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Syrische Dichter - Ausgewählte Gedichte des Jakob v. Batnä in Sarug
1. Gedicht über das Sprachenwunder am Pfingstfest.

1.

[S. 271] Öffne mir gütigst, o Herr, die Türen Deiner Schatzkammer, auf daß ich klug und verständig all den Reichtum hole und ans Licht bringe! Verleihe mir das rechte Wort, auf daß ich über deine Größe spreche, und eine laute Stimme, damit ich den ganzen Tag über Deine Herrlichkeit verkünde! Lebendig werden möge in mir die staunenerregende Erzählung von Deinen Gaben und in den Zuhörern Bewunderung und Liebe zu Deinem Worte! In der Kraft Deines Wortes möge mein Wort in alle Fugen dringen, um aus Deiner Wissenschaft alle Reichtümer zusammenzutragen! Hauche mir ein Deinen Geist und ich will meine Stimme zu einem Lobgesang auf Dich erheben, verleihe mir die Gabe des Wortes und ich will der Verteidiger Deiner Wahrheit sein! [10] O Du, der Du die Sprachen im Lande Babel verwirrt hast, gib mir die Sprache der Wahrheit und ich will Dir in derselben lobsingen! O Lehrer, dessen Stab voll der Weisheit ist, in Dir möge ich mit Weisheit erfüllt wer- [S. 272] den, um über Deine Wunderwerke zu sprechen! Ein geheimnisvolles Buch, von dem alle Weisheit kommt, hat mich mit Deiner Lehre erfüllt, Tag für Tag bietet es seine Schätze an. Aus der Bestrafung1 jener, die sich gegen Dich empört2 haben, kann jeder lernen, daß Du die lautere Liebe bist gegen jene, die sich bemühen, sich unter Deinen Schutz zu flüchten. Wie soll ich den Urteilsspruch, der über die Söhne Babels erging, nennen? Bedeutet er wirklich eine Strafe oder nicht vielmehr ein Gnadengeschenk, voll des Reichtums? [20] Flechtet also, liebe Zuhörer, einen Kranz von Lobpreisungen jener Barmherzigkeit, die in jeder Notlage sich derer erbarmt, die sich zu ihr wenden! Es empörten sich die Babylonier, schon hat er den Stab erhoben, um sie zu schlagen, aber unter dem Schlag entspringt lautere Gnade und bereichert sie. Nach Sprachen trennte er sie, Stamm für Stamm, siehe, das ist die Gabe, die ihnen unter dem Titel einer Bestrafung verliehen ward. Er zerstreut sie wegen eines Bündnisses voll von Treulosigkeit, er bringt sie aber zugleich wieder in Ordnung mittels einer mit Strenge gepaarten Liebe. Da sie gegen ihn sündigten, lehrte er sie ohne ihr Verdienst Sprachkenntnisse, wenn sie sich aber nicht gegen ihn versündigt hatten, was hätte er wohl da getan? [30] Da die einzelnen Völker sich gegen ihn erhoben, brachte er sie zur Ruhe. Hätten sie sich aber nicht empört, welche Wohltaten hätte er ihnen wohl dann erwiesen? Die Sprachen verwirrte er daselbst gleichsam zur Strafe seines Zornes und fortan verbreitete sich von dort aus die Kenntnis der Sprachen über die ganze Welt. Ein kundiger Lehrer unterrichtete sie in den Sprachen, verteilte sie und gab jedem einzelnen Volk seine Sprache. Seine Lehre stieg herab wie der Regen auf ihre Stimme und es sproßten die Laute der verschiedenen Sprachen auf ihren Lippen. Großen Reichtum goß er über die Bedürftigen aus und mit einer unschätzbaren Wissenschaft bereicherte er sie. [40] Siehe, ihre Züchtigung ward der ganzen Welt zum Schmuck, so daß sie in reichem Maße in neuen Sprachen redete.

[S. 273] Barmherzigkeit hatte sich von oben über die Babylonier ergossen und mit Sprachen hat sie der Herr wie mit Gold bereichert. Wenn er erzürnt gewesen wäre, als er die Teilung beschloß, warum trennte er dann nicht die Männer und Frauen von einander? Daß er dagegen voll der Barmherzigkeit war, magst du daraus abnehmen, daß er dem Manne und seiner Frau sowie seinen Kindern die nämliche Sprache gegeben. Nach Stämmen teilte er sie damals und wies ihnen ihre Wohnsitze an, in die sie wandern sollten. [50] Wie mit einem charakteristischen Merkmal unterschied er sie von einander durch ihre Sprache in einzelne Völker, auf daß sie die Erde in Besitz nähmen, die noch wüst und leer da lag. Denn was gab es für ein anderes Mittel, sie, die eng beisammen wohnten, zu trennen, als zu bewirken, daß der eine die Sprache des andern nicht mehr verstand! Damit sie es nicht so schmerzlich empfänden, wenn sie in verschiedene Gegenden geschickt würden, veranlaßte er gewissermaßen einen Zwiespalt unter ihnen selbst und teilte sie so. Während der Abfall von Gott sie eng aneinander geschlossen hatte, verwirrte er sie und inmitten der Not vergaßen sie ihre Zusammengehörigkeit. Dem einen Stamm gab er in seiner Weisheit diese Sprache, dem andern jene und so wurden sie, die vorher zusammenlebten, einander fremd. [60] Wenn sie nicht strafweise voneinander getrennt worden wären, hätten sie ihren Wohnort, den sie nun einmal liebgewonnen, nie verlassen und wären nie ausgewandert. Wenn nicht durch liebevolle Fürsorge ihre Sprache verwirrt worden wäre, hätten sie ihre Heimat, an der sie so sehr hingen, bis zum Tode nicht preisgegeben. Denn jedem Menschen ist seine Heimat lieb und das Haus seiner Angehörigen; solche Liebe zu ihrer Stadt beseelte auch die Bewohner von Babylon. Als nun der Herr sich ihrer erbarmte, um ihnen ihre Wohnorte anzuweisen, teilte er ihre Sprache und Babel selbst kam das zugute, denn es war überfüllt. Welch eine Gabe, die den Ungerechten ohne ihr Verdienst zuteil wurde! Welch großer Reichtum, der mittels eines Richterspruches ausgeteilt wurde! [70] Denn daß die Sprachenteilung eine Gnadengabe war, das muß der Verständige einsehen, wenn er es sich [S. 274] vollständig klar macht. Siehe, den Aposteln wurde durch die übergroße Liebe verliehen, so viel sie wollten in den einzelnen Sprachen zu reden. Es war das ein reiches Geschenk, das da den Aposteln gesandt wurde, daß sie nämlich in anderen Sprachen reden konnten, obwohl sie dieselben nie gelernt hatten.

Reden will ich über die Babylonier und über die Jünger, über die Verwirrung und über die Verteilung der Sprachen. Ich will die Erzählung vom babylonischen Turm mit jener verbinden, die im Abendmahlssaale spielt und es soll eine Belehrung voll der Wahrheit für die Zuhörer werden. [80] Denn auch Petrus nannte die geliebte Schar der Jünger „auserwählte Gemeinde von Babylon“3. Er hörte eben die Zungen, die in ihr in reichem Maße redeten und darum nannte er sie in seinem Schreiben „Babylon“, in dem alle Sprachen geteilt worden waren. Hat sie ja doch die neue Wissenschaft gelernt, ohne die Kunst des Lesens zu verstehen, und ist sie ja doch reichlich mit Rednern versehen, ohne daß sie Lehrer gehabt. In allen Sprachen versteht sie zu reden und so gleicht sie Babel an Lauten, Worten und Sprachen. [90] Siehe, diese Jüngerschar singt, ohne es gelernt zu haben, Tag für Tag das Lob Gottes in neuen Sprachen! Im Hinblick auf sie, die in ihren Versammlungen in verschiedenen Sprachen reden, nannte Petrus die Gemeinde „Babylon“. Auch ich will also, so weit ich es vermag, in meiner Belehrung die beiden Babel verbinden und den Reichtum ihrer Sprachen verkünden. Ich will jetzt sprechen über den Abendmahlssaal im Lande der Juden, denn er ist mit der Erzählung von Babel gemeint, wie wir gesagt haben.

1: Im Originaltexte Wortspriel.
2: Im Originaltexte Wortspriel.
3: 1 Petr. 5, 13, eine Stelle, die nach der gewöhnlichen Erklärung auf die Gemeinde in Rom bezogen wird.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter
Einleitung über Leben und Schriften Jakobs von Sarug

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger