Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Erklärung der Psalmen (Expositiones in Psalmos)

Ps 101.

CI.

V. 1. Gebet eines Armen, da er in Aengsten ist und sein Gebet vor dem Herrn ausschüttet.

Inhalt.

Der Arme vor Gott, das heißt der Chor der Propheten, der mit Schmerz erfüllt ist über die Vernichtung des ersten Volles, tritt vor den Herrn hin, indem er nämlich für das Volk selbst Gebete unter Fasten und Thränen empor sendet, damit das Volk selbst Barmherzigkeit erlange. Er verkündet aber auch die Berufung der Heiden, die bei der Ankunft unseres Heilandes Jesus Christus eintrat. [S. 711]

V. 2. „Herr, erhöre mein Gebet.“ Was dem Volke begegnet ist, nimmt der Chor der Propheten für sich in Anspruch.

V. 4. „Denn wie Rauch schwanden hin meine Tage, und meine Gebeine verdorrten wie dürres Holz.“ Das hat weiter oben seine Erklärung gefunden. 1 soll aber auch hier sie wieder finden. Ihre ganze Kraft nämlich, in welcher der Dienst des Gesetzes seinen Bestand hatte, wurde gebrochen und ist zu Grunde gegangen. Es waren aber das das Hohepriesterthum, der Tempel, die Thieropfer, die Selbstständigkeit des Volkes.

V. 7. „Ich bin geworden wie der Nachtrabe an verlassener Stätte.“ Das sagt er wegen der Finsterniß, welche das Volk ergriffen hat. Denn es hatte keine Kenntniß Gottes. Was ist aber dem Nachtraben anders eigen, als daß er in den Nächten schreit, woher er diesen Namen erhalten hat? Da er also die ganze Nacht hindurch betete, so vergleicht er sich mit Fug und Recht mit dem Nachtraben.

V. 8. „Ich war schlaflos und wie ein einsamer Sperling im Hause.“ Ich, will er sagen, der ich nicht zur Zeit der Sünde ergriffen worden bin, bin so weit verlassen worden, daß ich einem einzigen Sperling gleiche. Denn wenn auch von so vielen Myriaden Mehrere gerettet wurden, so konnten sie im Verhältniß zu den Myriaden mit einem Einzigen verglichen werden.

V. 9. „Den ganzen Tag höhnten mich meine Feinde.“ Ich wurde dem Gelächter der Feinde preisgegeben; die mich aber einst glücklich priesen, schwören bei meinem Unglück, indem sie wünschen, sie möchten nicht das [S. 712] Gleiche erdulden. Die Worte aber „mit der Asche“ 2 , deuten ungefähr das Nämliche, wie im 79. Psalm: Du wirst uns speisen mit Thränenbrod.“3 Wenn die Zeit der Speisung voll Schmerz war, so war kaum eine andere frei von Leiden. „Und die mich lobten, schworen gegen mich.“ Und die Freunde, will er sagen, die mich einst bewunderten, machten mein Unglück zum Schwure, indem sie sagten: „Möge ich, nicht das Gleiche wie Israel dulden!“ 4

V. 10. „Denn Asche aß ich wie Brod.“ Entweder meint er das Unglück in der Gefangenschaft oder die Kasteiungen, die sie sich auflegten, damit dem Volke Barmherzigkeit zu Theil würde.

V. 11. „Du hast mich erhoben und niedergeworfen.“ Denn allein unter allen Völkern war das Volk Israel erhaben, da es ja auch allein Kenntnis hatte vom wahren Gotte.

V. 12. „Meine Tage neigten sich wie ein Schatten.“ Er sagt, daß seine Tage dem gesetzlichen Dienste angehören, der auch ein Schatten der künftigen Güter genannt wird. „Und ich verwelkte wie Heu.“ Ich steht für das Volk. Er nimmt nämlich, wie gesagt, Alles für sich in Anspruch, was dem Volke eigen ist.

V. 15. „Denn es gefielen Deinen Knechten seine Steine, und sie werden seine Erde bedauern.“ Steine nennt er die, welche nach der Auferstehung den Glauben an Christus annahmen und heilige Steine geworden sind nach dem Ausspruch des Zacharias 5 Knechte aber nennt er die heiligen Apostel, durch welche die gerettet [S. 713] wurden, die an Christus glaubten; Erde dagegen nennt er die Völker, die mit irdischer Gesinnung leben und jetzt noch ungläubig sind, und er sagt, daß sie des Mitleids würdig seien. Denn es wird der Überrest auf den jüngsten Tag verspart. Denn auch sie werden durch den Propheten Elias gerettet werden.

V. 16. „Und die Völker werden den Namen des Herrn fürchten.“ Mit Recht fügt er, da ihm die Steine des früheren Volkes gefallen, die Berufung der Völker bei. „Und alle Könige der Erde Deine Herrlichkeit.“ „Die Könige“ für „die Königreiche.“ Denn es gibt kein Königreich und kein Volk, das die Herrlichkeit des Herrn nicht anbetet.

V. 17. „Denn der Herr wird Sion bauen,“ nämlich die Kirche.

V. 18. „Er sah auf das Gebet der Demüthigen.“ Es sagten nämlich die Propheten, die sich im Gebete demütigten: „Und Du, o Herr, Gott Israels, sieh und suche heim alle Völker.“ 6

V. 19. „Man schreibe Dieses für ein kommendes Geschlecht.“ Das Gebet im Psalme und die prophetische Verheissung in Betreff der Völker ist gleichsam auf einer Säule eingegraben den Juden übergeben worden, um dem jungen Israel aufbewahrt zu werden und dem christlichen Geschlechte. „Und das Volk, das geschaffen wird, wird den Herrn loben.“

V. 20. „Denn er schaute herab von seiner heiligen Höhe.“ Er legt uns den Grund der Berufung der Völker dar. Das ist aber die Ankunft unseres Heilandes Christus, die er bewerkstelligte, indem er die Himmel neigte.7

V. 21. „Um zu hören das Seufzen der Gefesselten.“ Und wer sind die Gefesselten anders als die, welche der Feind des Guten, der Dämon, mit den Stricken der Sünde band? „Um zu erlösen die Söhne der Getödte- [S. 714] ten.“ Die Söhne der Getödteten sind wohl die Söhne der Völker, da ihre Väter, die noch Götzendiener waren, in ihren Sünden starben.

V. 22. „Daß sie in Sion seinen Namen verkünden.“ Auch das gibt er als Ursache seiner Herabkunft an, daß die Kirche seinen Namen preisen lerne. Diese ist nämlich Sion.

V.23. „Wenn die Völker an einen Ort zusammenkamen.“ Da die Propheten im Geiste die Versammlung bei dem Herrn sahen, so flehten sie, auch sie möchten dieses seligen Anblicks und Ausganges der Dinge gewürdigt werden.

V. 24. „Er antwortete ihm auf dem Wege seiner Kraft.“ Er ist der Chor der Propheten, der antwortet, oder der Gott frägt. Weg seiner Kraft nennt er die Ankunft auf Erden. Er kam nämlich, den Mächtigen zu fesseln. „Die kleine Zahl meiner Tage thut mir kund.“ Wie unser Leben beschaffen ist, will er sagen, verkündige mir. Er flehte nämlich, Kenntniß zu erlangen, ob sein Leben jene Tage erreichen würde, in welchen der Eingeborne Mensch werden und auf Erden erscheinen würde.

V. 25. „Rufe mich nicht ab in der Hälfte meiner Tage.“ Hälfte seiner Tage oder seines Lebens nennt er die Zeit, bis er die Ankunft sähe. Er flehte also, es möchte seine ganze Zeit erfüllt und, wenn möglich, sein Leben verlängert werden, damit er des Ausgangs der Dinge selbst gewürdigt werde. Denn so sollte sein ganzes Leben voll werden. „Von Geschlecht zu Geschlecht Deine Jahre. Da der Chor der Propheten durch den Geist wußte, daß er bis zum Ende der Dinge nicht leben werde, so sagt er: Ich aber werde mich zur Ruhe legen, da ich sterblich bin. Du allein aber, o Herr, bleibst bis zu jenen Geschlechtern, da Du ja eben Gott bist, der Du im Anfang die Himmel gemacht hast. 8 [S. 715]

V.27.“Sie werden vergehen, Du aber bleibst.“ Du allein, o Herr, will er sagen, besitzest als Gott die Ewigkeit. Die Himmel aber, wenn sie auch ein großes und hervorragendes Werk der Schöpfung sind, werden gleichwohl selbst dem Untergänge ausgesetzt sein. Dieser Untergang wird ihnen aber zur Erneuerung dienen. Denn sie werden fortgerissen werden und sich in eine andere Gestalt umwandeln.

V. 29. „Die Söhne Deiner Knechte werden wohnen.“ Wenn die Himmel fortgerissen sind und eine neue Schöpfung entstanden ist, dann, ja dann sind die Söhne Deiner Knechte in den ewigen Wohnungen. Das sind aber wohl die, die durch seine heiligen Apostel den Glauben angenommen haben. „Und ihr Same wird in Ewigkeit aufrecht stehen.“ Same der heiligen Apostel ist die Predigt des Evangeliums und des Heiles, die in Ewigkeit dauert.

1: Ps. 36, 20 und Ps. 67. 3 kommen ähnliche Worte vor. Es fehlt aber im Text der Psalmenerklärungen des heil. Athanasius, so weit er gerettet und aus verschiedenen Manuscripten zusammengestellt ist, die Erklärung der bezeichneten Stellen.
2: In V. 10.
3: Ps. 79. 6.
4: „So wahr ich nicht das Gleiche erdulden will.“ Die Erklärung ist in diesem Absatz etwas in Unordnung gerathen, indem eine Erklärung zu V. 10 eingeschaltet ist und am Anfang und im Schluß eine im Wesentlichen gleiche Erklärung zu V. 9. gegeben wird.
5: Zach. 9, 16.
6: Ps. 58, 6.
7: Ps. 17, 10.
8: V. 26.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitende Notizen zur Psalmenerklärung
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . Ps 93.
. . Ps 94.
. . Ps 95.
. . Ps 96.
. . Ps 97.
. . Ps 98.
. . Ps 99.
. . Ps 100.
. . Ps 101.
. . Ps 102.
. . Ps 103.
. . Ps 104.
. . Ps 105.
. . Ps 106.
. . Ps 107.
. . Ps 108.
. . Ps 109.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger