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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 77.

LXXVII.

V. 1. Eine Unterweisung Asaphs.

Inhalt.

Diesen Psalm singt Asaph, indem er das junge Volk ermahnt, auf das Gesetz des Evangeliums zu merken, und jenes alte Judenvolk anklagt, daß sie, obschon mit vielen Wohlthaten überhäuft, keine einzige im Gedächtniß bewahrten, sondern vielmehr den Dank ins Gegentheil verkehrten, indem sie dem Wohlthäter mit Undank vergalten.

V. 1. „Habet Acht, mein Volk, auf mein Gesetz.“ Und welches andere Volk ermahnt er, als das der Heiden? Und auf welches andere Gesetz ermahnt er Acht zu haben, als auf das des Evangeliums? Daß aber sein Volk die Heiden sind, spricht der Prophet Zacharias aus: „Und es werden viele Heiden ihre Zuflucht zum Herrn nehmen und werden ihm zum Volke sein.“ 1 „Neiget euer Ohr zu den Worten meines Mundes.“ Bereitwillig nämlich, will er sagen, vernehmet meine Worte.

V.2.“Ich will in Gleichnissen meinen Mund öffnen“ deutlich hat der Evangelist dargethan, daß das erfüllt worden sei, als der Herr so viele Parabeln in den Evangelien erzählte2

V. 3. „Und was unsere Väter erzählt haben. Was wir von unsern Vätern, will er sagen. gehört und gelernt haben, das haben wir alles aus seinen Werken und aus seiner Ankunft erkannt.

V. 4. „Es ist nicht verborgen vor ihren Kin- [S. 635] dern im kommenden Geschlechte.“ Nicht für ein anderes Geschlecht, will er sagen, sondern für ihre Kinder sind alle großen Thaten des Heilands vollbracht worden. Daher verkündeten sie 3 ihnen ohne Unterlaß „das Lob des Herrn und seine Macht“ vorher.

V. 5. „Und er gab ein Gesetz in Israel.“ Ein Gesetz, will er sagen, gab er ihren Vätern und das Zelt des Zeugnisses, indem er ihnen Anleitung gab, durch das Gesetz den Heiland kennen zu lernen, der in der rechten Zeit unter dem Menschengeschlecht erschien.

V. 6. „Söhne, die werden geboren werden.“ Damit bezeichnet er die heiligen Jünger des Heilands, die die wunderbaren Thaten, die Christus verrichtet hat, ihren Söhnen melden, das heißt denen, die durch sie den Glauben angenommen haben.

V. 7. „Und daß sie nicht vergäßen die Werke Gottes.“ Diese werden sie ihnen erzählen, damit sie in ihnen Gott allein ihre Hoffnung nennen können.

V. 8. „Damit sie nicht würden wie ihre Väter.“ Es werden die Apostel, will er sagen, das Lob Gottes denen verkünden, die von ihm sich leiten lassen, damit sie die Gebote Gottes suchen und nicht die Raserei der Väter nachahmen. Jenes Geschlecht nämlich, will er sagen, hatte kein gerades Herz gegen Gott, noch hatte sein Geist treue Anhänglichkeit an Gott. „Ein Geschlecht, das kein gerades Herz hatte.“ Jene nämlich besaßen keine feste Anhänglichkeit an Gott und wollten den geraden Weg nicht wandeln, sondern hatten eine Richtung, die den göttlichen Gesetzen widersprach.

V. 9. „Söhne Ephräms. Schützen, die den Bogen spannen.“ Durch den Stamm Ephräm allein bezeichnet er das ganze Volk Israels, das von Juda getrennt war. Denn diese stellten auch die Kälber auf und fielen vom [S. 636] Dienste des Gesetzes ab. Nachdem er die Bosheit der Väter berührt hat, zählt er der Ordnung nach ihre ganze Verkehrtheit, die verschwenderische Freigebigkeit Gottes gegen sie, ihren Unglauben gegen Gott und das Verderben auf das ihnen daraus erwuchs, damit sie dadurch geleitet vor dem bösen Eifer fliehen möchten. Er sagt aber, daß die Söhne Ephräms, das heißt alle Israeliten, die gelernt hatten, gegen die bösen Dämonen zu kämpfen, und dazu wie ein Bogen hergerichtet waren, zur Zeit des Krieges selbst eine Umwandlung erlitten und ihren Herrn und Gott verleugneten, indem sie sich zum Barabbas, das heißt zum Satan wendeten.

V. 10. „Sie beobachteten nicht den Bund Gottes.“ Die neue Überlieferung des Evangeliums, will er sagen, und wie es heißt: „Sieh, es kommt der Tag, und ich werde mit ihnen einen neuen Bund schließen.“ 4 Es wird aber als Grund angegeben, daß sie, weil sie diesen nicht beobachteten, der ein neues Gesetz Gottes ist, sich abwendeten am Tage des Krieges. Denn sie glaubten ihm nicht, da er sagte: „Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen.“5 Denn da sie die hätten angreifen und bekriegen sollen, die Gott bekriegten, erhoben sie vielmehr Krieg gegen Gott.

V. 11. „Und sie vergaßen seine Wohlthaten.“ Obschon sie, will er sagen, viele Wohlthaten empfangen hatten, so haben sie doch alle aus ihrem Gedächtniß entschwinden lassen. Und dafür ist ein Beweis, daß sie ihn dem Pilatus auslieferten. Sie vergaßen, wie er unter ihnen einherging und ihnen insgesammt Wohlthaten erwies und die heilte, die unter der Gewalt des Teufels standen.

V. 12. „Die Wunder, die er that, im Angesichte ihrer Väter.“ So, will er sagen, vergaßen sie die Wohlthaten und Wunder Christi, wie eben auch ihre Väter die, welche in Ägypten geschehen sind, als Gott sie [S. 637] befreite. Denn diesen Sinn scheinen ungefähr die Worte zu haben : „Im Angesichte ihrer Väter.“ als wenn er deutlicher sagen würde: Sie haben in ihrem bösen Eifer sich ihren Vätern ähnlich gezeigt, und wie diese Gott vergaßen, so auch sie.

V. 13. „Er spaltete das Meer und führte sie hindurch.“ Und nicht allein das, sagt er, sondern er theilte auch das Meer und ließ sie alle hindurchgehen, hier beginnt er die Wunder bei der ersten Befreiung zu erzählen. Denn als das rote Meer sich in viele Theile zertheilt hatte und das Wasser aus jedem Theile sich emporhob und in die Höhe stieg, schloß er es wie durch göttliche Kraft gleichsam in einen Schlauch ein, damit es nicht, wenn es sich ungehindert ergöße, die Menge der Menschen bedeckte.P. 21.,.Deßhalb vernahm der Herr und verschob.“ Es ist, wie wenn er sagte: Er wartete eine kleine Zeit ab und that gleichsam seiner wohlthätigen Hand Einhalt.

V. 24. „Und er gab ihnen Himmelsbrod.“ Er nährte nicht bloß, will er sagen, die Leiber mit Manna, sondern ernährte auch durch eine vernünftige himmlische Kraft ihre Seelen, wie er ja auch die Engel ernährt. Und das kann man auch aus dem Bindewort abnehmen, da er die Worte gleichsam anfügt: „Und er gab ihnen Himmelsbrod.“ Man kann es aber ebenso vom Apostel erfahren, der von ihnen gesagt hat, daß sie eine geistige Speise aßen.“ 6 Diese war aber das, was jetzt Brod der Engel genannt wird. 7

V. 27. „Und wie Sand des Meeres gefiederte Vögel.“ Er meint hier die Wachteln.

V. 30. „Noch war die Speise in ihrem Munde.“ Die Nahrung ist ihnen zur Brechruhr geworden. 8 [S. 638] weil sie ganz und gar zur Übersättigung mit Fleisch sich haben hinreissen lassen.

V.39.“Und er erinnerte sich, daß sie Fleisch sind, ein Hauch, der da hin fährt und nicht wiederkehrt.“ Er erbarmte sich ihrer, will er sagen, obschon er sah, daß sie ganz und gar sich dem Fleische zugewendet hatten, das heißt der fleischlichen Gesinnung, und daß sie einen Geist hätten, der immer der Begierlichkeit des Fleisches nachginge und nicht umkehrte, um den Sinn zu ändern und aus ganzer Seele Gott zu suchen. Aus keinem andern Grunde erbarmte er sich also und rettete er, als wegen seiner eigenen Liebe zu den Menschen allein. Deßhalb sagte er auch zuvor: „Er ist mitleidig und barmherzig.“ 9

V. 42. „Sie gedachten nicht seiner Hand an dem Tage, an dem er sie erlöste aus der Hand des Drängers.“ Nachdem er die Güter aufgezählt hat, die ihnen im Meere und in der Wüste verliehen worden sind, gibt er eine andere Art der Wohlthat an. Das sind aber die Plagen, von welchen die Feinde heimgesucht wurden, die Verwandlung des Flusses in Blut, die Hundsfliege, der Frosch, der Mehlthau, die Heuschrecke, der Hagel, das Eis, das Feuer, die Absendung der bösen Engel und alles Übrige bis zur Vernichtung der Erstgebornen. 10

V. 50. „Er machte gebahnten Weg seinem Zorne.“ Da er, will er sagen, das Geheimniß des Lammes verliehen hatte, verlieh er seinem Zorne einen Durchgang, damit er an seinem Volk vorüberginge und nicht die erfaßte, welche sein Geheimniß feierten. Aber indem er diese dadurch bewahrte, daß er dem Zorne einen Durchgang verlieh, „verschonte er ihre Seelen.“ nämlich die der Ägyptier. „nicht mit dem Tode,“ denn er übergab sie dem Verderben.

V.54.“Und er brachte sie an den Berg seiner Heiligung.“ Er meint Jerusalem und den später in [S. 639] demselben gebauten Tempel. „Diesen Berg, den seine Rechte erworben.“ Denn Christus selbst ist die Rechte des Vaters, er der einst vor dem Volke einherging und, ihnen das Land der Verheissung zum Besitze anwies. „Und er trieb aus vor ihrem Angesichte die Völker.“ Den Amorrhäer, Chettäer und die weiterhin aufgezählt werden. „Und er verlooste unter sie das Land mit der Schnur der Theilung.“ Das Land eben der sieben Völker, die vertrieben und vertilgt worden waren. Denn von den Städten und Wohnungen eben dieser Verdrängten nahmen sie Besitz.

V. 56. „Und sie versuchten und erbitterten Gott den Allerhöchsten.“ Er spricht von dem Götzendienst zur Zeit der Richter und der Könige. „Und sie hielten seine Zeugnisse nicht.“

V. 57. „Und sie wendeten sich weg und hielten den Bund nicht wie ihre Väter.“ Wie ihre Väter, will er sagen, in der Wüste das Kalb gemacht haben, indem sie den Erlöser verläugneten, ebenso haben auch diese wieder Kälber aufgestellt, ihnen geopfert und Gott verlassen.

V. 58. „Und sie reizten ihn zum Zorne auf ihren Hügeln.“ Denn auf jedem Bergesgipfel opferten sie den unreinen Dämonen, wie der Prophet Oseas sagt.'11

V. 59. „Gott hörte es und verachtete es und brachte Israel sehr herab.“ Sie wurden nämlich in verschiedene Gefangenschaften ausgeliefert.

V. 60. „Und er verwarf das Zelt zu Silo.“ In Silo war nämlich früher das Zelt, als Heli und Samuel Priester waren. „Ein Zelt, das er bewohnte unter den Menschen.“ Unter Zelt versteht er die Arche, die jenen Menschen entrissen worden ist aus den fünf Satrapieen. 12 die sich derselben bemächtigt hatten.

V. 61. „Und er gab in Gefangenschaft ihre [S. 640] Macht und ihre Schönheit.“ . . . Ihre Macht und ebenso ihre Schönheit war die Arche, die den Händen der Azotier überliefert worden ist.13

V. 62. „Und er gab preis dem Schwerte sein Volk.“ Denn als sie in die Gefangenschaft abgefühlt wurden, starben sie, ohne daß Jemand ihnen beistand, weil ihre Genossen zuvor vom Feuer verzehrt worden waren. 14

V. 64. „Ihre Priester fielen durch das Schwert.“ Er meint die Söhne des Priesters Heli. „Und ihre Witwen werden nicht beweint werden.“ Sie sind umgekommen durch das nämliche Verderben und wurden zugleich in den Tod der Männer verwickelt und nicht einmal der Thränen gewürdigt, die man über die Todten zu weinen pflegt.

V. 66. „Und er schlug seine Feinde von hinten.“ Das sagt er, weil er die Azotier und Askaloniten auf das Gefäß schlug.“15 bis sie die Arche zurücksendeten.

V. 67. „Und er verwarf das Zelt Josephs.“ Das sagt er, weil Silo im Antheile Josephs lag. Ephraim aber der Sohn Josephs war.

V. 68. „Und er erwählte den Stamm Juda.“ Aus diesem nahm er nämlich die Könige, deren erster David war, man muß aber wissen, daß er einen Stamm für einen andern Stamm auserkor, nämlich den Stamm Juda für den Stamm Joseph, und einen Ort für einen andern Ort, nämlich den Berg Sion für Silo.

V. 69. „Und er baute sein Heiligthum nach Art eines Einhorns.“ Heiligthum nennt er den in Jerusalem erbauten göttlichen Tempel. Ein Einhorn ist aber ein unbezwingbares Thier, weil es ein spitziges Horn an der Stirne trägt und damit alle Thiere tödtet. Er sagt also, daß, als der göttliche Tempel in dieser Weise erbaut war, alle Völker sich schwächer zeigten, als die in ihm wohnende Kraft. [S. 641]

V. 70. „Von den gebärenden Schafen nahm er ihn weg.“ Von denen, die geboren und gezeugt werden. Von der Kunst der Hirten, will er sagen, und von der Kenntniß, die trächtigen Schafe zu bewachen, hat er ihn mit Recht fortgenommen und zum Hirten der geistigen Schafe gemacht.

V. 71. „Zu weiden Jakob, seinen Knecht.“ das heißt, er unterrichtete sie in guten Sitten und lehrte sie durch seine Thaten.

V. 72. „Und in der Klugheit seiner Hände leitete er sie.“ Klugheit der Hände nennt er jede geziemende Handlung.

1: Zachar.2, 11.
2: Matth. 13, 34.35.
3: Die Väter den Kindern
4: Bar. 2. 35.
5: Joh. 16, 27.
6: I. Kor. 10, 3.
7: V. 25.
8: Num. 11, 20 und , 33. 34.
9: V. 38.
10: V. 45-50
11: Os. 11, 2.
12: I. Kön. 6.
13: I. Kön. 5, 1.
14: V. 63.
15: I. Kön. 5, 6.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger