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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 118,1-40

CXVIII.

Alleluja.

Inhalt.

In diesem Psalme beschreibt er die Lebensweise, die Kämpfe, die Bedrängnisse, die Gefahren, die Erhebungen der Dämonen, die unzähligen eingegebenen Gedanken, die Fallstricke und Netze, jedoch aber auch das, wodurch sie siegen, das Gesetz, die Aussprüche, die Geduld, den himmlischen Beistand, hierauf nach den Mühen die Kampfpreise, die Kronen und Belohnungen.

V. 1. „Selig sind die Tadellosen auf dem Wege.“ Wer durchaus in keiner Weise sündigt, der ist tadellos und selig.

V.2. „Glückselig, die forschen in seinen Zeugnissen, von ganzem Herzen ihn suchen werden.“ Denn man darf nicht jetzt das Gesetz erfüllen, dann es übertreten. Denn was bringt es für einen Gewinn, in seinen Zeugnissen bloß zu forschen, aber nicht von ganzem Herzen Gott zu suchen?

V. 3. „Denn die Unrecht thun, wandelten nicht auf seinen Wegen.“ Es kennt also der Sünder das göttliche Gesetz nicht. Denn es kennen heißt es befolgen.

V.4. „Du hast befohlen, Deine Gebote strenge zu halten.“

V. 5. „Wären meine Wege dahin gerichtet, Deine Rechte zu bewahren!“ Da er weiß, daß ohne seine himmlische Hilfe Niemand ein Diener des Gesetzes sein kann, so verschafft er sich das durch Gebet. xxxxx steht für xxxxx. [S. 766]

V. 7. „Ich werde Dir bekennen in der Aufrichtigkeit des Herzens.“ Nach dem Gebete erklärt er auch seine Willensrichtung. Anfang des Heiles ist aber das Bekenntniß.

V. 8. „Verlaß mich in keiner Weise.“ Er ruft wieder den himmlischen Beistand an.

V. 9. „Worin wird ein Jüngling seinen Weg bessern?“ Mit vielen Ärgernissen, will er sagen, ist die Jugend angefüllt. Wie könnte man nun über diese anders hinwegkommen als dadurch, daß man die Worte Gottes stets in Erinnerung behält? Denn der Gedanke an das göttliche Gesetz ist gewiß reinigend und bewahrend.

V. 10. „Mit meinem ganzen Herzen suchte ich Dich.“ Wenn die Erinnerung an Gott, will er sagen, uns hilft, den satanischen Stricken zu entrinnen, und ich mein ganzes Gemüth Dir, o Gott, geweiht habe, so bin ich würdig, nicht ausserhalb Deiner Gebote mich zu befinden.1 Das sagt er, damit wir nicht verlegen sind, was wir sagen sollen, wenn wir nach dem Gesetze Verlangen tragen. Er hat den Unverstand zugelassen oder verkehrt Vielen ihr Streben in das Gegentheil, und sie gehen irre, wo sie auf dem rechten Wege zu sein glauben, wie Salomo sagt: „Es ist ein Weg, der dem Menschen recht zu sein scheint, dessen Ausgang aber in den Abgrund der Unterwelt führt.“2 Wer also mit halbem Herzen Gott sucht, indem er bald ihm, bald der Welt zu dienen sucht, den schließt er von seinen Geboten aus, wie einen unbrauchbaren Soldaten.

V. 11. „In meinem Herzen verbarg ich Deine Reden.“ Denn wenn man nicht wie in Schatzkammern die Gebote Gottes in seinem Herzen verschließt, so kommt der Böse und nimmt sie weg.“ 3 Es sündigt gegen Gott, wer ge- [S. 767] heimer Reden gewürdigt wird, die man der Menge geheim halten soll, und sie nicht vor denen verbirgt, vor denen man sie verbergen soll. Denn es ist mit Gefahr verbunden, nicht nur Lügen auszusprechen, sondern auch die Wahrheit, wenn man überhaupt ausredet, was man nicht ausreden soll. Denn man soll die Perlen nicht den Schweinen vorwerfen noch das Heilige den Hunden geben. 4

V. 12. „Gepriesen seist Du, o Herr! Lehre mich Deine Satzungen.“ Da er wahrnahm, welchen Fortschritt er dadurch machte, das er Gott von ganzem Herzen suchte, so preist er ihn und dankt ihm bereits für das, was ihm zu Theil wurde, und er bittet von ihm zu erfahren, was für einen Sinn seine Satzungen haben.

V. 13. „Mit meinen Lippen sprach ich aus alle Rechte Deines Mundes.“ Was verborgen werden mußte, will er sagen, verbarg ich; was aber ausgesprochen werden mußte, sprach ich aus, weil wir alle vor Deinem Richterstuhl erscheinen müssen, damit wir nach unseren Werken empfangen.

V. 14. „An dem Wege Deiner Zeugnisse ergötzte ich mich, wie an allem Reichthum.“ Es wird gelehrt, welches der Reichthum in Gott sei. Deßhalb, will er sagen, hat mich Nichts im gegenwärtigen Leben gefesselt, nicht Gold, nicht Würde, nicht Macht. Die Stelle von Allem vertreten mir Deine Zeugnisse und sind mir Freude und Reichthum.

V. 16. „In Deinen Satzungen werde ich betrachten, nicht werde ich vergessen Deine Reden.“ Nicht beim bloßen Wort bleibt die Betrachtung stehen, sondern erstreckt sich auch darauf, daß, wer es erwogen hat, es thue. Denn nicht, die die Satzungen Gottes hören, sind gerecht vor Gott, sondern die sie erfüllen. Denn dann wird Niemand sie jemals vergessen, [S. 768]

V. 17. „Thue Gutes Deinem Knechte, gib mir das Leben.“ Und was will er, daß ihm gegeben werde für das, was er geleistet hat, damit sein Verstand erleuchtet werde, damit er die wunderbaren Werke Gottes erkenne?

V. 18. „Öffne meine Augen, und ich werde schauen die Wunder Deines Gesetzes.“ Nicht, will er sagen, habe ich die Thorheit des Lebens mir eigen gemacht. Deßhalb flehe ich, eine Kenntniß der göttlichen Gebote zu erlangen. Denn die einen sind bekannt, die andern unbekannt. Bekannt zum Beispiel: „Du sollst nicht tödten“ und die übrigen, unbekannt aber, warum am achten Tage die Kinder beschnitten, oder warum für die Neugebornen Opfer dargebracht werden.

V. 21. „Du schaltest die Stolzen.“ Wer den Stolzen widersteht, der schilt auch die Stolzen. Der Herr aber widersteht den Stolzen, also schilt der Herr auch die Stolzen.

V. 22. „Nimm weg von mir Schmach und Verachtung.“ Die Gottlosen werden mich zur Zeit der Verfolgung schmähen und verachten. Ich flehe daher, daß die Schmach an mir vereitelt werde. Und wenn ich einmal, will er sagen, eine fleischliche Gesinnung gehabt habe, so bekehre ich mich und flehe, durch die göttlichen Reden lebendig gemacht zu werden. Wenn ich so, will er sagen, durch die Verfolgung in die äusserste Noth gerathen bin, so flehe ich, ich möge aus der Mitte der Gottlosen nach Deiner Verheissung errettet werden.

V.23. „Denn es saßen Fürsten und redeten wider mich.“ Deßhalb, will er sagen, bat ich. von der Schmach befreit zu werden, weil sie damit beschäftigt waren, gegen mich zu reden. Wenn übrigens auch die Fürsten der Ungerechtigkeit das thun, so verläßt der Knecht Gottes seine Satzungen nicht, indem er die Worte Gottes, die er Satzungen nannte, hiebei zu Rathgebern hat. Ein solcher Mensch aber nimmt nicht einen einzigen bösen Ratgeber [S. 769] an. Die Fürsten dieser Welt aber haben sich gleichsam gegen Christus versammelt, an einem und demselben Orte gegen den Herrn und seinen Gesalbten. 5 Ihnen gehört die Weisheit dieser Welt.

V. 25. „Es klebte am Boden meine Seele.“ Ich gerieth in die äusserste Noth, will er sagen, und wurde von den Gottlosen vertrieben, und ich flehe gerettet zu werden nach Deiner Verheissung, welche lautet: „Und die Bäche werden Dich nicht einschließen.“ 6

V. 26. „Meine Wege erzählte ich, und Du erhörtest mich ….

V. 27. Lehre mich den Weg Deiner Satzungen kennen.“ Denn da ich eine Kenntniß ihrer Geheimnisse erlangt habe, daß ich nach dieser auch wandle, so werde ich vermögend sein, mit ihren Wundern mich zu befassen und mich darüber auszulassen.

V. 28. „Meine Seele schlummerte vor Überdruß.“ Er lehrt, daß der Geist des Überdrusses sich nur durch die Betrachtung der göttlichen Worte vertreiben lasse. Fasten und wachen muß man also wegen dessen, der gesagt hat: „Wachet und betet.“7

V. 29. „Den Weg der Ungerechtigkeit entferne von mir, und nach Deinem Gesetze erbarme Dich meiner.

V. 30. Den Weg der Wahrheit habe ich erwählt.“ Das Eine erfleht er von Gott, das Andere erklärt er selbst leisten zu wollen.

V. 37. „Wende ab meine Augen, daß sie keine Eitelkeit sehen.“ Eitelkeit sind der Wahnsinn der Schauspiele, die Betrachtung des Ungeziemenden und die thörichten Gedanken des Herzens, die Paulus in den Worten zu erkennen gibt: „in der Eitelkeit ihres Sinnes, deren Verstand verdunkelt ist, die dem Leben Gottes entfremdet sind.“ 8 Siehe, es wird eine Eitelkeit des Geistes genannt, wenn Jemand einen Geist hat und von ihm nicht [S. 770] Gebrauch macht, um das Wahre zu betrachten, sondern ihn den Fesseln des Satans preisgibt. Das will er also im Gebete sagen: „Wende ab meine Augen, damit sie keine Eitelkeit sehen.“ Denn das ist Gottes Gnade. Die Schönheit des Leibes, die den fleischlichen Augen schön erscheint, nennt er Eitelkeit.

V. 38. „Bestätige Deinem Knechte Dein Wort in Deiner Furcht.“ Weil bei allen Geboten die Furcht Gottes als Zuchtmeister nothwendig ist, so fleht er deßhalb, es möge sie Gott in ihm erwecken. Die Worte aber: „Nimm hinweg meine Schmach“ spricht er, nachdem er gleichsam einen Wächter der göttlichen Gesetze aufgestellt hat, von der Schmach aus, deren er sich schon früher schuldig bekannt hat.„Bestätige Deinem Knechte Dein Wort.“ Da ich als Dein Knecht Dich fürchte und in vernünftiger Weise, wie es der Vernunft entspricht.9 Furcht haben will, so bestätige Dein Wort in Deiner Furcht, welche Deine Furcht ist, nicht, weil Du fürchtest, sondern weil ich Dich fürchte. Damit wir weder ohne Vernunft eine Furcht noch ohne Furcht eine Vernunft haben, bestätigt Gott sein Wort in seiner Furcht, indem er es bei den Gottesfürchtigen durch Beweis bekräftigt. Wie nämlich Einige einen Eifer haben, aber nicht nach der Erkenntniß, so haben Einige auch die Furcht Gottes, aber nicht nach der Erkenntniß.

V. 39. „Nimm hinweg meine Schmach, die ich fürchtete.“ Da der Prophet als Mensch Sünden begangen hat, so fleht er, da er die Schmach sieht, die im göttlichen Gerichte nach der Auferstehung folgt, und spricht den vorliegenden Vers. Nicht aber sollst Du die Worte so umwandeln: Nimm hinweg Deine Schmach. Denn wenn ich um Christi willen geschmäht werde, so ist das nicht meine [S. 771] Schmach, sondern Christi Schmach. Werde ich aber wegen Meiner Sünden geschmäht und ändere meinen Sinn nicht, so darf ich nicht sagen: „Nimm hinweg meine Schmach von mir, die ich fürchtete, denn Deine Gerichte sind gut.“

V. 40. „Siehe, ich verlangte nach Deinen Geboten, mache mich lebendig in Deiner Gerechtigkeit.“ Er verlangt zur Belohnung das gerechte und tugendhafte Leben, indem er nicht bloß die Gebote beobachtet, sondern sie sogar mit Liebe umfaßt und sie nicht aus andern Gründen, sondern sie um ihrer selbst willen erfüllt. Und da die Gerechtigkeit des Vaters der Sohn ist, so sagt das der, welcher im Sohne leben will.

1: Mit Bezugnahme auf den zweiten Theil des Verses: „Stoß mich nicht zurück von Deinen Geboten.“
2: Sprüchw. 16, 25.
3: Das Folgende ist aus einer andern Handschrift.
4: Matth. 7, 6.
5: Ps. 2, 2.
6: Hohel. 8, 7.
7: Matth. 26, 41.
8: Ephes. 4, 17.18.
9: Um diese Erklärung zu verstehen, muß man wissen, daß das griechische xxxxx (wovon xxxxx) zugleich Wort und Vernunft bedeutet.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger