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Apologeten, Frühchristliche - Octavius

V.

1. Nun begann Caecilius also: "Bruder Marcus, du bist zwar über den Gegenstand unserer jetzigen Erörterung nicht im Zweifel; du hast dich ja in beiden Lebensrichtungen sorgfältig umgesehen und die eine verworfen, die andere für richtig erkannt. Dennoch mußt du für jetzt deine Seele so stimmen, daß du die Wage eines durchaus gerechten Schiedsrichters hältst und nicht nach einer Seite überwiegend hinneigst. Dann wird das Urteil als Resultat unserer Erörterungen, nicht etwa als Ausfluß deiner Sinnesrichtung erscheinen. 2. Wenn du mir nun so zu Gericht sitzest wie ein Fremder und wie wenn du keine Partei kanntest, so ist es nicht schwer nachzuweisen: alles im menschlichen Leben ist zweifelhaft, unsicher, schwankend und besser bloß wahrscheinlich als wahr zu nennen. 3. Um so mehr ist es deshalb sonderbar, daß manche einer gründlichen Erforschung der Wahrheit überdrüssig blindlings sich irgendeiner Meinung unterwerfen, anstatt mit unverdrossenem Fleiß bei der Forschung zu verharren. 4. Darum muß man sich allgemein entrüsten und ärgern, daß manche und dazu noch Leute ohne viel Studium, ohne wissenschaftliche Bildung, ja unerfahren selbst in den gewöhnlichsten Gewerben, etwas Bestimmtes über das gewaltige Weltall auszusprechen wagen. Und doch ist darüber seit so vielen, ja allen Jahrhunderten die Philosophie in ihren meisten Schulrichtungen im unklaren. 5. Ganz natürlich; denn so weit ist unsere menschliche Beschränktheit von der Erkenntnis des Göttlichen entfernt, daß uns weder das, was über uns am Himmel schwebt, noch was tief unter der Erde verborgen liegt, zu wissen vergönnt oder zu untersuchen gestattet ist. Wir dürfen uns mit Recht mehr als glücklich und weise dünken, wenn wir nach dem bekannten alten Weisheitsspruch uns selbst ein wenig besser kennen lernen. 6. Aber weil wir nun einmal in wahnwitzigem und sinnlosem Bemühen über die Grenzen unserer Beschränktheit hinausschweifen und, wiewohl in den Erdenstaub gebannt, selbst den Himmel und die Sternenwelt mit keckem Verlangen übersteigen, so wollen wir wenigstens zu dieser Verirrung nicht noch törichte und grausige Vorstellungen fügen. 7. Angenommen, von Anbeginn haben die Keime aller Dinge durch Selbstbefruchtung der Natur sich zusammengefunden, welcher Gott ist dann der Schöpfer? Oder wenn etwa die Teile des Weltganzen durch zufälliges Zusammenkommen aneinandergefügt, geordnet und gestaltet wurden, welcher Gott ist dann der Baumeister? Vielleicht hat das Feuer die Gestirne in Brand gesetzt, hat der eigene Stoff den Luftraum in die Höhe gehoben und die Erde durch sein Gewicht in die Tiefe gezogen; vielleicht ist das Meer aus dem flüssigen Element zusammengeflossen. Aber woher dann diese religiöse Scheu, woher diese Angst? Was ist's mit diesem Aberglauben? 8. Der Mensch und jedes lebende Wesen, welches entsteht, Leben empfängt und heranwächst, ist gleichsam eine bewußte Zusammensetzung von Grundstoffen; in sie wird der Mensch und jedes lebende Wesen wieder zerteilt, aufgelöst und zerstreut. So strömen sie zu ihrer Quelle zurück und alles macht einen Kreislauf in sich selbst; man braucht da keinen Künstler, keinen Richter und keinen Schöpfer. 9. So sehen wir durch Verdichtung der Feueratome immer wieder neue Sonnen erstrahlen, durch die Ausdünstung der Erddämpfe immer wieder Nebel aufsteigen, welche verdichtet und zusammengeballt als Wolken sich höher emporheben. Wenn sie sich senken, strömt Regen herab, bläst der Wind, rauscht der Hagel oder, wenn die Dunstmassen zusammenstoßen, rollt der Donner, leuchtet der Blitz, zucken die Blitzstrahlen; sie fahren überall nieder, schlagen in Berge, treffen Bäume, treffen ohne Wahl heilige und unheilige Stätten, töten schuldbeladene und oft auch gottesfürchtige Menschen. 10. Was soll ich erst sagen zu den wechselvollen und unstäten Stürmen, durch die ohne Ordnung und Plan alles ungestüm herumgeworfen wird? Erleiden nicht bei Schiffbrüchen Gute und Böse in gleicher Weise ihr Schicksal ohne Rücksicht auf' Verdienst; finden nicht bei Bränden Unschuldige und Schuldige gleichzeitig ihren Untergang, und wenn die Luft mit verderblichem Krankheitsstoff geschwängert ist, gehen da nicht alle ohne Unterschied zugrunde? Wenn endlich die Kriegsfackel wütet, erliegen da nicht gerade die Besten? 11. Auch in Friedenszeiten stehen die Bösen nicht bloß den Guten gleich, sondern sind sogar geehrt; bei vielen weiß man nicht, ob man ihre Schlechtigkeit verabscheuen oder ihr Glück sich wünschen soll. 12. Wenn die Welt durch eine göttliche Vorsehung und durch eine göttliche Macht regiert würde, so würde einem Phalaris und einem Dionysius niemals ein Königtum, einem Rutilius und Camillus nie die Verbannung, einem Sokrates nie der Giftbecher zuteil werden. 13. Sieh nur, die fruchtbeladenen Bäume, die bereits gebleichten Saaten und die vollsaftigen Reben werden vom Regen verdorben, vom Hagel zerschlagen! So sehr ist es wahr, daß uns die Wahrheit verschleiert und vorenthalten wird, so daß wir sie nicht fassen können; glaubhafter freilich ist: es herrscht in wechselnden und schwankenden Zufällen ohne Gesetzmäßigkeit das Schicksal.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger