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Apologeten, Frühchristliche - Octavius

XVII.

1. Ich habe nun nichts dagegen, wenn Caecilius vorzugsweise den Nachweis versucht hat, daß der Mensch sich selbst kennen und Umschau halten solle nach seinem Wesen, seinem Ursprung und seiner Bestimmung: ob er ein Gebilde aus den Grundstoffen oder ein Atomengefüge oder vielmehr von Gott erschaffen, gestaltet und beseelt sei. 2. Aber eben dies können wir nicht gründlich erforschen ohne eine Untersuchung über das Weltall. Denn beide Probleme sind so unzertrennlich miteinander verknüpft und verkettet, daß man das Wesen der Menschheit nicht erkennt, wenn man nicht auch das Wesen der Gottheit sorgfältig zu ergründen sucht, ebensowenig wie man Staatsgeschäfte gut führen kann, ohne den gesamten Staatsorganismus des Weltalls erkannt zu haben. Wir unterscheiden uns ja ohnedies von den wilden Tieren dadurch, daß sie, weil gebückt und zur Erde geneigt, nur zum Futtersuchen bestimmt sind. Wir jedoch, mit erhobenem Antlitz, mit dem Blick zum Himmel, mit Sprache und Vernunft, durch die wir Gott erkennen, erfassen und ihm nachstreben, dürfen und können die sich unsern Augen und Sinnen aufdrängende Herrlichkeit des Himmels nicht außer acht lassen. Es käme sogar einer Entweihung des Heiligsten gleich, im Staub zu suchen, was man in der Höhe finden soll. 3. Um so mehr scheinen mir Leute, welche glauben, dieser kunstreiche Weltenbau sei nicht nach göttlichem Plane errichtet, sondern habe sich durch beliebige planlos aneinanderklebende Brocken zusammengeballt, keinen Verstand und Sinn, ja keine Augen zu haben. 4. Denn was kann so offenkundig, so unbestreitbar und so klar sein wenn man die Blicke gen Himmel erhebt und alles unter und um uns prüft, als die Tatsache, daß es ein Wesen von ganz her vorragender Geisteskraft gibt, welches die ganze Natur belebt, bewegt, ernährt und regiert?

5. Schau nur den Himmel selbst an: wie weit dehnt er sich aus, wie rasch dreht er sich; des Nachts prangt er im Sternenglanze und am Tage wird er vom Sonnenlicht bestrahlt. Du erkennst daraus, welch wunderbares, ja göttliches Gleichgewicht der höchste Leiter in ihm wirken läßt. Sieh auch, wie der Sonnenumlauf das Jahr schafft und wie der Mond durch Zunahme, Abnahme, Verschwinden den Monat bestimmt. 6. Was soll ich sagen von dem immer wiederkehrenden Wechsel von Finsternis und Licht, wodurch wir abwechselnd Arbeit und Ruhe haben? Eine eingehendere Erörterung über die Gestirne, wie sie den Schiffskurs bestimmen oder die Zeit für Saat und Ernte ankünden, müssen wir den Astronomen überlassen. Es sind das Dinge, von denen jedes eines höchsten Baumeisters und einer vollkommenen Vernunft nicht bloß zur Erschaffung, Entstehung und Anordnung bedurfte, sondern auch ohne die größte Kraftanstrengung des Geistes nicht einmal empfunden, durchschaut und begriffen werden kann.

7. Weiter! Die Jahreszeiten und die Früchte der Erde folgen einander in bestimmter Abwechslung. Bezeugt da nicht der Frühling mit seinen Blüten, der Sommer mit seinem Erntesegen und der Herbst mit seinen lieblichen reifen Früchten wie der Winter mit den nötigen Oliven ihren Schöpfer und Stifter? Wenn diese Ordnung sich nicht auf die höchste Vernunft gründete, würde sie leicht gestört. 8. Welch weise Fürsorge bekundet es, damit nicht bloß ein beständiger Winter mit seiner eisigen Kälte erstarren mache oder bloß ein beständiger Sommer mit seiner Hitze versenge, die gemäßigte Temperatur des Herbstes und Frühlings dazwischen zu schieben; so folgen sich die Übergänge des Jahreskreislaufs unvermerkt und unschädlich auf ihrer Bahn.

9. Blick hin auf das Meer! Es wird begrenzt durch die Schranken des Ufers. Betrachte die verschiedenen Arten der Bäume, wie sie aus dem Schoße der Erde Leben empfanden. Schau auf den Ozean! In wechselnden Strömungen flutet er hin und zurück. Sieh die Quellen! Sie entströmen unversiegbaren Adern. Betrachte die Flüsse! Rastlos in steter Bewegung gleiten sie dahin. 10. Was soll ich reden von der zweckmäßigen Verteilung der steilen Bergeshöhen, der wellenförmigen Hügel und der ebenen Gefilde? Was soll ich sagen von den vielgestaltigen Schutzwaffen der Tiere gegeneinander? Die einen sind mit Hörnern bewaffnet, die andern mit Zähnen beschirmt und mit Klauen versehen, mit Stacheln bewehrt oder durch die Schnelligkeit ihrer Füße oder die Schwungkraft ihrer Federn geschützt. 11. In hervorragendem Maße bezeugt schon die Schönheit unserer eigenen Gestalt einen schöpferischen Gott: der aufrechte Gang, das erhobene Antlitz, die am höchsten Punkt wie auf einer Warte angebrachten Augen und alle andern Sinne, welche wie auf einer Burg sich zusammenfinden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger