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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 72.

LXXII.

V. 1. Psalm Asaphs.

Inhalt.

In diesem Psalme stellt er die Ungleichheit dar, die den Menschen in den Gerichten Gottes begegnet. Denn diese sind tief und unerforschlich und ganz und gar unergründlich. Die aber die Gründe der im Einzelnen getroffenen Heilsordnung nicht kennen, gerathen in ihren Gedanken in Verlegenheit. Nachdem er daher zuerst die Gedanken uns vorgeführt hat, - das waren aber die, welche wegen des Glückes der gottlosen Menschen kamen, er sagt nämlich: Siehe, sie sind Sünder und haben Ueberfluß, 1 - lehrt er sodann, was für ein Ende diese Gottlosen nehmen werden, damit wir, wenn wir das genau wissen, uns durch die Ungleichheit der Dinge in dieser Welt nicht verwirren lassen.

V. l.“Wie gut ist Gott gegen Israel, gegen die, welche rechten Herzens sind!“ Indem er sich [S. 613] anschickt, das Glück der Menschen darzustellen, die in Gottlosigkeit leben, sowie die für später ihnen aufbewahrte harte Strafe, schickt er voraus, daß Gott gegen die Gerechten gut sei, damit die, welche die Gottesfurcht zu ihrem Antheil wählen, erkennen möchten, daß Gott gegen die allein gut sein werde, die rechten Herzens sind, in keiner Weise aber gegen die, welche ganz gottlose Sünder sind. Wenn sie daher auch glücklich zu sein scheinen, will er sagen, so möge sich Keiner irre machen lassen, indem er auf die Strafe sieht, die sie bald nachher treffen wird.

V. 3. „Denn ich eiferte über die Ungerechten, da ich den Frieden der Sünder sah.“ Er gibt an, was seine Seele in Verwirrung brachte. Das ist aber, daß sie erstens in tiefem Frieden verharren, ferner, daß sie das ganze Leben hindurch glücklich sind und ihr Glück sich bis in den Tod erstreckt, und daß die Gottlosen eines solchen Todes sterben, daß Niemand, wenn er gefragt würde, ob er eines solchen Todes sterben wolle, es verneinen würde. Zudem, wenn ihnen wegen ihrer Sünde eine Züchtigung zustoße, um sie zu bekehren, so sei diese nicht schwer, sondern leicht und erträglich. Dazu komme ausserdem noch, daß sie nicht an den menschlichen Mühen mit Antheil haben und nicht der täglichen Arbeit bedürfen, um sich die nöthigen Nahrungsmittel beständig zu verschaffen. Denn diese ihre Handarbeit ist den Menschen gleichsam als Züchtigung auferlegt.

V. 6. „Deßhalb hat sich ihrer die Hoffart bemächtigt“ u. s. w. Da ihnen alles Gute zu Theil wird, aber nichts Schlimmes, deßwegen haben sie sich unbegrenzter Hoffart hingegeben, die sie ungerecht und gottlos machte, und zwar in einem so hohen Grade, daß ihre Gottlosigkeit fett und gleichsam wohlbeleibt ist.2

V. 7. „Sie gingen der Stimmung des Her- [S. 614] zens nach.“ Das ungerechte Glück, will er sagen, hat ihre Seele in einen schlimmen Zustand versetzt. Und woran zeigt sich das anders als daran, daß sie Schlechtes denken und reden?

V. 8. „Sie redeten Ungerechtigkeit gegen die Höhe.“ Er drückt die Vergrößerung ihrer Bosheit aus, daß sie nunmehr ihre Lästerung auf Gott selbst ausdehnen. „Sie setzten ihren Mund in den Himmel.“ Sie sprachen, will er sagen, gotteslästerische Worte gegen Gott aus, und zwar, obschon sie niedrig waren und ihre Zunge auf der Erde hatten.

V. 10. „Deßbalb wird mein Volk sich wenden.“ Deßhalb werden sie, die sich erhoben haben, niedergeschmettert werden. Der Sinn ist folgender. Es wird ein gewisser Gewinn und eine gewisse Wendung aus ihrer Strafe meinem Volke werden. Denn wenn sie gesehen haben, was für ein Ende den Gottlosen zu Theil werden wird, werden sie wohl niemals dahin kommen, da sie wohl wissen, daß Gott über das Menschliche wache. „Und volle Tage werden bei ihnen gefunden werden.“ Wenn sie, will er sagen, eine solche Gesinnung haben, dann, ja dann werden sie ihre Lebenszeit in trefflicher Weise voll machen, wie es heißt: „Er entschlief nach der Fülle der Tage.“ 3 das heißt, ihren Tagen ist eine Fülle alles Guten zu Theil geworden.

V.11. „Und sie sagten: Wie weiß Gott?“ Mein Volk, will er sagen, wird aus dem Sturze der Gottlosen einen Gewinn ziehen. Die genannten Gottlosen und Gottesläugner waren aber so gottlos, daß sie denen, die ihr Leben sahen, zum Ärgerniß wurden, so daß sie zweifelnd sagten: „Wacht Gott über die menschlichen Dinge?“ Denn die Worte: Wie weiß? stehen für: Wie sagt man, daß er unsere Angelegenheiten kenne und ordne, und wie hat er eine Kenntniß von unseren Anliegen?

V.12.“Siehe, sie sind Sünder, und obschon [S. 615] wohlhabend für eine Ewigkeit, haben sie Reichthum erworben.“ Er setzt den Grund bei, warum die sich ärgern, welche sehen, daß die Gottlosen wohlhabend sind. Dieser liegt darin, daß sie im gegenwärtigen Leben beständig glücklich sind.

V.l3.“Und ich sprach: Also habe ich umsonst mein Herz gerecht gemacht?“ Und ich, will er sagen, wurde in meinen Gedanken verwirrt, da ich bei mir dachte, es möchte meine Bemühung um die Tugend mir Nichts nützen. Es bestand aber die Bemühung darin, die Gerechtigkeit zu üben, von ungerechter That frei zu sein und wegen der früheren Sünden durch das Bekenntniß sich zu strafen und zu diesem Zwecke gleichsam sich vom Lager zu erheben. 4 um wegen der Sünde sich zu Peinigen.

V. 15. „Wenn ich sprach: So werde ich reden, sieh, so habe ich das Bündniß mit dem Geschlechte Deiner Söhne gebrochen.“ Das, will er sagen, erwog ich bei mir, daß, wenn ich diese in mir aufsteigenden Gedanken Andern mittheilen würde (das waren aber die Worte: Also habe ich ohne Grund mein Herz gerecht gemacht ), ich ihnen zu jedem Ärgerniß Veranlassung geben würde. Indem ich aber das thäte, würde ich das Bündniß mit Deinen Söhnen, nämlich mit den gerechten Männern verletzen. Das war aber das Bündniß der Heiligen, sich gegenseitig nicht Veranlassung zu einem Ärgernis zu geben.

V. 16. „Und ich glaubte Dieß verstehen zu können, Mühe habe ich vor meinen Augen.“ Da ich glaubte, will er sagen, so tiefe Urtheile verstehen zu können, stürzte ich mich in Mühe, da sie tief und unerforschlich sind. Übrigens habe ich die für diese Kenntniß nöthige Zeit gefunden. 5 Das war aber die Zeit des göttlichen Ge- [S. 616] richtes, wenn Du einem Jeden nach seinen Werken vergelten wirst.

V. 18. „Denn wegen ihrer Hinterlist hast Du ihnen Übles bereitet.“ Ich, will er sagen, hielt für die geeignete Zeit zur genauen Erkenntnis tiefer Dinge die Zukunft. Indem ich nämlich im prophetischen Geiste die Zukunft erkenne, sage ich, daß ihnen ihr hinterlistiges Verfahren Ursache bitterer Strafen sein wird. Denn ihre Erhöhung wird ihnen zum Falle werden. Und dieser ihr Reichthum möge so angesehen werden, wie die leeren Bilder der Träumenden, die schwächer sind als jeder Schatten.

V. 20. „Und in Deiner Stadt wirst Du ihr Bild verschwinden machen.“ Die Stadt des Herrn ist das himmlische Jerusalem, ihr Bild aber das des irdischen Menschen. Der Sinn seiner Worte ist aber folgender. Da sie das Bild des irdischen Menschen an sich getragen haben, und nicht das des himmlischen, so werden sie also deßhalb verschwinden. Denn sie werden in jener Zeit hören: „Ich kenne euch nicht.“ 6 weil sie nicht das Bild eben dieses himmlischen Menschen an sich tragen.

V. 21. 22. „Weil mein Herz entzündet war und meine Nieren in einem andern Zustande waren, so ward ich zu Nichts gemacht, und ich wußte es nicht.“ Da ich eifernd geeifert habe für den Herrn. 7 so daß mein Herz und meine Nieren mit Feuereifer erfüllt wurden, so wurde ich deßhalb gewürdigt, erleuchtet zu werden und zu erkennen, was in Betreff Deiner Stadt geschehen ist, und was auf das Bild der Gottlosen Bezug hat. Aber ich lebte Anfangs wie ein unvernünftiges Thier, da die Gründe Deiner Vorsehung mir unerreichbar waren. Gleichwohl ließ ich von Dir, o Gott, nicht ab, noch gab ich die Hoffnung auf Dich auf, sondern war immer bei Dir.8 Und das that ich nicht aus eigener Kraft, sondern [S. 617] mit Hilfe Deiner Gnade. Denn Du selbst hast in Deiner Menschenfreundlichkeit meine Rechte erfaßt und mich gehalten und gestützt, 9 damit meine Schritte nicht ins Wanken geriethen und meine Füße nicht aus der Stellung verdrängt würden, die sie bei Dir einnehmen.

V. 25. „Denn was habe ich im Himmel, und was wollte ich von Dir auf Erden?“ Da ich, will er sagen, Nichts im Himmel habe als Dich allein, so konnte ich von den irdischen Dingen Nichts empfangen wollen, da sie alle vergänglich und hinfällig sind. Nur um Eines flehte ich, und in der Sehnsucht nach diesem quälte ich mich auf Erden. Das ist aber, daß Du mein einziger Antheil werdest.10

V. 27. „Denn siehe, die sich von Dir entfernen, werden umkommen.“ An Deiner Gemeinschaft, o Herr, will er sagen, hielt ich fest und zwar mit Recht, weil ich wußte, daß das Ende derer, die von Dir getrennt sind, das Verderben sein wird. 11 Die aber mit Dir vereinigt sind, werden einen guten Antheil haben. Denn es wird ihnen, wenn sie im himmlischen Jerusalem sind, der schöne Antheil als Erbschaft zufallen. Dieser besteht aber darin, daß sie beständig in Deinen Lobgesängen schwelgen.

1: V. 12.
2: Wie im ersten Theil von V. 7 angedeutet ist.
3: Genes. 25, 8.
4: V. 14.
5: Die im V. 17 bezeichnet wird.
6: Matth 25. 12.
7: III. Kön. 19,10
8: V. 23.
9: V. 24
10: V. 26
11: Was von da an folgt, bezieht sich auf V. 28.

 

 

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Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger