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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 118,41-80

V. 41. „Und es komme über mich Deine Barmherzigkeit, o Herr.“ Wenn ich Deine Barmherzigkeit erlange, will er sagen, und diese Barmherzigkeit mir durch Dein Heil zu Theil werden wird, so werde ich denen gegenüber Zuversicht haben, die mich schmähen und sich gegen mich erheben.

V. 42. „Ich werde ein Wort antworten denen, die mich höhnen, denn ich hoffte auf Deine Worte.“ Ich werde nämlich sagen, daß der, welcher diese Lehren hat, über welche die thörichten Feinde des Glaubens lachen, nicht geschmäht zu werden verdient. Ich werde beweisen, daß sie von Einsicht und Weisheit voll sind. Ich werde aber ein Wort antworten, da ich auf Deine Worte hoffte.

V. 43. „Und nimm aus meinem Munde das Wort der Wahrheit in keiner Weise jemals. Denn auf Deine Gerichte habe ich gehofft.“ Bis zum letzten Athemzuge, will er sagen. Wenn wir in einer unserer schönen Worte unwürdigen Weise leben, so wird Gott das Wort der Wahrheit aus unserm Munde wegnehmen.

V. 44. „Und ich werde Dein Gesetz immer beobachten.“ Ich werde ein Beobachter Deines Gesetzes sein, will er sagen, und nicht bald es erfüllen, bald wieder [S. 772] nicht, sondern sowohl im gegenwärtigen Leben, will er sagen, als auch im zukünftigen werde ich dieses erfüllen.

V. 46. „Und ich redete von Deinen Zeugnissen vor Königen.“ So war Paulus, so Petrus, so der Chor der Apostel und Märtyrer. Es wird das auf den Märtyrer passen, der um Christi willen vor die Statthalter und Könige geführt wird. Es wird passen auf die, welche den Mund vor den Heiligen öffnen, die königliche Seelen haben. Denn der verdient Schande, der nicht das Wort von Gott annimmt, um mit großer Macht das Evangelium zu verkünden. Denn das rechtschaffene Leben gewährt Furchtlosigkeit.

V. 47. „Und ich betrachtete in Deinen Geboten, die ich sehr liebte. Und ich erhob meine Hände zu Deinen Geboten.“ Hände nennt er hier die wirkenden Kräfte. Denn das Werk ist das Ziel der Betrachtung der Gebote. Denn nach der Aufnahme des Wortes der Gebote ist es passend, seine Hände zu den Werken der Gebote emporzuheben, nicht mit Unlust oder aus Zwang, sondern aus Neigung, und dann beständig darüber nachzudenken und zu reden.

V. 49. „Sei eingedenk Deines Wortes an Deinen Knecht.“ Und was ist das für ein Wort, dessen eingedenk zu sein er ihn auffordert, ausser daß er bei ihnen ist, nach der Verheissung, die er ihnen gegeben hat, die ihnen auch Trost in ihren Verfolgungen gewährte?

V. 50. „Diese war mein Trost in meiner Erniedrigung.“ Die Septuaginta: „Du wirst mich wieder ins Leben rufen.“1 Diese Hoffnung eben, die ich aus Deinem Worte gewann, beruhigte und tröstete mich. Wenn nämlich einmal Unfälle, oder eine Gefahr, oder Erwartung des Todes, eine lästige Krankheit, oder Verlust der Güter, oder Verfolgung, oder wenn sonst was immer von dem [S. 773] was für lästig gilt, mir zustieß, so war die Hoffnung auf Dich mein Trost. „Denn Dein Wort machte mich lebendig.“ Nichts Anderes bewirkt mehr, daß die vernünftige Seele ihr eigenes Leben lebe, als das Wort Gottes. Wie nämlich das Wort Gottes zunimmt, indem es gedacht und in die Seele des Menschen aufgenommen wird, ebenso nimmt auch das Leben zu. Das besteht aber darin, daß wir hier tugendhaft leben. Später verleiht er uns auch das ewige Leben.

V. 51. „Die Übermüthigen handelten allenthalben ungerecht. Von Deinem Gesetze wich ich nicht ab.“ In ihm nämlich lebte ich und schaute auf meinen Leitstern, damit nicht Verborgens ein ungesetzliches Wort in meinem Herzen entstände. Denn da Jene gar sehr gegen das Gesetz handelten, übertrat ich Dein Gesetz nicht im Geringsten.

V. 52. „Ich gedachte Deiner Gerichte von Ewigkeit und tröstete mich.“ In Erinnerung der Güter nämlich, die von Ewigkeit zu Ewigkeit den Einzelnen werden verliehen werden, tröstet sich der Gerechte und bleibt vom Schmerze unberührt, indem er sagt: „Es sind die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird.2 Eingedenk der Gerichte, die Du einst über die hieltest, die gegen Israel ungerecht waren, tröstete ich mich, weil ich wußte, daß auch ich in den Verfolgungen nicht werde ergriffen werden, und daß in Allem das Schicksal des Menschen vom Gerichte Gottes abhängt.

V. 53. „Bestürzung ergriff mich um der Sünder willen, die Dein Gesetz verlassen.“ Von den Sündern sündigen die Einen ohne Gesetz, indem sie schon von vornherein mit den Gesetzen nicht bekannt geworden sind, die Andern aber mit dem Gesetze, indem sie es über- [S. 774] treten. Und etwas weiter unten. 3 „Wenn nämlich ein einziges Glied leidet, so leiden zugleich alle Glieder. Und wenn ein einziges Glied verherrlicht wird, so freuen sich zugleich alle Glieder.“ 4 Wir müssen also über unsere Brüder trauern, wenn sie sündigen, daß sie so beschaffen sind, und müssen uns so verhalten wie dieser Heilige.

V. 54. „Gesang waren mir Deine Satzungen im Orte meiner Wanderschaft.“ Ort der Wanderschaft nennt er das gegenwärtige Leben, wie es heißt: „Wissend, daß sie Fremdlinge und Gäste auf Erden waren.“ 5 Hiebei freute ich mich, indem ich in gutem Rythmus Deine Satzungen erzählte, indem ich sie theils untersuchte, theils erfüllte.

V. 59. „Ich gedachte Deiner Wege und kehrte meine Füße zu Deinen Zeugnissen.“ Weil ich, will er sagen, meinen ganzen Sinn Deinen Geboten geweiht habe, so wandelte ich deßhalb auf dem Wege Deiner Zeugnisse.

V. 60. „Ich war bereit und nicht verlegen.“ Da ich den Ausspruch kenne: „Kind, willst Du dem Herrn nahen und ihm dienen, so bereite Deine Seele auf die Versuchung vor.“ 6 und da ich daran immer bei den Angriffen dachte, so wurde ich nicht verlegen, da ich daran gedacht hatte, sie muthig zu ertragen.

V. 61. „Die Stricke der Sünder umgaben mich.“ Und was waren das für Stricke, ausser die bösen Gedanken, durch welche sie mich aus der Stellung bei Gott zu verdrängen suchten?

V. 62. „Um Mitternacht wachte ich auf, um Dir zu bekennen.“ Nicht bloß bei Tag nämlich, sondern auch zur Nachtzeit, ganz in der Mitte der Nacht, wo um größerer Lust der Schlaf die Menschen überfällt, pries ich [S. 775] Dich beständig und lobte Deine gerechten Gerichte. Das hat auch der göttliche Apostel in Gemeinschaft mit Silas gethan, und obschon dort am Fuße gefesselt, mischte er unter Mißhandlung und Geisselung den Lobgesang mit dem Gebete und erntete die Frucht des löblichen Wachens. 7 Es wurde ihm nämlich die göttliche Freigebigkeit zu Theil.

V. 63. „Ich nehme Theil an Allen, die Dich fürchten.“ Der vollkommene Mensch nimmt wohl Theil an Christus nach dem Ausspruche: Denn wir sind Christi theilhaftig geworden. 8 Der gegenwärtige aber sagt, da er eingeführt wird, daß er an denen Theil nehme, die den Herrn fürchten, aber nicht schlechthin an denen, die ihn fürchten, sondern die aus Furcht die Gebote Gottes beobachten. Ein Beweis der göttlichen Furcht ist die Beobachtung der Gebote.

V. 64. „Voll von Deiner Barmherzigkeit, o Herr, ist die Erde. Deine Satzungen lehre mich.“ In prophetischem Geiste sagt er die Zukunft vorher, daß die ganze Erde voll sein wird von denen, die den Herrn fürchten. Und das, will er sagen, wird aus keinem andern Grunde geschehen, als wegen Deiner Barmherzigkeit. Denn Du thust das selbst aus Barmherzigkeit und gibst Dich selbst dem Menschen zum Lehrer.

V. 65. „Du thatest Gutes an Deinem Knechte, o Herr.“ Es wird, wer in den göttlichen Aussprüchen unterrichtet ist, belehrt, nicht empfindungslos die Wohlthaten Gottes zu genießen. Denn nicht wäre er sonst von der Sünde befreit und unter die Knechte des Herrn gezählt worden, wenn nicht irgend eine göttliche Gnade ihm dazu Veranlassung geworden wäre.

V. 67. „Bevor ich gedemüthigt ward, sündigte ich.“ Wegen meiner früheren verübten Sünden, will er sagen, wurde ich überliefert und gedemüthigt und litt das [S. 776] durch das gerechte Gericht Gottes. Deßhalb nun der Züchtigung preisgegeben, flehe ich um Belehrung, damit ich einsehe, daß die mir zugestoßene Demüthigung zum Guten und zur Züchtigung mir zustieß.

V. 68. „Du bist gut, o Herr.“ Der Gerechte sagt bei Allem, was ihm zustößt, auch wenn es bitter ist, zu Gott: Du bist gut. Ähnlich ist: „Ich werde den Herrn preisen zu aller Zeit.“ 9 „Und in Deiner Güte lehre mich Deine Satzungen.“ Und er fleht darum, daß er von der Güte Gottes belehrt werde. Denn gerecht sind die Satzungen Gottes, die sich nach dem Verdienste des Einzelnen richten, und man kann von ihnen mit Recht sagen: Gerechtfertigt wurden Deine Gerichte, o Gott!

V. 69. „Vermehrt hat sich wider mich die Ungerechtigkeit der Hochmüthigen.“ So weit, will er sagen, sind sie im Hochmuthe gegangen, daß man von dem Herzen in ihnen sagen kann: „Gestockt ist wie Milch ihr Herz.“ 10 Du wirst den bösen und schweren Versuchungen übergeben werden, welche Dich im Lebenswandel demüthigen und Dich lehren, den Leib hart zu halten und in Knechtschaft zu bringen, und nicht auf dem breiten und geräumigen Wege der Hochmüthigen zu wandeln, sondern auf dem schmalen und engen. Denn mager ist das Herz der Heiligen, fett aber das der Hochmüthigen.

V. 71. „Gut ist es mir, daß Du mich demüthigtest.“ Es ist, wie wenn er sagte: Ich gefalle mir in Schwächen, in Mißhandlungen, in Nöthen, in Verfolgungen, in Bedrängnissen, damit ich Deiner Satzungen würdig erscheine, indem ich suche, was man auf andere Weise nicht kennen lernen kann.

V. 72. „Besser ist mir das Gesetz Deines Mundes als tausend Stücke Goldes und Sil- [S. 777] bers.“ Der eingeführte Mensch wird belehrt, welch hohe Ehre ihm zu Theil geworden sei.

V. 73. „Deine Hände haben mich gemacht.“ Eine weitere Würde ist es, daß er seinem Gedanken zugänglich ist und denselben in sich fassen kann. „Gib mir Verstand, und ich werde Deine Gebote lernen.“ An die Danksagung für die Erschaffung knüpft sich ganz folgerichtig die für die geistige Kraft, welche zum Verständniß der Gebote verhilft.

V. 74. „Die Dich fürchten, werden Dich sehen und sich freuen.“ Er lehrt, daß nicht er allein die Gnade besitzen, sondern daß sie Allen zu Theil werden wird, die den Herrn fürchten. Denn den Gottesfürchtigen allein ist er angenehm, wenn er in sinnlicher Weise und nach dem Worte und den Gedanken der Weisheit gesehen wird, die er hat; den übrigen aber ist er lästig, wenn er gesehen wird. Denn in seinem Leben ist er den Übrigen unähnlich, und abweichend sind seine Wege. Deßhalb sagt er: „Sie werden sich freuen, weil ich auf Deine Worte hoffte.“

V. 75. „Ich erkannte, o Herr, daß Deine Gerichte gerecht sind.“ Wir werden belehrt, daß Gott nach Recht uns Alles erweist. Deßhalb müssen wir bei den Züchtigungen nicht gleichgültig bleiben, sondern vor ihm niederfallen und wegen der Beobachtung des Gesetzes um Barmherzigkeit flehen.

V. 76. „Es werde mir Deine Barmherzigkeit, mich zu trösten.“ Barmherzigkeit des Vaters ist der Sohn, der unsere Herzen tröstete, die unter der Gewaltherrschaft des Satans standen. Oder auch in folgender Weise. Ich flehe, es möge nach Deinem Worte mir. Deinem Knechte, zum Tröste und zur Beruhigung Deine Barmherzigkeit zu Theil werden. Denn Viele, die Trost erlangt haben, täuschen sich, als ob sie das durch ihre eigene Klugheit erlangt hätten. Damit ich nicht in gleicher Weise, wie diese, einem Irrthum verfalle, so werde mir, Deinem Knechte, nach Deinem Worte Deine Barmherzigkeit zu Theil. [S. 778]

V. 77. „Es mögen Deine Erbarmungen über mich kommen, und ich werde leben.“ Wie Du mir den Trost verheissen hast, so gewähre ihn mir und erbarme Dich Deiner Diener.

V. 78. „Schämen sollen sich die Hochmüthigen, weil sie in ungerechter Weise gegen mich gefrevelt.“ Wenn mir, will er sagen, Deine Hilfe zu Theil werden sollte, dann werden nämlich die bösen Dämonen und Menschen, die der Wahrheit feind sind, sich schämen. Ich aber werde mich, wenn Jene sich schämen nicht erheben, sondern ich werde in Deinen Geboten betrachten.

V. 79. „Es sollen sich zu mir wenden, die Dich fürchten.“ Möge mir die Lehre Deiner Diener zu Theil werden. Sie ist aber so beschaffen, daß sie die Seelen zu bekehren vermag, weil sie reich an Deiner Furcht ist.

V. 80. „Mein Herz werde makellos.“ Nicht hätte er nach so Vielem, wenn er ein makelloses Herz gehabt hätte 11 gesagt: „Mein Herz werde makellos.“ Ungefähr so lautet: „Ein reines Herz schaffe in mir, o Gott.12 Denn nur dann werde ich nicht zu Schanden werden, wenn ich die Gebote Gottes makellos beobachte.

1: Statt: „Dein Wort machte mich lebendig.“
2: Röm. 8. 18. Das Folgende ist einer andern Handschrift entnommen.
3: Es deuten diese Worte auf die Auslassung einer Schriftstelle, die kurz vor der folgenden steht.
4: I. Kor. 12, 26.
5: Hebr. 11, 13.
6: Ekkli. 2,1xxx
7: Apostelg. 16, 22-25.
8: Hebr. 3,14
9: Ps. 33, 2
10: V. 70.
11: Montfaucon erklärt diese Stelle für verdorben und übersetzt willkürlich: Etiamsi cor purum habeat, ait.
12: Ps. 50. 12. Das Folgende ist aus einer andern Handschrift.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger