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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 118,120-160

V. 120. „Durchbohre mein Fleisch mit Furcht vor Dir.“ Durchbohre steht für: Befestige. Befestige also, will er sagen, mein Fleisch in Keuschheit. Denn so allein wohl können sie zu Christus sagen: „Ich bin mit Dir gekreuzigt.“ 1 „Denn ich fürchtete Deine Gerichte.“ Nämlich das göttliche Gesetz. Denn nicht anders vollbringt man die Sünde, ausser daß man zuerst der Furcht Gottes den Rücken kehrt. [S. 784]

V. 123. „Meine Augen schmachteten nach Deinem Heile.“ Nach der göttlichen Ankunft, will er sagen, durch welche sowohl er als das ganze Menschengeschlecht das Heil zu erlangen hoffte. „Und nach dem Worte Deiner Gerechtigkeit.“ Wenn auch einige Ungerechte, die Deine Furcht nicht vor Augen haben, dein Gesetz beseitigt haben, so erfüllte doch ich die ganze Zeit hindurch nur dieses und betrachtete es beständig.

V. 125. „Ich bin Dein Knecht, gib mir Beistand, und ich werde Deine Zeugnisse erkennen.“ Wer in keiner Weise der Sünde dient, möge sagen: „Ich bin Dein Knecht.“ Als Lohn der Knechtschaft verlangt er den Verstand, der von Gott verliehen und bei ihm wie in einem Schatzbehälter aufbewahrt wird. Denn der Geist der Weisheit und des Verstandes, und so weiter, sind die Gaben der Guten. Indem er ihn nämlich von einem andern Verstande unterscheidet, sagt er in den Spruch-Wörtern: „Guter Verstand gewährt Gnade.“ 2 Denn wenn jeder Verstand gut wäre, hätte er „guter“ nicht beigefügt.

V. 126. „Zeit ist es, für den Herrn zu handeln. Sie haben Dein Gesetz aufgehoben.“ Ich vollzog Gericht und Gerechtigkeit. Es wird aber auch für Dich, der Du Gott bist, einmal Zeit sein, nämlich Gericht und Gerechtigkeit an denen zu vollziehen, die Dein Gesetz aufgehoben haben.

V. 127. „Darum liebte ich Deine Gebote mehr als Gold und Edelstein.“ Das stimmt überein mit den Worten: „Besser ist mir das Gesetz Deines Mundes als tausend Stücke Goldes und Silbers.“ 3 und mit den Worten: «Nehmet Lehre und nicht Geld. Kenntniß eher als geprüftes Gold. Denn besser ist Weisheit als kostbare Steine, und alles Schätzbare ist ihrer nicht werth.“ 4

V. 128. „Deßhalb richtete ich mich nach [S. 785] allen Deinen Geboten.“ „Deßhalb.“ Weßhalb anders, als weil er beständig das Gesetz betrachtete?

V. 130. „Und gibt Verstand den Kleinen.“ Unter den Kleinen wirst Du die verstehen, die sich in Unwissenheit befinden und Kindern ähnlich sind. Diese nämlich erfüllt Dein Wort, indem sie von Deinem Lichte erleuchtet werden, mit Verstand.

V. 131. „Ich öffnete meinen Mund und atmete nach Geist.“ Die Aussprüche müssen geöffnet werden. Deßhalb öffnete auch der Heiland den Geist der Jünger, die Schriften zu verstehen. Und den Trug durch Wollust oder Ehre verhindert der Verstand, der durch die Reden mitgetheilt wird.

V. 132. „Schaue auf mich und erbarme Dich meiner.“ Wie Du beschlossen hast, will er sagen, auf die zu schauen, die Deinen Namen lieben, und sie großer Wachsamkeit zu würdigen, so würdige auch mich der nämlichen Wachsamkeit, der nämlichen Erbarmung.

V. 133. „Leite meine Schritte nach Deinem Worte.“ Nach seinem Worte leitet Gott die Schritte Desjenigen, der vom Laster und der Unwissenheit zur Tugend und Wissenschaft gelangt. Denn das rechte Wort macht hiebei den Führer. Die keine Sünde begehen, sind keine Knechte der Sünde.

V. 134. „Erlöse mich von der Verleumdung der Menschen.“ Verleumdung der Menschen nennt er die Lehre der Häretiker und der Weisen dieser Welt. Das ist in fühlbarer Weise dem Joseph und der Susanna zu Theil geworden. In figürlicher Weise versteht er unter den Menschen die bösen Mächte, von deren Verleumdung Gott allein erlösen kann.

V.135. „Laß Dein Angesicht leuchten über Deinen Knecht.“ Er wünscht die Ankunft des Herrn zu schauen. Er ist nämlich das Abbild des Vaters. „Und lehre mich Deine Rechtfertigung.“ Er meint den neuen Bund, in [S. 786] welchem Gott der Vater die Bewohner der Erde gerechtfertigt hat.

V. 136. „Wasserbäche entquollen meinen Augen.“ Ich vergoß eine Menge Thränen, indem ich über die weinte, die Dein Gesetz übertraten.

V. 137. „Du bist gerecht, o Herr, und recht ist Dein Gericht.“ Er gibt den Grund an, warum er über die Übertreter des Gesetzes Gottes weinte, weil er nämlich denen, die dieses übertraten. vor dem göttlichen Richterstuhle Strafe drohte und für deren Eintreten hier bereits Zeugniß gab.

V. 138. „Du hast anbefohlen in Gerechtigkeit Deine Zeugnisse.“ Was hast Du ausser dem Zeugniß von Himmel und Erde sonst für Zeugnisse anbefohlen, die die lauterste Gerechtigkeit und Wahrheit sind? Aber Du hast sie nicht in Dunkel gehüllt. Nämlich die geradesten Regeln Deiner Gerichte zeigen Deine Gerechtigkeit an. Deine Zeugnisse nun, die heiligen Schriften, sind Gerechtigkeit in den sittlichen Vorschriften. Wahrheit aber nach der Betrachtung der Worte. 5

V. 139. „Es verzehrte mich Dein Eifer, weil meine Feinde Deine Worte vergaßen.“ Diesen Eifer nahm ich an, wenn ich je Einen sah, der Deine Reden vergessen hatte, und nicht bloß einen gewöhnlichen Eifer, sondern einen solchen, daß ich von Eifer für Dich verzehrt wurde, wenn ich Einige sah, die Deine Worte vergaßen. Dieses Eifers gedachten die Jünger, von dem es im Namen des Herrn im Psalme heißt: „Der Eifer Deines Hauses hat mich verzehrt.“ 6

V. 140. „Gar sehr ist Dein Wort in Feuer geläutert.“ Das Wort Gottes ist gar sehr in Feuer geläutert und erhaben und stärker als jede Probe. Und wenn [S. 787] Jemand dieses im Feuer geläuterte Wort besitzt, richtet er Alles und wird selbst von Niemand gerichtet.

V. 141. „Ich bin jung und verachtet.“ Jung ist er, da er in die göttlichen Reden eben eingeweiht wird; verachtet aber ist er, weil er sich selbst erniedrigt.

V. 142. „Deine Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit ewiglich.“ Die Gerechtigkeit der Menschen entscheidet nämlich nur auf kurze Zeit das Recht für den, der gerichtet wird; die Gerechtigkeit Gottes aber übt ein ewiges Gericht aus.

V. 143. „Trübsale und Bedrängnisse fanden mich.“ Nicht einmal in den Gefahren, will er sagen, vernachlässigten sie es, Dein Gesetz zu betrachten. 7

V. 144. „Gerechtigkeit sind Deine Zeugnisse in Ewigkeit.“ Die Zeugnisse, will er sagen, die Du mir gegeben hast, sind nicht auf kurze Zeit nützlich und sind Gerechtigkeit in Ewigkeit, indem sie den rechtfertigen, der durch seine Gesinnung ihnen nahe kommt. „Gib mir Verstand und mache mich lebendig.“ Die Gerechtigkeit nämlich, die wir gegenwärtig üben, wird uns nicht in wenigen Tagen, sondern in Ewigkeit vergolten. Ich werde aber auch leben, will er sagen, wenn Du mir Verstand gibst. Denn in jenes selige Leben geht kein Unverständiger ein, man muß also den um Verstand bitten, der Allen gibt, die aus ganzer Seele ihn bitten.

V. 145. „Ich rief aus meinem ganzen Herzen.“ Erstens: „Ich rief aus meinem ganzen Herzen: Erhöre mich, o Herr! Deine Satzungen werde ich suchen.“ Zweitens: „Ich rief zu Dir: Rette mich.“8 Denn was ich in dem vorzüglichen Theile redete, war nichts Andere« als Gott. Da ich also mit lauter Stimme zu Dir rufe, so [S. 788] verheisse ich mit lauter Stimme. Deine Zeugnisse zu bewahren.

V. 147. „Ich stand vor Tag auf und rief.“ Zeit vor Tag nennt er die Finsterniß oder die Verwirrung der Dinge. Er will aber das sagen: Obschon die Gottlosen Vieles in Verwirrung thaten, so wandelte ich eifrig in Deinem Gesetze.

V. 150. „Es nahten meine Verfolger der Bosheit.“ Die gegen mich Krieg führten, will er sagen, standen mit der Bosheit in Berührung. Denn Niemand verfolgt den Gerechten, wenn er nicht der Gottlosigkeit sich anschließen will.

V. 151. „Du bist nahe, o Herr!“ Gott sagt anderswo: „Ich bin ein Gott in der Nähe und nicht in der Ferne, spricht der Herr.“9 Die Kraft Gottes ist nämlich überall nach dem Verhältniß der Erschaffung und Fürsorge.

V. 154. „Richte mein Gericht und erlöse mich. Wegen Deines Wortes belebe mich.“ Wort nennt er die Verheissung. Denn er verhieß zu kommen und uns zu retten.

V. 155. „Weit von den Sündern ist das Heil.“ Das die Fürsten dieser Welt für sich in Anspruch nahmen. „Denn Deine Satzungen haben sie nicht gesucht.“ Das ist die Ursache, warum sie den Gerechten verfolgen, daß sie weit vom göttlichen Gesetze sich entfernen.

V. 156. „Deine Erbarmungen sind viele, o Herr!“ Ich erkannte, will er sagen, daß Du uns Zeugniß gegeben hast, daß Deine Gebote fest und unbeweglich sind. Denn das drücken auch in einem vorhergehenden Verse die Worte aus: „Schon im Anfang wußte ich von Deinen, Zeugnissen.“ 10

V. 158. „Ich sah die Übertreter und schmachtete hin.“ Wenn ich Einen sah, der keine Einsicht hatte, [S. 789] so schmachtete ich wegen eines Solchen im Eifer meiner Gottesfurcht hin.

V. 159. „Sieh, Deine Gebote liebte ich, o Herr!“ Denn Du wirst in mir die Spuren der guten Werke sehen. Denn ich habe sie nicht etwa bloß beobachtet, sondern geliebt, ohne zu denselben durch irgend Etwas genöthigt zu sein. Aber dessen ungeachtet bedarf ich Deine Barmherzigkeit, daß sie mich belebe.

V. 160. „Anfang Deiner Worte ist Wahrheit.“ Das ist das erste von Deinen Geboten, das uns gegeben worden ist, in Allem wahrhaft zu sein, in That, Wort und Gesinnung.

1: Galat, 2. 19.
2: Sprüchw. 13, 15
3: V. 72.
4: Sprüchw. 8,10.11
5: Nach ihrer bloß theoretischen Seite.
6: Ps. 68. 10; Joh. 2. 17.
7: Der zweite Theil des Verses heißt nämlich: „Deine Gebote sind meine Betrachtung.“
8: V. 146.
9: Jerem. 23,23
10: V. 152.

 

 

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Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger