Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 48.

XLVIII.

V. l. Zum Ende, den Söhnen des Kore, ein Psalm.

Inhalt.

Im gegenwärtigen Psalme wird allen Menschen verkündet, was vor dem göttlichen Richterstuhle geschieht, sowie jener Tag, an dem Gott jedes geschaffene Wesen vor das Gericht führen wird. [S. 517] Die Sühne des Kore vertreten aber wohl die Stelle der Apostel die die Erde unter dem Himmel in die Geheimnisse einweihten.

V. 2. „Höret das, alle Völker, nehmet zu Ohren Alle, die ihr den Erdkreis bewohnet.“ Wie die Worte das ganze Menschengeschlecht zum Heile rufen, in der gleichen Weise laden sie Alle zugleich zur Lehre vom göttlichen Gerichte ein.

V. 3. „Ihr Erdgeborne und Söhne der Menschen.“ Erdgeborne nennt er die schwerfälligeren Menschen, die Barbaren, die in den Wüsten wohnen und keine Gesetze kennen. Söhne der Menschen nennt er die, welche eine gesittetere Lebensweise führen und gesetzliche Einrichtungen haben.

V. 4. „Mein Mund wird Weisheit reden.“ Wie er seine Zuhörer in viele Abtheilungen theilte, so sondert er auch seine Lehre in verschiedene Arten. Es ist der Chor der Apostel, der das sagt und Christum im Munde führt, der die Weisheit des Vaters ist. Da sie also Christum beständig im Munde führten und über ihn beständig im Geiste nachdachten, erlangten sie Einsicht. So wurde ihr Geist zur Einsicht geschärft, daß sie die in den Evangelien enthaltenen Parabeln des Heilands verstanden. Und als daher Christus zu ihnen sprach: „Habt ihr Das alles verstanden“? erwiderten sie: „Ja.“1

V. 5. „Ich werde mein Ohr neigen zum Gleichniß.“ Da ich, will er sagen, meinen Geist zum Verständniß der heilbringenden Gleichnisse geschärft habe, so habe ich die Fähigkeit erlangt, den in ihnen enthaltenen Sinn zu begreifen. Denen aber, die wegen Unmündigkeit das nicht zu leisten vermögen, werde ich öffnen, was ver- [S. 518] schlossen ist, und die Beispiele und Gleichnisse auslegen Und das werde ich durch mein Psalterium, meinen Leib nämlich, bewirken, der wie ein Musikinstrument ertönt durch den die Seele sich zur Lobpreisung wendet und in allen Sinneswerkzeugen, Gliedern und Theilen in verständiger Weise sich bewegt.

V. 6. „Warum soll ich fürchten? Am schlimmen Tage „.“ Damit beginnt er, nachdem er den ersten Theil der Lehre wie in einer Vorrede dargestellt hat. Er beginnt aber mit einer Frage, um eine Antwort zu erhalten. Die Frage lautet: Warum soll ich fürchten? Denn bei fürchten muß man das Fragezeichen setzen, so daß sich folgender Sinn ergibt: Wenn Jemand fragt: Warum soll ich fürchten? und den Grund der Angst von mir erfahren will, die mich quält, so soll er meine offenherzige Antwort vernehmen, daß es einen schlimmen Tag gibt, den ich schaudernd fürchte. Ich schaudere aber, weil an jenem Tage „die Bosheit meiner Ferse mich umgeben wird,“ das heißt, das Abweichen vom göttlichen Wege, das ich im Leben mir habe zu Schulden kommen lassen, indem Zerstreuung und Hinterlist mich vom göttlichen Gesetze abbrachten. Diese Gottlosigkeit also wird mich umgeben, sagt er, das heißt, die bösen Werke, die ich gethan habe, werden mich umringen, mich von allen Seiten umgeben und belagern und der Strafe nicht entkommen lassen. Schlecht nennt er den Tag des Gerichtes, da er schlecht für die Gestraften ist. Der Apostel aber nannte ihn auch Tag des Zornes mit den Worten: „Du häufest Dir Zorn auf am Tage des Zornes.“2

V. 7. „Welche vertrauen auf ihre Macht,“ Gemeinsam spricht er daraus: „Vernehmet das, die ihr auf Reichthum und die Macht vertrauet.“ Was aber sollen sie hören, außer daß auch ihnen an jenem Tage der Reichthum Nichts nützen wird? Denn er wird sie nicht erlösen von dem Zorne, den die Sünde über sie bringen wird. Es [S. 519] kann also zum Beispiel auch kein gottesfürchtiger Bruder noch ein anderer Mensch an jenem Tage Jemand erlösen. 3 Und wenn es der Bruder und noch dazu ein gottesfürchtiger nicht vermag, so wird es noch viel weniger der Reichthum vermögen.

V. 9. „Und den Preis der Erlösung seiner Seele.“ Nachdem er belehrt hat, daß der Reichthum am Tage des Gerichtes Nichts nützt, lehrt er auch, was nützt. Und was ist das ? Nichts Anderes, als daß man ein mühevolles und arbeitsames Leben führe. Denn diese werden in der Zukunft des verheissenen Lebens für würdig erachtet werden. Wer sich im thätigen Leben abmüht, wird durch die Kenntniß bis ans Ende leben und in Ewigkeit ruhen und zum Siege leben. „Und er mühte sich ab in Ewigkeit und wird bis ans Ende leben.“ 4

V. 11. „Er wird den Untergang nicht schauen, wenn er die Weisen sterben sieht.“ Denn sie werden so weit von den Gottlosen entfernt sein, daß sie ihrem Verderben sich auch nicht von ferne nähern. Wer aber sind die sterbenden Weisen anders als die. von denen gesagt ist: „Ich werde vernichten die Weisheit der Weisen und verwerfen die Klugheit der Klugen“ ? 5 Es lehrt nämlich dieser Theil der Schrift 6 durchgehende, daß am Tage des Gerichtes weder der Reiche sich rettet, noch wer für weise gilt. Der allein wird das ewige Leben erlangen, der im gegenwärtigen Leben sich aufgerieben hat. „Der Thor und Unverständige werden zugleich zu Grunde gehen.“ Zugleich, will er sagen, werden Weises und Thoren dem Verderben anheimgegeben werden. Denn sie sind in Nichts [S. 520] von einander unterschieden, da sie in gleicher Weise sich dem Götzendienst hingeben. „Und sie werden Andern ihren Reichthum lassen.“ Denn sie wollten ihn nicht durch die Wohlthätigkeit gegen die Dürftigen sich zu eigen machen.

V. 12. „Und ihre Gräber sind ihr Haus in Ewigkeit.“ Unter den Gräbern versteht er die Sterblichkeit, womit sie ihre Seele umhüllten, indem sie nichts Rechtes und Ehrliches von Gott dachten. „Ihre Zelte von Geschlecht zu Geschlecht.“ Die Zelte, will er sagen, in denen sie lebten und wohnten, werden nach den Geschlechtern von den Einen zu den Andern kommen. Denn das hat er auch oben gesagt, daß sie Andern ihren Reichthum überlassen werden. „Sie machten sich ihre Namen auf Erden.“ Sie hätten, will er sagen, durch Glaube und reinen Lebenswandel bewirken sollen, daß ihre Namen in dem Himmel aufgeschrieben wurden. Sie aber machten sich ihre Namen auf der Erde, indem sie Städte gründeten, die nach ihnen den Namen trugen.

V. 13.“Und der Mensch, der in Ehren stand, begriff es nicht.“ Als Ursache, daß sie in Hochmuth verfielen, nennt er die Begierden des Fleisches. Davon aber heißt es, daß sie ihre Ehre nicht begreifen, weil sie ja nach dem Bilde Gottes gemacht sind. Sie zogen es vor, wie die unvernünftigen Thiere die Erde zu bewohnen statt der himmlischen Wohnungen, und in Gräbern zu leben statt bei Gott.

V. 14. „Dieser ihr Weg ist ihnen ein Anstoß.“ Weg pflegt die göttliche Schrift das Leben eines Jeden zu nennen und die Lebenszeit eines Jeden. Diesen Weg also, will er sagen, haben sie sich rauh und beschwerlich gemacht, da sie keine rechte Gesinnung hatten. Als sie aber auf demselben vorwärts kamen, nahmen sie den Anstoß nicht wahr. „Dann aber wird man Wohlgefallen haben an ihrem Munde.“ das heißt, sie werden bekennen und bereuen, daß sie auf einem solchen Wege gewandelt sind, wenn sie keine Zeit zur Reue haben werden. [S. 521]

V. 15. „Wie Schafe kamen sie in die Unterwelt.“ Da sie unter dem guten Hirten nicht leben wollten, sondern indem sie ihre Ehre von sich stießen, wie die Thiere an ihren Leibern verdarben, so sind sie auf diese Weise auch zu Heerden der Unterwelt geworden, so daß nunmehr ihr Hirt sie in seine Weiden führen wird, die Einen ins ewige Feuer 7 die Andern dahin, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird, die Andern in die äusserste Finsterniß. 8

Daniel Barbarus fügt bei: Übrigens heißt es nach Symmachus: „Das ist für sie der Weg ihres Wahnsinns. Die Nachkommen werden aber ihre Rede gutheissen.“ 9 Denn es genügte ihnen nicht, daß sie den Weg des Wahnsinns zuerst betraten, wenn sie nicht auch den Nachkommen ein verderbliches Beispiel wurden und ihnen ein ähnliches Streben hinterließen, sie nachzuahmen, damit auch die Nachkommen auf dem Wege ihrer Sitten sich gefielen und durch Nachahmung ihnen nachfolgten.

„Und es werden über sie herrschen die Gerechten in der Frühe.“ Nicht mehr erheben sie sich wie damals, da sie in diesem Leben waren, gegen die Gottesfürchtigen. Vielmehr werden die, die des Morgens und des jungen Lichtes gewürdigt wurden, über die Gottlosen herrschen. „Und ihre Hilfe wird verwelken in der Unterwelt.“ Ihre ganze Hilfe, will er sagen, oder die Kraft, die sie in Folge der Herrlichkeit hatten, wird durch den Tod vernichtet werden. Denn „verwelken“ ist gesetzt für „vernichtet werden.“

V. 16. „Aber Gott wird meine Seele retten aus der Macht der Unterwelt, wann er mich [S. 522] aufnimmt.“ Meine Seele, will er sagen, die Seele dessen, der ich das rede, wird Gott erlösen, damit sie nicht zugleich fortgeführt werde und in Verlassenheit gerathe mit den Schafen der Unterwelt.

V. 17. „Fürchte Dich nicht, wenn ein Mensch reich wird.“ Nachdem Du weißt, will er sagen, wie das Ende der Gottlosen beschaffen sein wird, so preise die Reichen im Leben nicht selig und fürchte Dich nicht, als ob Dir jede Hoffnung versperrt wäre. Verliere auch den Muth nicht, als ob Du mit den Gütern dieses Lebens etwas Grosses verloren hättest. Wisse wohl, daß Dir die Erlösung vom Tode und das ewige Leben bevorsteht, der aber von der Welt wegen Reichthum und Ehre und wegen der falschen Weisheit glücklich gepriesen wird. Nichts mehr besitzen wird; denn er wird aller Lebensgüter beraubt fortgefühlt werden.

V. 18. „Denn wenn er stirbt, wird er Alles nicht mitnehmen.“ Das allein, will er sagen, schienen die Gottlosen vom Reichthum zu gewinnen, daß ihre Seele im sterblichen und zeitlichen Leben gesegnet wurde, da Jene sie lobten und glücklich priesen wegen der Güter, die sie zu haben schienen. „Nicht wird mit ihm seine Herrlichkeit hinabsteigen.“ Weil Alles vergänglich ist, will er sagen. Es wird Dir als dem Schöpfer ein solcher Mensch alsdann Dank abstatten, wenn Du sein Vermögen vermehrst. 10

V. 20. “Er wird eingehen zu den Geschlechtern seiner Väter.“ Er wird, will er sagen, den Eifer der Väter nachahmen, und da er vom Bösen stammt, wird er ihnen in der Bosheit nachfolgen. „In Ewigkeit wird er das Licht nicht schauen.“ Alle nämlich, die so gesinnt sind, sind in ihrer Seele blind, da sie weder im sterblichen Leben vom Lichte der Erkenntniß erleuchtet sind noch im künftigen Leben des ewigen Lichtes werden gewürdigt werden. [S. 523]

1: Matth. 13, 5.
2: Röm. 2, 5.
3: Wie es V. 8 heißt.
4: I. Kor. 1, 19.
5: Nämlich das erste Kapitel des ersten Briefes an die Korinther.
6: Von den Weisen ist eben im ersten Theil des Verses gesagt, daß sie sterben werden.
7: Matth. 25, 41
8: Matth. 22. 13.
9: V. 14, Die Übersetzung unterscheidet sich von der gewöhnlichen nur darin, daß es heißt: „Weg des Wahnsinns“ statt des „Anstoßes.“ was durch Verwechslung von Radix xxxxx mit Radix xxxxx veranlaßt worden sein mag
10: Diese Erklärung bezieht sich auf V. 19.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . Ps 40.
. . Ps 41.
. . Ps 42.
. . Ps 43.
. . Ps 44.
. . Ps 45.
. . Ps 46.
. . Ps 47.
. . Ps 48.
. . Ps 49.
. . Ps 50.
. . Ps 52.
. . Ps 52.
. . Ps 53.
. . Ps 54.
. . Ps 55.
. . Ps 56.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger