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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 108.

CVIII.

V. 1. Zum Ende, ein Psalm Davids.

Inhalt.

Der gegenwärtige Psalm bezieht sich auf die Leiden Christi und die dem Judas und dem Volke der Juden selbst bevorstehenden Strafen. Was aber im Psalme in Wunschform ausgesprochen ist, davon muß man wissen, daß Alles prophetisch gesprochen ist, zum Beispiel, wenn es heißt: „Der Teufel stehe zu seiner Rechten.“ 1 so steht es für: Er wird stehen. Denn er steht nicht, daß das geschehen möge, sondern was wegen seiner Bosheit sich ereignen wird, das sagt er voraus, und so auch im Übrigen, mögen sie, sagt er, ihre Verleumder haben und nie von ihnen frei werden. Und wenn sie etwa gerichtet werden, so mögen sie durch sie die Verurteilung finden. Ja wenn sie auch, sagt er, zur [S. 740] Zeit der Noth Dich anrufen werden, so mag es ihnen zur Sünde angerechnet werden, indem ihre Sünden ins Gedächtniß gerufen werden. Kürze ihre Tage ab, damit bei ihren Lebzeiten und unter ihren Augen die Würde, die sie nicht in Wirklichkeit erworben haben, ein Anderer an sich reisse. Dann tödte sie, damit das Unglück auf ihre Nachkommen übergehe, so daß ihre Söhne zu Waisen werden und das Weib Witwe wird, daß die Söhne mit Gewalt fortgeschleppt und für die Übertretungen der Väter gestraft werden.

V. 2. „Gott, mein Lob verschweige nicht.“ Überall, wo sich die Kirchen Christi bilden, die allerwärts auftauchen, lobt Gott in ihnen den Sohn. Es sagt also Christus zum Vater: Wenn auch Judas mich verrathen und es dadurch den Schein erlangen wird, als ob er meinem Lobe im Wege stehe, so lobe Du mich und gib meiner Gottheit Zeugnis. Denn weil Judas an meine Gottheit nicht glaubte, hat er mich verrathen. „Denn der Mund des Sünders und der Mund des Arglistigen hat sich wider mich geöffnet.“ „Des Sünders:“ des Teufels. Denn er ist Sünder gegen die Wahrheit. „Des Arglistigen:“ des Judas. Beide nämlich redeten gegen Christus.

V. 4. „Statt mich zu lieben, verleumdeten sie mich ….. V. 5. Und sie erwiesen mir Böses statt Gutes.“ Von den Reden sind die einen Reden der Liebe, die andern des Hasses, die andern weder das Eine noch das Andere. Denn er schmeichelte ihm als dem Meister und strebte, wie es schien, mit seiner List darnach, den Meister zu verrathen.

V. 6. „Setze über ihn einen Sünder.“ Sünder ist der Erfinder der Sünde selbst, der Satan. „Setze“ aber steht für: „Er wird gesetzt werden.“ „Über ihn.“ Über wen aber anders, als über den Verräther Judas? „Und der Teufel stehe zu seiner Rechten.“ Auch bei Zacharias heißt es: „Und es zeigte mir der Herr den Hohepriester Jesus, stehend vor dem Angesicht des Engels des Herrn. Und [S. 741] der Teufel stand zu seiner Rechten, ihn zu bekämpfen.“' 2 Er bekämpft aber nicht den Judas.

V. 7. „Wenn er gerichtet wird, gehe er verurtheilt hervor.“ Bei dem künftigen Gerichte, will er sagen, wird er zur Rechtfertigung Nichts vorbringen können. „Und sein Gebet werde zur Sünde.“ Es gibt Einige, bei denen selbst das Gebet zur Sünde wird, wie wenn die Heiden zu den Götzen oder den Geschöpfen beten und die Juden nicht durch Jesus Christus zu Gott beten und die Häretiker zu einem Gotte beten, der nicht ist. Und wenn sie im Zorne und in Gedanken oder mit doppelter Seele beten, so wird ihr Gebet zur Sünde.

V. 8. „Seine Tage sollen wenige werden.“ Denn sogleich nach dem Verrathe schaffte er sich durch Erdrosselung aus der Welt und wurde nicht mehr wahrgenommen. „Und sein Aufseheramt erhalte ein Anderer.“ Er spricht von Matthias. Denn dieser wurde wegen der Gerechtigkeit dem Loose der Apostel beigezählt.

V. 9. „Es sollen seine Söhne zu Waisen werden.“ Söhne sind seine Gedanken. Zu Waisen aber wurden sie in Bezug auf die Gnade Christi. Weib ist aber seine Seele. Denn auch sie wurde Witwe, indem sie von Christus durch die Übertretung des Gesetzes abfiel.

V. 10. „Unstet sollen seine Söhne herumschweifen und betteln.“ Seine Gedanken nämlich, von denen wir sagten, daß sie Söhne seien, machten sich von Christus los und streckten aus Geldgier ihre Hand nach Geld aus, wie Arme und Bettler.

V. 14. „Die Sünde seiner Väter komme wieder ins Andenken vor dem Herrn.“ „Seiner.“ des Volkes. Er bringt nämlich mit dem Verräther das dem Gesetze widerstrebende Volk in Verbindung. Eine Gesetzesverletzung der Väter aber nennt er die Ermordung der Pro- [S. 742] pheten, wie der Herr gesagt hat: daß alles unschuldige Blut, das vergossen wurde von Abel bis zu Zacharias dem Propheten, von diesem Geschlechte gefordert werden wird. 3 „Und die Sünde seiner Mutter werde nicht ausgelöscht.“ Unter Mutter des gottlosen Volkes wird man jene böse Synagoge verstehen, die Gott oft erbitterte.

V.15. „Sie soll stets vor dem Herrn sein, und es soll ihr Andenken von der Erde vertilgt werden.“ Alle ihre vermessenen Thaten schaut Gott beständig, und er wird sie keiner Schonung würdigen, wie bei allen Ungläubigen. Und er meinte nicht bloß den Judas, da er „ihr Andenken“ in der Mehrheit sagte, man kann aber auch in anderer Weise Väter des Judas die nennen, die ihn zum Verrathe zeugten. Das sind aber wohl die, welche durch die Silberlinge ihn dazu verleiteten, und zuerst der Satan, der in sein Herz eindrang, 4 und die Fürsten, die die Weisheit dieser Welt besitzen, von denen Paulus sagt: „Wenn sie dieselbe erkannt hätten, würden sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben.“ 5 „Und es soll sein Andenken von der Erde vertilgt sein.“ Er meint wieder das Andenken an Judas, oder anders, an jene Fürsten, die sich gegen Christus versammelten. 6 Denn es erhielt sich von ihrer Seite nicht einmal ein Same zu ihrem Andenken.

V. 16. „Dafür, daß er nicht gedachte Barmherzigkeit zu üben.“ Die Barmherzigkeit, will er sagen, wollte er nicht annehmen, die der Vater den Menschen verliehen hat und auch den verlorenen Schafen Israels. Denn „üben“ hat er gesetzt für „annehmen.“

V. 17. „Und einen dürftigen und armen Menschen verfolgte.“ Er meint den Herrn selbst, der arm wurde, da er reich war, damit wir durch seine Armuth reich würden. 7 „Und den, der zerschlagenen Herzens war. [S. 743] um ihn zu tödten.“ Das heißt „schmerzlich bewegten.“ Denn er wurde schmerzlich bewegt, da er ihren Untergang sah. Ihn also, der schmerzlich bewegt war. verfolgten sie, um ihn zu tödten.

V. 18. „Und er liebte den Fluch ….. Und er zog den Fluch an wie ein Kleid.“ Da sie, will er sagen, aufhörten, mich zu segnen, und am jedem Tage mir fluchen. - das nämlich thun bis zum heutigen Tage die Kinder der Juden. - so wird deßwegen ihnen Alles, was im Vorhergehenden gesagt ist, begegnen. „Und er drang wie Wasser in sein Inneres.“ Denn nicht bloß von aussen, sondern auch im Innern umgeben und umfluthen uns die Übel. „Und wie Öl in seine Gebeine.“ Denn dieses hat eine beständige Feuchtigkeit. Er meint aber das Hereinbrechen der Übel, indem das Wasser die Heftigkeit bezeichnet, das Öl die Beständigkeit. Von diesen, will er sagen, soll er wie mit einem Kleide bedeckt und wie mit einem Gürtel umgürtet werden.

V. 20. „Das ist das Werk der Verleumder und derer, die Böses reden gegen meine Seele.“ Diese Früchte werden sie ernten, die sich zum Hasse gegen mich bewegen ließen, und ihr Helfershelfer, der Verräther. Da sie ihn nämlich einen Feind Gottes und einen Übertreter des Gesetzes nannten, so sagte er mit Recht: „meiner Verleumder bei dem Herrn.“

V. 21. „Und Du, o Herr, Herr, sei mit mir um Deines Namens willen.“ Auch das hat Christus der Herr in menschlicher Weise gesagt. Denn er hat alles Menschliche vollbracht mit Ausnahme der Sünde. Denn er wurde geboren nach dem Gesetze der Natur. Denn daß er von einem Weibe geboren wurde, entspricht der menschlichen Natur; diese aber überragt es, daß er von einer Jungfrau geboren wurde. Er ließ sich Windeln und Beschneidung gefallen, sowie die Ernährung mit Milch. Auch brachte er Opfer dar, fastete, hungerte, durstete und wurde müde. So ist auch in den heiligen Evangelien geschrieben, daß er ohne [S. 744] Unterlaß betete. Und hier ruft er in menschlicher Weise den göttlichen Beistand an.

V. 22. „Erlöse mich, denn ich bin dürftig und arm.“ Wir finden in den heiligen Evangelien, daß er das auch selbst gesagt habe. Denn als er daran war, das Leiden auf sich zu nehmen, sagte er: „Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde! Abba, deßhalb bin ich in diese Stunde gekommen.“ 8

V. 23. „Wie ein Schatten, wenn er hinschwindet, ward ich weggerafft.“ Ungefähr wie ein schwindender Schatten fand ich das Lebensende. Aber auch nach Art von Heuschrecken, die der Wind fortreißt, brachte ich mein Leben hin, ohne eine Stadt, ohne ein Dorf, ohne ein Haus zu haben, sondern das eine Mal da, das andere Mal dort, und indem ich auf Berge übersiedelte und manchmal in die Wüste eilte.

V. 25. „Sie sahen mich und schüttelten ihre Häupter.“ Dieß sagt er, weil sie, da er am Kreuze hing, die Häupter vor ihm neigten und sagten: Der Du den Tempel zerstörest, rette Dich selbst. 9

V. 27. „Und sie sollen wissen, daß Dieß Deine Hand ist.“ Hände nennt er hier die That, die er vollbrachte, indem er sich von den Todten erweckte.

V. 28. „Sie werden fluchen. Du aber wirft segnen. Die wider mich aufstehen, sollen beschämt werden.“ Denn beschämt wurden Alle, da sie keinen Priester hatten, noch ein Opfer, noch einen Altar, noch ein Brustblatt nach dem Ausspruch des Propheten. „Dein Knecht aber wird sich freuen.“ Auch diese Stelle dürfen wir in keinem andern Sinne auffassen.10 da Paulus sagt: „Er entäusserte sich selbst und nahm Knechtesgestalt [S. 745] an.“11 und Isaias: „So spricht der Herr, der mich im Mutterleibe zu seinem Knechte bildete.“12 Und er selbst sagt in den Evangelien: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.“13

V. 29. „Schande sollen anziehen, die mich verleumden.“ Denn welche Schande ist den Juden nicht widerfahren? Ihre Heiligthümer sehen sie von Grund aus zerstört, dieses Grabmal des von ihnen Entehrten und Gekreuzigten aber sehen sie angebetet und seine Kirchen überall so sehr zunehmen an Menge und Ruhm.

V. 30. „Ich werde dem Herrn gar sehr bekennen mit meinem Munde.“ Das Bekenntniß bezeichnet den Dank, den der Sohn durch die Völker darbringt. „Und in der Mitte Vieler werde ich ihn loben.“ In der Kirche nämlich lobt er den Vater.

1: V. 6.
2: Zach. 3,1.
3: Matth. 23, 35.
4: Luk. 22, 3.
5: I. Kor. 2, 8.
6: Ps. 2, 2.
7: II. Kor. 8, 9.
8: Joh. 12, 27.
9: Matth. 27, 40.
10: Nämlich nur in dem Sinne, daß sie sich auf den Messias bezieht.
11: Phil. 2, 7.
12: Is. 49,5.
13: Matth. 20, 28.

 

 

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Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger