Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 68.

LXVIII.

V. 1. Zum Ende, für die, welche werden verwandelt werden.

Inhalt.

Es enthält der Psalm ein Gebet, das der Heiland im Namen der Menschheit verrichtet, und die Gründe, warum sie ihn dem Tode am Kreuze überlieferten. Ausserdem erzählt er deutlich das Leiden selbst und die Unglücksfälle, die den Juden nach dem Leiden zustoßen sollten. Dazu bringt er auch eine Einführung in die evangelische Lebensweise und die Lehre über die Anbetung im Geiste und in der Wahrheit, was den eigentlichen Inhalt des Psalmes ausmacht. Daß aber der Heiland das ganze Gebet, das er betete, im Namen der menschlichen Natur betete, das zeigt er am Ende des Psalmes und sagt: „Denn der Herr hat die Armen erhört und seine Gefangenen nicht verachtet.“ 1

V. 2. „Rette mich, o Gott, denn die Gewässer sind bis in meine Seele gedrungen. Da er unsere Sünden auf sich genommen hat, empfindet er Schmerz um unsertwillen, mit Recht bittet er auch von den Versuchungen befreit zu werden, die wie ein reissender Strom seine Seele umrungen haben.

V. 3. „Ich blieb stecken im Schlamme der Tiefe, und man kann nicht feststehen.“ Denn das hatte die menschliche Natur gelitten, von der Sünde in den Tod und selbst in den Ort der Unterwelt fortgerissen, den er eben hier Schlamm der Tiefe und Tiefe des Meeres nennt. [S. 593]

V. 4. „Ich mühte mich ab mit Rufen, heiser ist mein Hals geworden.“ Was es war, was er rief und warum er rief, zeigte er im Folgenden deutlich mit den Worten: „Befreie mich von denen, die mich hassen, und aus der Tiefe der Gewässer, und nicht tauche mich unter der Sturm der Gewässer2 u.s.w. Er betete nämlich, wie gesagt, für die Menschennatur, damit die Macht des Todes gebrochen würde, indem die Unterwelt über ihr (der Menschennatur) den Mund nicht schloß. Deßhalb sagt er auch: »Und es schließe der Brunnen über mir seinen Mund nicht.“ 3

V. 5. „Es wurden mehr als die Haare meines Hauptes, die umsonst mich haßten.“ Denn groß ist die Zahl der Dämonen, die der menschlichen Natur nachstellen, die von uns sein Unrecht erlitten haben und uns zu tödten suchen. „Stark wurden meine Feinde, die mich ungerecht verfolgen.“ Er spricht aus, wie ungerecht er verurtheilt worden ist.

V. 6. „Gott. Du erkanntest meinen Unverstand.“ Unverstand nennt er das, was den Menschen als Thorheit gilt, nämlich das Leiden. Denn es ist nach dem Ausspruch des heiligen Apostels „das Kreuz den Juden ein Ärgerniß, den Heiden eine Thorheit.“4 Du also, o Vater, will er sagen, erkanntest die Heilsordnung im Kreuze. Das sagt er, weil er dem Vater gehorsam war bis zum Tode, und zwar bis zum Tode des Kreuzes. „Und meine Missethaten sind vor Dir nicht verborgen.“ Ähnlich ist: „Der keine Sünde kannte, den hat er für uns zur Sünde gemacht.“ 5 Und das wollen die Worte sagen: „Vor Dir sind sie nicht verborgen.“

V. 7. „Laß an mir nicht zu Schanden werden, die auf Dich hoffen, Herr, Herr der Mächte.“ Die Worte „an mir“ stehen für „meinetwegen“.meinetwegen' [S. 594] oder „durch mein Leiden für sie.“ die Worte aber: „Laß sie nicht zu Schanden werden“ für: Sie sollen nicht mehr beschämt werden, da sie einst beschämt worden sind wegen des Verderbens, dem sie verfielen. Der Sinn ist aber folgender. Da ich, will er sagen, es auf mich nahm, für sie den Tod zu kosten, so möge die durch den Tod einst über sie gekommene Schande aufgehoben sein. Eine Schande war nämlich die Herrschaft des Todes über den nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen. Er zeigt also, wie durch seine Auferstehung der Tod beseitigt werden wird. Es ist in dieser Erklärung auch die zweite ähnliche Verszeile mit inbegriffen: „Es mögen an mir nicht beschämt werden, die Dich suchen.“ Treffend sagte er „an mir“ sowohl oben als auch hier. Denn da er es war, der sie angetrieben hatte, so hätte er durch seine Niederlage denen Schande bereitet, die ihm geglaubt hatten, als ob sie leichtsinnig sich hätten täuschen lassen und sich der Gefahr preisgegeben hätten.

V. 8. „Denn um Deinetwillen ertrug ich Schmach.“ Ich flehe, will er sagen, daß der Tod beseitigt werden möge, da ich ja Dir unterthänig gewesen bin und ihn auf mich genommen habe.

V. 9. „Ich bin fremd geworden meinen Brüdern.“ Das sagt er, weil bei seinem Leiden ihn Alle verlassen haben.

V. 10. „Denn der Eifer für Dein Haus hat mich verzehr t.“ Sie verleugneten mich, will er sagen, weil ich sie zurecht wies, als sie gottlos waren gegen Dein Haus. Deutlich aber stellt es Johannes in dem geschichtlichen Vorfall dar, als er sie mit einer Geißel aus dem Tempel austrieb.6 „Und die Schmähungen derer, die Dich schmähten, fielen über mich.“ Nicht nur, will er sagen, bin ich fremd und ein Fremdling geworden, sondern ich erlitt auch Schmähung von denen, die Dich durch böse Thaten [S. 595] schmähten. Ich litt aber das aus keinem andern Grunde als wegen des Eifers für Dein Haus.

V.11. „Und ich hüllte meine Seele in Fasten.“ Aus Schmerz, will er sagen, über den ihren Seelen bevorstehenden Untergang that ich das und das. Die aber, für die ich das that, führten mich zu jeder Zeit und an jedem Ort im Munde und warfen mir die Leiden vor, die ich für sie duldete.7

V. 14. „Ich aber richte mein Gebet zu Dir, o Herr.“ Wenn sie mir auch, will er sagen, Gutes mit Bösem vergolten haben, so lasse ich doch nicht ab, mein Gebet für sie darzubringen. Und das geht aus dem Gebete hervor, das er, wie der Evangelist berichtet, sogar am Kreuze für seine Kreuziger verrichtet hat. 8 „Zeit des Wohlgefallens. Gott!“ „Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren vom Weibe, dem Gesetze unterworfen, um die, die unter dem Gesetze waren, loszukaufen.“9 Der zu diesem Zwecke kam, sagte: „Zeit des Wohlgefallens, Gott!“

V. 15. „Rette mich aus dem Schlamme, daß ich in ihm nicht stecken bleibe.“ Das war es, was er in seinem Gebete, für die Menschheit ausrief, als er sprach: „Heiser ist mein Hals geworden.“ 10 „Heiser ist geworden“ zeigt den Eifer im Gebete an.

V. 16. „Nicht versenke mich das Ungestüm des Wassers, und nicht verschlinge mich die Tiefe.“ Es ist ein Gesetz und eine schreckliche Verwünschung ausgesprochen. Wenn selbst ein Engel uns ein anderes Evangelium predigt oder eine andere Lehre verkündet, als die uns Paulus verkündet, so soll er im Banne sein. Wer vermag es, über Paulus oder vielmehr über Christus sich zu stellen, der in ihm spricht? Er bezieht also dieses Gebet auf sich und bezeugt es im Briefe an die Hebräer mit den Worten: In den [S. 596] Tagen seines Fleisches, das heißt, als er an das Kreuz kam hat er dem, der ihn vom Tode retten konnte, das heißt dem Vater, Gebet und Flehen unter starkem Geschrei und Thränen dargebracht, und, erhört wegen seiner Ergebenheit, hat er, obschon er Gottes Sohn war, durch seine Leiden den Gehorsam gelernt. 11 Hier hat uns Paulus oder vielmehr Christus selbst, der durch ihn spricht, über das Aufschluß gegeben, was die Evangelisten mit Stillschweigen übergangen haben, indem er sagt, daß unter starkem Geschrei und Thränen das Gebet verrichtet worden sei: „Vater, es gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ 12 Nicht aus Verstellung, nicht um den Satan zu überlisten, nicht als ob er den Willen der Welt zum seinigen machen wollte, sondern in seinem eigenen Namen betet Christus nach der Heilsordnung freiwillig mit Geschrei, Thränen, mit Schweiß und Blutstropfen, mit dem stärkenden Engel, der ihm gleichsam zuredet und ihn tröstet, obschon er in Wahrheit Gottes Sohn ist. Aber er betete auch, als ihn Todesangst befiel13 wie der Evangelist sagt, ja dringender, ja zweimal und dreimal bringt er sein Gebet dem Vater dar. Da also Paulus oder vielmehr wiederum Christus, der eben durch Paulus spricht, dieses Gebet, auf sich bezieht, wer kann das anders deuten, was Christus selbst von sich bezeugt hat?

V. 18. „Wende Dein Angesicht nicht ab von Deinem Knechte.“ Weil Gott der Vater wegen der Übertretung Adams von der menschlichen Natur sich abgewendet hatte, so bittet er ihn deßhalb, ihr sein Angesicht wieder zuzuwenden.

V. 19. „Gib Acht auf meine Seele und erlöse sie.“ Aus dem Tode nämlich, der sie gefangen hält. „Erlöse mich um meiner Feinde willen.“ Durch das Unrecht das wir von den geistigen Feinden erlitten haben, durch dieses sucht er den Vater zur Barmherzigkeit gegen uns zu bewegen. [S. 597]

V. 20. „Du kennst meine Schmach.“ Ähnlich ist die Stelle: „Denn um Deinetwillen ertrug ich Schmach.“14

V. 21. „Meine Seele harrte der Schmach.“ Dann erzählt er uns sein Leiden, das auch die Evangelisten deutlich erzählt haben.“15

V. 23. „Ihr Tisch werde in ihrem Angesichte Zum Fallstrick.“ Hier zeigt er, was den Juden nach seinem Leiden begegnen werde. Es ist aber ungefähr, wie wenn er sagte: Sie mögen Ähnliches erleiden, wie das, was sie mir widerfahren ließen. Denn wehe dem Bösewicht, weil ihm nach den Werken seiner Hände Böses begegnen wird.

V.24.“Ihre Augen sollen sich verdunkeln, damit sie nicht sehen.“ Denn wie wurden sie nicht verdunkelt, da sie die Sonne der Gerechtigkeit nicht aufnahmen? „Und krümme stehts ihren Rücken.“ Denn nicht vorübergehend wie bei den Babyloniern ist ihre Gefangenschaft.

V. 26. „Ihre Wohnung soll wüste werden.“ Wegen der Zerstörung, die über Jerusalem kam. „Und in ihren Zelten sei Keiner, der da wohne.“ Unter ihnen nämlich. Denn kein Jude bewohnt mehr die Zelte Jerusalems.

V. 27. „Denn den Du geschlagen hast, verfolgten sie.“ Es wird die Ursache beigesetzt, warum sie das leiden werden. Eine ähnliche Stelle ist: „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.“ 16 Indem sie also den, der nach Deinem Wohlgefallen bei seinem Leiden geschlagen wurde, nicht aufnahmen, so haben sie selbst des Heiles sich verlustig gemacht. „Und sie haben zum Schmerz meiner Wunden hinzugefügt.“ Das sagt er, weil er sich selbst erniedrigt hat, sie aber ihn dem Tode überliefert haben.

V. 28. „Füge Unrecht hinzu zu ihrem Unrecht.“ Das sagt er, weil sie nach der Kreuzigung und Auferstehung ihn verleumdeten. Und nicht sollen sie ein- [S. 598] gehen in Deine Gerechtigkeit.“ Ferne, will er sagen, werden sie von der Lust sein, die den Gerechten verliehen werden wird.

V. 29. „Sie sollen getilgt werden ans dem Buche der Lebendigen.“ Wenn sie auch eingeschrieben waren, will er sagen, weil ihnen die Verheissungen galten, so werden sie doch, weil sie das und das thaten, mit Recht daraus getilgt werden.

V.30.“Ich bin arm und leidend, Dein Heil, o Gott, hat mich aufgenommen.“ Hier wird die evangelische Lebensweise gepredigt, mit der der Arme in Gott den Anfang macht, zu dem auch gesagt ist: „Selig sind die Armen im Geiste.“ 17 Es tritt dieser arme Chor auf mit Danksagung für das Heil, das ihm durch den Eingebornen widerfahren ist. Denn er ist das Angesicht des Vaters. Er verheißt aber, nicht mehr die blutigen Opfer darzubringen, sondern vielmehr die Opfer des Lobes und geistigen Gesanges. 18

V. 33. „Sehen sollen es die Armen und sich freuen.“ Das, will er sagen, werden die Armen im Geiste erkennen und frohlocken. Die Apostel aber sagen das um derer willen, die durch sie den Glauben an Christus angenommen haben.

V. 34. „Denn der Herr hat die Armen erhört.“ Und was für ein Gebet anders, als welches der Eingeborne für sie betete? Um was aber betete er anders, als daß sie von den Fesseln des Todes erlöst werden mögen? Deßbalb sagt er: „Und seine Gefesselten hat er nicht verachtet.“ Denn er hat die Fesseln Aller zerbrochen, indem er den Gefesselten sagte: Geht heraus! und denen in der Finsterniß: Kommet ans Licht! 19 „Und seine Gefesselten hat er nicht verachtet.“ Und er verschmähte uns nicht, als wir im Unglück waren, mit Recht nannte er sie Gefesselte, weil sie Solches litten. [S. 599]

V. 35. „Loben sollen ihn Himmel und Erde“ Wenn im Himmel eine Freude ist über einen einzigen Sünder, der Buße thut, so werden sie eine viel grössere Freude haben, wenn die ganze Erde befreit sein wird. Wenn sich aber der Himmel über die Rettung der Menschen freut und deßhalb Gott lobt, so werden noch vielmehr die Geretteten selbst auf Erden ihren Retter loben. Deßhalb fügte er bei: „das Meer und alles Kriechende darin.“ Das sagt er, weil auch die Inselbewohner das Heil Gottes einst aufnehmen sollten. „Darin“ aber will sagen: sowohl auf der Erde als auch im Meere.

V. 36. „Denn Gott wird Sion retten, und es werden die Städte von Judäa gebaut werden.“ Von was für einem andern Sion spricht er, als von der heiligen Kirche, deren Städte auch gebaut wurden, nämlich die wieder erstandenen Seelen der Menschen? Denn sie waren gefallen, da sie Gott nicht kannten. Das sind aber die, welche durch das Bekenntniß wieder auferweckt wurden. Denn Judäa bedeutet Bekenntniß.

„Und sie werden dort wohnen und es besitzen.“ Die Gefangenen, will er sagen, denen jetzt die Rückkehr zu Theil geworden ist, werden ihre eigenen Städte aufbauen und sie bewohnen, nicht aber sie allein, sondern auch ihre Kinder und Enkel, denn das hat er beigefügt.

V. 37. „Und der Same seiner Knechte wird es besitzen, und die seinen Namen lieben, werden darin wohnen.“ Seine Knechte sind die heiligen Apostel, wie Paulus ein Knecht Jesu Christi. Ihr Same aber sind die, welche durch sie den Glauben an Christus angenommen haben. [S. 600]

1: V.34
2: V. 15. 16.
3: V.16.
4: I. Kor. 1,23.
5: II. Kor. 5, 21.
6: Joh. 2,15.
7: V. 12. 13.
8: Luk. 23, 34.
9: Gal. 4, 4. 5.
10: V. 4.
11: Hebr. 5, 7. 8.
12: Matth. 26,39
13: Luk. 22, 43.
14: Ps. 68,8
15: V. 22.
16: Zach. 13, 7.
17: Matth. 5, 3.
18: V. 31. 32.
19: Is. 49. 9.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . Ps 60.
. . Ps 61.
. . Ps 62.
. . Ps 63.
. . Ps 64.
. . Ps 65.
. . Ps 66.
. . Ps 67.
. . Ps 68.
. . Ps 69.
. . Ps 70.
. . Ps 71.
. . Ps 72.
. . Ps 73.
. . Ps 74.
. . Ps 75.
. . Ps 76.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger