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Athanasius (295-373) - Des hl. Athanasius Brief an Marcellinus über die Erklärung der Psalmen (Epistula ad Marcellinum)
Brief an Marcellinus

29.

Die also nicht in dieser Weise die Schriften lesen, singen die göttlichen Gesänge nicht in verständiger Weise, sondern suchen sich zu ergötzen. Sie verdienen aber Tadel; denn „nicht schön ist das Lob im Munde des Sünders.“' 1 Die aber in der angegebenen Weise singen, so daß die Melodie der Worte nach dem Rhythmus der Seele und im Einklang mit dem Geiste vorgetragen wird, die singen wohl mit der Zunge; da sie aber auch im Geiste singen, werden sie nicht bloß sich selbst, sondern auch denen großen Nutzen bringen, die sie hören wollen. Der selige David wenigstens gefiel, indem er vor Saul sang, nicht nur selbst Gott, sondern verscheuchte auch den Trübsinn und die Krankheit des Wahnsinns von Saul und flößte seiner Seele wieder Ruhe ein. So forderten auch die Priester durch Psalmengesang die Herzen der Völker zur Unerschrockenheit und zur Eintracht der Chöre des Himmels auf. Daß also die Psalmen melodisch vorgetragen werden, beruht nicht auf dem Streben nach Wohllaut, sondern ist ein Zengniß für die Harmonie der Gedanken der Seele, und der melodische Vortrag ist ein Zeichen des wohlgeordneten und friedlichen Zustandes des Herzens. Denn auch das Lob Gottes in wohltönenden Cymbeln, in der Cither und im zehnsaitigen Psalterium war wieder ein Sinnbild und Kennzeichen, daß die Glieder des Körpers wie Saiten regelgerecht verbunden sind, die Gedanken der Seele aber sich wie Cymbeln verhalten, und daß endlich durch den Laut und Hauch des Mundes Das alles in Bewegung gesetzt wird und lebt. Und so lebt, wie geschrieben steht, der Mensch durch den Geist und tödtet die Werke des Leibes. 2 Denn so bringt, wer in der rechten Weise singt, seine Seele in Einklang und führt sie gleichsam aus der Ungleichheit zur Gleichheit, so daß sie, da sie sich in ihrem natürlichen Zustand befindet, von Niemand in Schrecken versetzt wird, sondern vielmehr sich mit Leichtigkeit Vorstellungen macht und eine größere Sehnsucht nach den [S. 363] künftigen Gütern empfindet. Denn durch die Melodie der Worte in die entsprechende Stimmung versetzt vergißt sie ihre Leiden und blickt mit Freude auf den Geist in Christus, indem sie das Beste denkt.

1: Ekkl. 15,9
2: Röm. 8. 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger