm sagt: „Denn meine Hand wird ihm helfen, und mein Arm wird ihn stärken.“

V. 23. „Keinen Vortheil wird der Feind über ihn erlangen.“ Wenn sie auch gesagt haben: „Kommet, wir wollen ihn tödten und sein Erbe in Besitz nehmen.“17 so war für den Satan und die Juden die Absicht vergeblich, und ihr Unternehmen wurde nicht ins Werk gesetzt. Denn der Heiland erwachte am dritten Tage wieder zum Leben, indem er den Tod mit Füßen trat und der Unterwelt die Beute abnahm, und er stieg auf zum Vater und Gott im Himmel und befindet sich zur Rechten des Thrones der Größe in der Höhe und herrscht über Alles mit seinem Erzeuger. Wahr ist also der Ausspruch: „Keinen Vortheil wird der Feind über ihn erlangen.“

V. 24. „Und ich werde vor seinem Angesichte seine Feinde zermalmen.“ Sie sind nämlich dem Heere der Römer ausgeliefert worden und gänzlich umgekommen.

V. 25. „Und meine Wahrheit und meine Barmherzigkeit sei bei ihm.“ Er versteht unter der Wahrheit den Gottesdienst im Geiste und in der Wahrheit, den uns Christus gelehrt hat, wie er zur Samariterin sprach: „Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.“18 Und die Barmherzigkeit hat uns Gott durch sonst Niemand erwie- [S. 673] sen als durch seinen eingebornen Sohn. Denn durch ihn allein haben wir auch die Anbetung im Geiste und in der Wahrheit kennen gelernt und haben Erbarmung gefunden, indem der Tod vernichtet und die Verwesung beseitigt wurde. „Und in meinem Namen wird sein Horn erhöht werden.“ Denn mit den Namen, die vorzugsweise dem Vater geziemen, wird auch der Sohn verherrlicht, zum Beispiel: Der Vater ist wahrer Gott, das ist auch der Sohn. Denn er ist die Wahrheit und das Leben. Von Natur ist der Vater und hat von Natur den Namen. 19 Das ist wiederum auch der Sohn. Denn er sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ 20 Das sprach er zu seinem Vater: ,,Alles, was mein ist, ist Dein, und was Dein ist, ist mein.“ 21

V. 26. „Und ich werde seine Hand setzen an das Meer.“ Meer nennt er, wie wir schon gesagt haben, das Land gegen Untergang, und mit den Flüssen meint er das Land, das zwischen den Flüssen liegt, oder das Morgenland. Er will also sagen, daß sein Werk über die ganze Erde werde verbreitet werden. „Und auf die Ströme seine Rechte.“ Auf das Meer wird die Hand Christi gelegt, auf die Flüsse aber seine Rechte. Aber er braucht nur zu wollen, so wird das Meer zu einem Flusse. Und wiederum wird der Fluß, wenn er den aus seinem Leibe strömenden Fluß bewahren wird, zu einem Meere des lebendigen Wassers.

V. 27. „Er wird zu mir rufen: Du bist mein Vater, mein Gott.“ Hier nennt wieder der, welcher nach der Heilsordnung Fleisch geworden ist. Gott seinen Vater, der auch sagt: „Ich gehe zu meinem Vater und euerm Vater, zu meinem Gott und euerm Gott.“ 22 Denn der Prophet sagt von ihm und prophezeit, daß ein Kind geboren werde, und nannte ihn einen starken Gott, Vater der Zukunft 23 [S. 674]

V. 29. „In Ewigkeit werde ich ihm meine Barmherzigkeit bewahren und meinen Bund“ Er will sagen, eben dem Volke, das durch ihn den Glauben erlangt hat. Barmherzigkeit aber nennt er die Verzeihung durch den Glauben. Unter dem Bunde aber versteht er den neuen, der auch zuverlässig sei, das heißt, sicher, fest und dauernd. Denn der erste Bund hat aufgehört wegen seiner Schwäche und Unbrauchbarkeit. Denn das Gesetz hat Nichts vollkommen gemacht.

V. 30. „Und ich werde von Ewigkeit zu Ewigkeit seinen Samen setzen.“ Niemals wird nämlich der Name der Christen aufhören und die Kraft des evangelischen Dienstes, vielmehr wird sie beständig dauern und kein Ende haben.

V.36. „Einmal schwur ich in meinem Heiligthum: Werde ich dem David lügen?“ Ähnlich ist ein anderer Ausspruch: „Der Herr schwur dem David Wahrheit, und er wird davon nicht abgehen.“24

V. 37. „Sein Same bleibt in Ewigkeit.“ Samen Davids nennt er Christus, der aus dem Samen Davids dem Fleische nach geboren ist, der auch ewig bleibt. Denn es gehört nicht zu den möglichen Dingen, daß er, da er Gott ist und wahrer Sohn Gottes, nicht in jeder Beziehung und durchaus ewig sei.

V. 38. „Und sein Thron wie die Sonne vor meinem Angesichte.“ Unter dem Throne Christi verstehe die Kirche. Denn er ruht in ihr. Es wird also, will er sagen, die Kirche Christi strahlen und die Erde unter dem Himmel erleuchten und beständig bleiben wie die Sonne und der Mond. Denn diese Stelle lautet also: „Und sein Thron, wie die Sonne vor meinem Angesichte und wie der Mond vollkommen in Ewigkeit, und der Zeuge im Himmel ist treu.“ [S. 675]

V.39. „Du aber verwarfst und verachtetest, hieltest ferne Deinen Gesalbten.“ Was am kostbaren Kreuze geschehen ist, sprechen die seligen Propheten aus. Sie sprechen also gleichsam zum Vater und Gott. Du versprachst, sagt er, daß der Same Davids ewig, bleibe und sein Thron wie die Sonne und der Mond. 25 Aber Du verwarfst und verachtetest, hieltest ferne Deinen Gesalbten. „Du verwarfst und verachtetest“ steht aber für: „Du hast ihn verwerfen und verachten lassen.“ Denn nicht der Vater verwarf und verachtete seinen eigenen Sohn; vielmehr haben das die Juden gethan, aber nur nach der Zulassung Gottes und des Vaters. Und das wollen die Worte sagen: „der seinen eigenen Sohn nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat.“ 26

V. 40. „Du stießest um den Bund Deines Knechtes.“ Du hast, will er sagen, die Erfüllung der Verheissungen von ihm aufgeschoben. Denn er hat unterdessen gelitten. Wie er sie aber aufschob, spricht er in den Worten aus: „Du stießest um den Bund Deines Knechtes.“ Du verhießest nämlich, will er sagen, daß er in Ewigkeit dauern werde. Und das war Dein Bund mit ihm. Und es kreuzigten ihn die Juden, und er wurde zu den Todten gerechnet. Er hat nämlich gelitten, will er sagen, und wurde gekreuzigt. Du stießest also um den Bund Deines Knechtes. „Du entweihtest im Lande sein Heiligthum.“ Du warfst, will er sagen, seine Herrlichkeit zu Boden. Als er nämlich ins Leiden gerieth, wurde er von den gottlosen Juden als bloßer Mensch angesehen. Aber er ist nicht todt geblieben, der nach dem Ausspruch des Propheten „frei war unter den Todten.“ 27 Keine Unehre brachte ihm fürwahr das Leiden, sondern er wurde vielmehr verherrlicht, indem er den, der die Macht des Todes hatte, das heißt den Teufel vernichtete und das Geschlecht der Menschen befreite. Nur was geschehen ist, verkünden die Propheten. [S. 676]

V. 41. „Du rissest nieder alle seine Zäune. Seine Zäune und Festungswerke nennt er die heiligen Apostel, die ihn alle verließen und vor Angst die Flucht ergriffen. Und deßhalb sagt er: „Du setztest Schrecken in seine Feste.“

V. 42. 43. „Sie beraubten ihn, . . . . . Du erfreutest alle seine Feinde.“ Sie freuten sich nämlich und schüttelten vor ihm ihre Häupter, als sie ihn am Holze hängen sahen.28

V. 44. „Du wendetest ab die Hilfe seines Schwertes.“ Da er sie, die der höchsten Strafe würdig waren, weil sie den eingebornen Sohn Gottes und des Vaters gekreuzigt hatten, nicht sogleich gestraft hat und aus übergroßer Liebe zu den Menschen eine Zeit zur Buße in der Taufe auch ihnen gewährte, so heißt es deßhalb von ihm, daß er die Hilfe seines Schwertes abwendete. „Du wendetest ab“ ist so viel als: Du hieltest zurück.

V. 45. „Du befreitest ihn von seiner Reinigung.“ „Du befreitest“ ist so viel als „Du brachtest ihn ab.“ Du brachtest ihn ab, will er sagen, oder versetztest ihn in einen Zustand, daß man glaubte, daß er rein sei.29 Denn man nahm an, daß er böse sei, und er wurde als Sünder verurtheilt und unter die Gottlosen gerechnet. „Du schmettertest auf die Erde seinen Thron.“ Da er dem Fleische nach gelitten hat und unter den Todten frei geworden ist, so glaubten die, welche ihn gekreuzigt hatten, er sei durch das Leiden aufgerieben worden und habe aufgehört, über- [S. 678] haupt zu sein und genannt zu werden. Deßhalb erklärt er die Gedanken der Kreuziger durch die Worte: „Du schmettertest auf die Erde seinen Thron.“

V.47. „Wie lange, o Herr, wendest Du Dich ab so ganz, wird brennen wie Feuer Dein Zorn?“ Das heißt: Wie lange werden die vermessenen Thaten der Juden dauern, welche auf die Kreuzigung unsres eingebornen Heilandes denken? Symmachus: „Wie lange, o Herr, wirst Du Dich verbergen so ganz, wird brennen Dein Groll wie Feuer?“ Wie lange, will er sagen, o Herr, willst Du nicht schauen auf unsere Schmerzen und erscheinst nicht und entfernst das Unglück nicht, sondern entzündest wie Feuer den Zorn durch die Erinnerung an unsere Sünden?

V. 48. „Gedenke, was mein Wesen ist?“ Zur Unverweslichkeit, will er sagen, hast Du den Menschen gemacht und nach Deinem Ebenbild ihn gestaltet. Er ist aber, will er sagen, durch Überlistung der Verwesung anheimgefallen. Verleihe also die Unverweslichkeit, damit sie gerettet werden, wie das Geschöpf gebildet wurde.

V. 49. „Wer ist der Mann, der Leben und den Tod nicht sehen wird?“ Niemand, will er sagen, wird den Tod überwinden, noch seine Seele der Macht der Unterwelt entreissen, wenn nicht Du, o Herr, nämlich die Auferstehung gewährst.

V. 50. „Wo sind Deine alten Erbarmungen, o Herr?“ Alte Erbarmungen Gottes, sagt er, nämlich die vor Erschaffung der Welt festgestellte Erneuerung zur Unverweslichkeit.

V. 51. „Gedenk', o Herr, der Schmach Deiner Knechte.“ Daß Deine Feinde, o Herr, will er sagen, „ich geschmäht haben, indem sie sagten, daß die Verheissungen, die über mich gemacht worden sind, falsch seien. Diese bestanden aber darin, daß sie gerettet und vom Tode und der Sünde befreit würden. Sie schmähten mich aber, indem sie auf meinen Tod schauten, und sie erklärten, daß [S. 678] dieselben eitel seien. Deßhalb bitte ich Dich, Du mögest eingedenk sein. Denn „die Veränderung Deines Gesalbten“ sagt er, „schmähten sie.“' 30 Es mag aber seine Veränderung sein Tod und Blut sein, das als Lösepreis für das Heil der Welt hingegeben worden ist, was sie ihm auch schmähend vorwarfen, indem sie meinten, daß er vom Tode überwunden worden sei. Aber er blieb in demselben nicht, da er frei war unter den Todten. Er erstand vielmehr am dritten Tage. Deßhalb schließt der Psalm auch mit den Worten: „Gepriesen sei der Herr in Ewigkeit. Es geschehe, es geschehe.“' 31 als wenn er bereits auferstanden und in den Himmel aufgefahren sei und gebenedeit oder gepriesen werde mit seinem Vater in Ewigkeit.

1: In der Inhaltsangabe zu Ps. 87.
2: Genes. 22,18.
3: II. Paral. 17,11-13.
4: Luk. 2. 11.
5: Luk. 2, 14.
6: Joh. 1. 16.
7: Joh. 14, 6.
8: Joh. 8. 58.
9: Matth. 16, 16.
10: Matth. 14, 33.
11: Joh. 38,11.
12: Luk. 10,19.
13: Ephes. 2,6.
14: Philipp. 2,9.
15: Joh. 5. 36.
16: Joh. 14, 10.
17: Matth. 21. 38.-
18: Joh. 4, 24.f
19: Nach einer Randbemerkung Montfaucons ist hier eine Textlücke.
20: Joh. 11, 25
21: Joh. 17, 10.
22: Joh. 20, 17.
23: Js. 9,6.
24: Ps. 131,11.
25: V. 38.
26: Röm. 8, 32.
27: Ps. 87. 6.
28: Matth. 27. 39.
29: Nach der gewöhnlichen Übersetzung und Auffassung dieses Verses mußte man hier erwarten: „daß er nicht rein sei,“ Athanasius hat aber keine Negation. Wenn man im Texte keine Änderung vornehmen will, muß man die Worte des Psalmes dahin erklären: Du machtest seine Reinheit offenbar, so daß eine Reinigung als überflüssig erschien.
30: V.52.
31: V.53.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger