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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 70.

LXX.

V.1. Zum Ende, ein Psalm Davids, auch der Söhne des Jonadab und der ersten Gefangenen. Ohne Aufschrift bei den Hebräern

Inhalt.

Die Söhne des Jonadab sind gottesfürchtige und gerechte Männer und strenge Beobachter der Gebote des Vaters und von so gottesfürchtigem und rechtschaffenem Charakter, daß Gott selbst in einer Unterredung mit dem Propheten Jeremias ihrer Tugend Zeugniß ablegt. 1 Zu ihrer Zeit hat auch die erste Gefangenschaft Jerusalems durch die Chaldäer stattgefunden. Diese nun mögen die Person des Chores der Apostel vertreten, der genau die Gebote des himmlischen Vaters beobachtet und die Lobsprüche in den zu ihnen gesprochenen Seligkeiten empfangen hat. 2 In ähnlicher Weise also, sage ich, fand auch zur Zeit dieser Apostel die erste Gefangenschaft Jerusalems durch die Römer statt.3 Es [S. 602] werden nun diese Freunde Gottes, das heißt der Chor der Apostel, in diesem Psalme eingeführt, wie sie Gott Gebet und Danksagung für sich darbringen, weil er sie in ihrer Bedrängniß von ihren Verfolgern bei der Predigt des Evangeliums und von den geistigen Feinden ihrer Seele, den Dämonen, gerettet hat. Ausserdem verheissen sie nur Lobopfer empor zusenden, da sie nämlich vom Dienste des Gesetzes befreit sind.

V. 1. „Auf Dich, o Herr, habe ich gehofft, laß mich nicht zu Schanden werden in Ewigkeit.“ Eine große Ermutigung zum Vertrauen führt er sich zu Gemüthe, die Hoffnung auf Gott. „Befreie mich in Deiner Gerechtigkeit.“ Gerechtigkeit des Vaters ist der Sohn, durch den wir von der Sünde befreit worden sind, die uns im Verderben gefangen hielt.

V. 3. „Sei mir zu einem beschirmenden Gotte.“ Da dem Chore der Apostel bekannt ist, daß er nach der Verheissung denen, die an ihn glauben, ringsherum eine Feuermauer sein werde, so fleht er, es möge diese Verheissung an ihm in Erfüllung gehen. „Denn meine Stärke und meine Zuflucht bist Du.“ Denn er ist der Fels, den wir, die wir darauf gebaut sind, zur Grundfeste haben. Und er ist die Mauer, die uns umschließt, damit uns durch den Andrang der Leiden kein Schaden zustoße. Befreie mich, will er sagen, von diesen herrschenden Männern, die mich gleichsam mit einer Hand der Knechtschaft unterwarfen, die mit Sünde angefüllt, gottlos und ungerecht sind.

V. 4. „Mein Gott, erlöse mich von der Hand des Sünders und von der Hand des Uebertreters des Gesetzes und des Ungerechten.“ „Des Sünders.“ Er meint „der Juden.“ Denn der Jude war der Uebertreter des Gesetzes und der Ungerechte, und zwar der Uebertreter des Gesetzes, weil er die Unschuldigen verurtheilte, der Ungerechte aber, weil er gegen sie keinen gegründeten Vorwurf hatte. [S. 603]

V. 5. „Denn Du bist meine Geduld, o Herr, Herr meine Hoffnung von meiner Jugend an.“ Befreie mich, will er sagen, von jenem Volke, das die Gesetze übertritt, weil ich Deinetwegen das dulde und wegen der Hoffnung auf Dich, die ich schöpfte aus meiner ersten und ursprünglichen Geburt aus Dir, wie es heißt: .Allen, die ihn aufgenommen haben, gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden.“4

V.6.“Auf Dich bin ich gestützt vom Mutterleibe an.“ Er spricht aus, daß Christus es ist, für den sie das litten, der sie, da sie noch im Mutterleibe umschlossen waren, durch seine schöpferische Vorsehung ans Licht brachte. „Vom Leibe meiner Mutter an bist Du mein Beschirmer.“ Da Du der Herr selbst, will er sagen, mich, da ich noch im Leibe meiner Mutter war, mit Deiner göttlichen Macht beschirmtest und von dem gegen das Gesetz frevelnden Volke erlöst hast, deßhalb höre auch ich, der ich so oft Deine Wohlthätigkeit erfahren habe, nicht auf, die an Dich gerichteten Lobgesänge ohne Unterbrechung emporzusenden.

„Auf Dich richtet sich stets mein Lobgesang.“ Dich lobpreise und verherrliche ich ohne Unterlaß, und durch Deine Fürsorge werde ich berühmt.

V. 7. „Wie ein Wunder bin ich Vielen g worden.“ Wunder nennt er das Unerwartete und Großartige. Seine Worte aber haben diesen Sinn. Wenn ich auch hoch emporgehoben worden bin, will er sagen, und in meiner Größe und Auszeichnung unter vielen Völkern voll Zuversicht bin, so habe ich doch das nicht durch eigene Kraft erlangt. Denn Du selbst warst es, der Du durch Deinen beistand mich hervorragend und ansehnlich machtest.

V.8. „Laß voll sein meinen Mund von Lob, daß ich Deine Herrlichkeit singe.“ Da ich, nachdem solche Wohlthaten mir erwiesen worden sind, als Mensch den schuldigen Dank nicht abstatten kann, deßhalb [S. 604] flehe ich, es möge durch Deine Weisheit mein Mund mit Lob erfüllt werden, und so werde ich mit genauer Noth Deine Herrlichkeit lobpreisen können. „Deine Größe den ganzen Tag.“ Wenn ich, will er sagen, da mein Mund mit Lob gefüllt ist, Deine Herrlichkeit zu lobpreisen anfangen werde, so werde ich auch den ganzen Tag hindurch Deine Größe lobpreisen, Herrlichkeit nennt er die Heilsordnung, die er auf Erden getroffen, durch die er die Erde mit seiner Herrlichkeit erfüllt hat. Größe aber nennt er die Gottheit, durch die er Das alles in ungleicher Weise vollbrachte.

V. 9. „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters.“ Alter nennt er hier die Ohnmacht. Er will also sagen: Möge, o Herr, nicht eine Zeit kommen, in der ich etwa ohnmächtig erscheine. Er fleht also, er möge nie die Hoffnung auf Christus verlieren, denn er ist unsere Kraft. „Wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht.“ Sollte es mir auch, will er sagen, da ich ein Mensch bin, jemals begegnen, zu sündigen, so verlaß mich wegen der Sünde nicht, o Herr, sondern rufe mich in Deiner Milde wieder zurück, o Herr!

V. 10. „Denn meine Feinde sprachen zu mir.“ „Denn sie sprachen“ ist gesetzt für: Mögen meine Feinde niemals sagen: Laßt uns ihm nachstellen; denn er wird uns zur Beute werden, wenn ihm Gott nicht hilft.

V. 12. „Gott, sei nicht fern von mir.“ Da also Jene das sagen, so schiebe die Hilfe nicht lange auf. „Mein Gott, achte auf meine Hilfe.“

V. 13. „Es sollen sich schämen und verkommen, die meine Seele verleumden.“ Jene nämlich, will er sagen, werden, wenn sie mir nachstellen, weil sie glauben, daß ich von Dir verlassen sei, sobald Du selbst mir hilfst, selbst in Schande gestürzt werden, weil sienämlich die Verleumdungen gegen meine Seele als eitel erfinden werden. Was für Verleumdungen sind aber das anders, als die in den Worten bestanden: „Gott hat ihn verlassen ?“5 [S. 605]

V. 14. „Ich aber werde nimmer auf Dich hoffen.“ Denn unaufhörlich bekennen sie in ihren Schriften ihre Hoffnung auf Christus. „Und ich werde hinzufügen zu allem Deinem Lobe.“ Durch die Lobpreisung derer, die durch sie gerettet wurden.

V. 15. „Mein Mund wird Deine Gerechtigkeit verkünden.“ In meinem Munde, will er sagen, werde ich, o Herr, beständig Deine Gerechtigkeit führen. Die Gerechtigkeit des Vaters ist nun sein Eingeborner. Denn es wurde uns die Gerechtigkeit von Gott geboren. 6 wie es der heilige Apostel ausspricht. „Den ganzen Tag Dein Heil.“ Immer, will er sagen, werde ich der Heilsordnung gedenken, durch die Du uns das Heil gewährt hast. „Denn Bücherweisheit kenne ich nicht.“ Unter Bücherweisheit versteht er entweder die eitlen und viel verschlungenen Zerstreuungen des Lebens oder die verschiedenartigen Opfer, deren Darbringung das Gesetz befiehlt. Da ich, will er sagen, diese alle bei Seite gelegt habe, so werde ich in die himmlischen Wohnungen eingehen, da der Herr mir dazu die Kraft verleiht. Ähnlich sind die Worte: „Sieh, wir haben Alles verlassen und sind Dir nachgefolgt, was wird uns zu Theil werden? „7 Deßhalb empfingen sie damals auch die Verheissung des Himmelreiches.8

V. 16. „Ich werde eingehen in der Kraft des Herrn.“ Durch Deine Kraft und Hilfe werde ich den Eingang in das Land der Verheissung finden. „Herr, ich werde Deiner Gerechtigkeit allein gedenken.“ Indem ich alles Angeführte fahren lasse, will er sagen, werde ich bloß Deiner Gerechtigkeit gedenken, durch die Du uns von der Sünde befreit hast.

V. 17. „Mein Gott, was Du mich gelehrt hast von meiner Jugend an.“ Vom ersten Tage nämlich, so zu sagen, angefangen, an dem er sie erwählte. verlieh er ihnen, was zum Himmelreiche gehörte. „Und bis [S. 606] jetzt werde ich Deine Wunder verkünden.“ Ich habe nicht, will er sagen, die Erinnerung an das verloren, worin ich unterrichtet worden bin, sondern was ich selbst gelernt habe das habe ich auch den Übrigen mitgetheilt.

V. 18. „Und bis zum Greisenalter und hohen Alter.“ Da Christus selbst nach seiner Auferstehung von den Todten ihnen die Verheissung gegeben hatte: „Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt,“9 so bittet er deßhalb, es möge diese Verheissung an ihm erfüllt werden. Mein Gott, verlaß mich nicht, bis ich Deinen Arm verkünde.“ Wenn Du mich, o Herr, will er sagen. Deiner Verheissung gemäß nicht verläßt, dann wird es möglich werden, Deinen Arm dem aus den Heiden sich bildenden gläubigen Geschlechte zu verkünden. Was es aber für ein Arm sei, fügt er bei in den Worten: „Deine Macht und Deine Gerechtigkeit.“ Er nennt ihn Macht, weil er den Starken gefesselt und sein Gepäcke geplündert hat. Gerechtigkeit aber, weil er uns, da wir ungerecht gefangen gehalten wurden, erlöst hat.

V. 19. „Gott, aufs Höchste.“ Ich werde verkünden, will er sagen, daß Du nicht bloß, was auf Erden, sondern auch, was im Himmel ist, durch Dein eigenes Blut erlöst hast. Ähnlich ist: „Daß auch selbst das Geschöpf von der Knechtschaft der Verderbtheit befreit werden wird.“10 „Gott, wer ist Dir gleich?“ Er sagt Dank, daß er, obschon einst wegen der Sünde mit Recht zum Tode verurtheilt, nicht im Tode blieb, sondern wegen der Liebe Gottes zu den Menschen durch Christus vom Verderben befreit worden ist.

V.20 “Wie viele und große Trübsale hast Du mir gezeigt!“ Was für große Leiden hast du mir widerfahren lassen! „Doch Du wandtest Dich, belebtest mich und führtest mich aus den Abgründen der Erde zurück.“

V. 21. „Du vermehrtest an mir Deine Herr- [S. 607] lichkeit und wandtest Dich und warst mein Trost.“ Die Verdoppelung scheint anzudeuten, daß die Reue über die Sünden nach der Taufe dem angenehm sei, der, wie es heißt, gegen uns seine Güte und Gerechtigkeit vermehrt hat. Deßhalb heißt es zuerst: „Du belebtest mich.“ wie von der Wiedergeburt, zweitens: „Du warst mein Trost.“ von dem, der wegen der Sünden von Muthlosigkeit bedrängt wird, man kann aber das Erste von der Befreiung aus Ägypten auffassen, das Zweite von der Ankunft des Herrn verstehen, als der vollkommene Trost uns zu Theil geworden ist. Denn die aus Ägypten ausgezogen sind, verfielen, wenn sie auch vom zeitlichen Tode erlöst wurden, dem ewigen, da die Auferstehung noch nicht verliehen war.

V. 22. „So werde ich Dich denn preisen, auf Psalterspiel Deine Wahrheit, o Gott!“ So, will er sagen, werde ich durch Lobpreisung mich zubereiten, daß ich würdig werde, ein Gefäß des Lobgesangs zu heissen. Wenn aber gesagt ist, daß er ein Gefäß der Auserwählung genannt wird, so offenbar auch ein Gefäß des Lobgesanges. „Ich werde Dir lobsingen auf der Harfe.“ Er meint mit der Harmonie der Seele. Denn wenn die Seele Nichts thut und ihr Nichts begegnet, was ihr widerstrebt, weder im Leben noch in Bezug auf die Lehre, dann, ja dann kann sie mit Recht eine geistige Harfe genannt werden.

V. 23. „Frohlocken werden meine Lippen, wenn ich Dir lobsinge.“ Das ist zur Unterscheidung vom Gesetze gesagt, weil jene Gebote lästig und schwer zu erfüllen waren, diese aber angenehm und leicht sind, da sie die mit Lust erfüllen, die derselben gewürdigt werden. „Und meine Seele, die Du erlöst hast.“ Von der Sünde des Verderbens, der Knechtschaft des Satans, vom Tode selbst.

V. 24. „Auch meine Zunge wird den ganzen Tag Deiner Gerechtigkeit gedenken, wenn beschämt worden und zu Schanden geworden und die mir Übles wollen.“ Wenn meine geistigen Feinde will er sagen, beseitigt und im Abgrunde wohnend [S. 608] mit Schande überhäuft sind, da fürwahr werde ich Dich, da mich Niemand mehr hindert, unaufhörlich in Lobgesängen preisen, o Herr!

1: Jerem. 35, 16. 18.
2: Luk. 6. 20-23.
3: Nämlich die unter Kaiser Vespasian, die zweite unter Kaiser Hadrian.
4: Joh. 1,12
5: V. 11.
6: Philipp. 3. 9
7: Matth. 19, 27.
8: Ebd. V.28
9: Matth. 28. 20.
10: Röm. 8. 21.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger