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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 118,81-119

V. 81. „Es schmachtet nach Deinem Heile meine Seele, und auf Dein Wort habe ich gehofft.“ Der Prophet lehrt uns nach dem Worte zu verlangen und mit Liebe dem Heile Gottes anzuhängen. Und was ist wohl das Heil anders als die Ankunft des Herrn? „Auf Dein Wort habe ich gehofft.“ Denke, es sei soviel als: „auf Deine Verheissung.“ Es wird aber Wort auch die von Gott eingegebene Schrift genannt. Es schmachtet also nicht bloß, wer die göttliche Verheißung erwartet und [S. 779] auf die Befreiung von den bedrängenden Leiden harrt, sondern auch, wer die göttlichen Worte liest und ihren Sinn genau zu erfassen sucht, und er hält die Auffindung für Trost und Erquickung.

V.82. „Meine Augen schmachteten nach Deinem Worte.“ Nach unserm Herrn Jesus Christus, will er sagen. Denn ihn haben wir zum Tröster bei dem Vater nach dem Ausspruche des Apostels. „Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden.“ 1 „Sie sagen: Wann wirst Du mich trösten?“ Wenn nämlich das Wort zu mir kommen wird, dann werde ich getröstet.

V. 83. „Denn ich bin geworden wie ein Schlauch im Reife.“ Mehr todt als lebendig werden die Gerechten durch die Mißhandlungen, so daß sie mehr Schläuchen ähnlich sind als Menschen, indem sie kalt werden wie ein gefrierender Reif, obschon sie die Wärme und Thätigkeit lieber wollen. Vom Nämlichen. Es wird ein Schlauch im Reife, wer sein Fleisch abhärmt und in ihm Nichts von Feuer und Begierde läßt, sondern es gleichsam abkühlt.

V. 84. „Wie viel sind die Tage Deines Knechtes?“ Wenig sind nämlich die Tage der Menschen auf Erden. Er fleht, es möge an diesen sogleich der Satan unter seinen Füßen zertreten werden, damit seine Seele sich unterwerfe und das göttliche Wort in ihr sich niederlasse.

V. 85. „Es erzählten mir die Gottlosen eitle Dinge.“ Er nennt Altweibermärchen entweder die Lehren der Juden oder auch die Gebote der Menschen und das Geschwätz der Weisen dieser Welt.

V. 86. „Alle Deine Gebote sind Wahrheit. Ungerecht verfolgten sie mich, hilf mir.“ Da er weiß, daß er vor dem göttlichen Richterstuhle für das [S. 780] erlittene Unrecht Vergeltung finden wird, verlangt er jene Zeit zu sehen.

V.87. „Nahezu brachten sie mich um auf Erden.“ Es fehlte wenig, so weit es von ihrer Verfolgung abhing.

V. 88. „Nach Deiner Barmherzigkeit belebe mich, und ich werde die Zeugnisse Deines Mundes bewahren.“ Mund Gottes sind die Propheten, die seinen Zeugnissen. Geboten und Satzungen dienen.

V. 89. „In Ewigkeit, o Herr, bleibt Dein Wort im Himmel.“ Er ist im Fortschreiten begriffen und befaßt sich mit erhabeneren Lehren, indem er des ewigen Wortes des Vaters gedenkt und beinahe sagt: „Im Anfange war das Wort.“ Sowie der Einrichtung des Weltalls, und nennt die ganze Schöpfung deutlich seine Dienerin.

V. 90. „Von Geschlecht zu Geschlecht Deine Wahrheit.“ Es gibt zwei Geschlechter, die die Wahrheit Gottes in sich fassen, das Volk der Juden, das das Gesetz und die Propheten hat, und die Kirche. Nicht von Geschlechtern zu Geschlechtern ist also die Wahrheit Gottes, sondern vom ersten Geschlecht zum zweiten Geschlecht. Die übrigen Völker aber sind dem Irrthum verfallen. Als aber das erste Geschlecht die Wahrheit verwarf und sagte: „Nimm diesen, nimm ihn weg von der Erde.“ da ist die Wahrheit von jenem Geschlechte zu diesem Geschlechte übergegangen. „Du hast die Erde gegründet, und sie bleibt.“ Durch diese Wahrheit ist die Erde gegründet worden. Denn auf diesem Eckstein, der als Grundfeste gelegt worden ist, werden alle Erdbewohner aufgebaut, die das Heil erlangen. Deßhalb bleibt auch die Erde, da sie eine unzerstörbare und sichere Grundlage und Grundfeste hat. Aber auch über die Erde brachte die Wahrheit Licht und bewirkte den Tag, indem Gott über sie leuchtete.

V. 91. „Durch Deine Anordnung bleibt der Tag, denn Alles dienet Dir.“ Er ändert sich nicht und findet kein Ende, wie die Erleuchtung in der alten [S. 781] Schrift, da sie nur bis zur Zeit der Verbesserung bestimmt war. Das hat alles von Gott seinen Ursprung genommen, und da er alles geschaffen hat und für Alles sorgt, so ist es ihm unterworfen.

V. 92. „Wäre nicht Dein Gesetz meine Betrachtung, so wäre ich umgekommen in meiner Erniedrigung.“ Wenn die bösen Gedanken, will er sagen, mich überfallen und die feindlichen Mächte mich bekriegen, so müßte ich umkommen, wenn nicht Dein Gesetz mir zur Stütze diente.

V. 93. „In Ewigkeit will ich Deine Satzungen nicht vergessen, denn in ihnen belebtest Du mich.“ Auf Deine Gesetze, will er sagen, werde ich schauen. Denn ich werde in ihnen das Leben haben, wie Du mir ja gesagt hast, daß der, welcher sie vollbringt, in ihnen das Leben haben wird.2 Es lebt also nur der Gerechte, wenn er auch todt zu sein scheint, todt aber sind die Ungerechten, wenn sie auch den Schein des Lebens haben. Die Ersteren nämlich haben zur Erhaltung des Lebens in sich die Gerechtigkeit, die Letzteren aber gleichen, da sie diese nicht haben, den unbeseelten Wesen, die nicht durch sich selbst, sondern von aussen in Bewegung gesetzt werden.

V. 94. „Dein bin ich. Rette mich.“ Man ergänzt in Gedanken: Ich bin Dein Knecht. Ich bin Dein Sohn der Gnade nach. Ich bin Dein Diener.

V.95. „Die Sünder lauerten auf mich, mich zu verderben. Ich verstand Deine Zeugnisse.“ Es ist so viel als: Ich betrachtete sie, und durch Deine Betrachtung machte ich ihre Nachstellung kraftlos.

V. 96. „Ich sah das Ende jedes Unterfangens. Dein Gebot war gar weit.“ Unterfangen nennt er die Verfolgung durch die Dämonen. Ich sah, daß dessen Ausgang sich in Nichts verlief, da das Gebot mir [S. 782] weit geworden ist. Das gilt von dem, der durch jeden Fortschritt an das höchste Ziel der Tugend angelangt ist und zum vollkommenen Guten durchdringt, indem er viele Anfänge und Endpunkte macht. Denn die Grenze der ersten Zunahme ist der Anfang der folgenden, wie es heißt: „Wenn der Mensch zu Ende ist, dann fängt er an.“ 3

V. 97. „Wie sehr liebte ich Dein Gesetz, o Herr? Den ganzen Tag ist es meine Betrachtung.“ Wer Alles nach dem Gesetze spricht und thut, der betrachtet das Gesetz Gottes. Im ersten Psalme fügte er zur Betrachtung dem Tage auch die Nacht bei für den, der glückselig werden soll. Denn wir sagten, daß hier das Leben der Menschen gemischt ist. Deswegen haben wir jetzt Tag und Nacht. Wenn wir aber heilig geworden sind, wird es für uns nicht mehr Nacht werden. Wer also fortschreitet, bei dem ist es Tag, wenn er nach dem Gesetze lebt. Nacht aber, wenn er nicht mit seinem ganzen Herzen betrachtet, daß er nicht Etwas thue gegen . . . . 4

V. 101. „Von jedem bösen Wege hielt ich meine Füße zurück.“ Darin besteht nämlich die Beobachtung des göttlichen Gesetzes, daß man es durch die Werke erfüllt.

V. 102. „Ich wich nicht ab von Deinen Gerichten.“ Immer gedachte ich des göttlichen Richterstuhls.

V. 103. „Wie süß sind Deine Worte meinem Gaumen!“ Sie sind süß durch das von ihnen gewährte vernünftige Vergnügen, und zwar süßer als Honig, da Alles, was den Menschen angenehm ist, durch ihn bezeichnet wird.

V. 105. „Eine Leuchte ist meinen Füßen Dein Gesetz.“ Denn wer im Lichte des göttlichen Gesetzes wandelt, vollendet seinen Lebenslauf, ohne zu fallen und anzustoßen. [S. 783]

V. 107. „Ich wurde gar sehr gedemüthigt, o Herr!' Entweder durch die Nachstellungen der geistigen Feinde oder durch die eigenen freiwilligen Abtödtungen.

V. 113. „Die Ungerechten haßte ich, Deine Gesetze liebte ich.“ Er meint die Weisen der Welt und die Häupter der Häretiker.

V. 115. „Weichet von mir, ihr Boshaften!“ Er meint entweder die bösen Gedanken oder die erwähnten Lehrer.

V. 117. „Hilf mir, und ich werde gerettet werden.“ Wenn er nämlich auch sagte: „Mein Helfer und Schützer bist Du.“5 so bedarf es gleichwohl einer ununterbrochenen Hilfe. So lange wir nämlich hier sind, kommt das: „Ich werde gerettet werden“ noch nicht in Ausführung, sondern wenn wir mit den Engeln Gottes leben werden. Denn dann werden wir auch die Satzungen betrachten von Angesicht zu Angesicht, nicht im Schatten, sondern in der Wahrheit.

V. 118. „Du verwarfst Alle, die von Deinen Satzungen abwichen.“ Denn Dieses erwarteten die, die das Gesetz Gottes übertreten.

V. 119. „Für Uebertreter hielt ich alle Sünder der Erde. Deßhalb liebte ich Deine Zeugnisse.“ Weil sie das göttliche Gesetz mit Füßen treten wollten.

1: I. Joh. 2. 2.
2: Lev. 18, 5.
3: Ekkli. 18. 6.
4: Hier ist eine Lücke im Texte.
5: V.114.

 

 

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Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger