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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Schriften über "Göttliche Namen" (De divinis nominibus)
Dreizehntes Kapitel: Über das Vollkommene und das Eine

§ 3.

Außerdem muß man auch das wissen, daß gemäß des (vorher) erfaßten Gattungsbegriffes (Idee) eines jeglichen einzelnen Einen die geeinten Dinge als geeint bezeichnet werden und daß das Eine das Grundelement von allem ist. Wenn man nämlich das Eine wegnimmt, dann wird es weder ein Ganzes noch einen Teil noch irgend etwas anderes von Seiendem geben. Denn das Eine enthält alles in sich eingestaltig vorausgenommen und umschlossen. Auf diese Weise also feiert die Offenbarung die ganze Urgottheit durch den Namen des Einen als die Ursache von allem, und es ist ein Gott der Vater und ein Herr Jesus Christus1 und ein und derselbe Geist2 durch die überintensive Ungeteiltheit der ganzen göttlichen Einigkeit, in welcher alles einheitlich gesammelt und übergeeint und überwesentlich ehevor ist. Deshalb wird auch alles mit Recht auf sie zurückgeführt und übertragen, denn von ihr und in ihr und zu ihr hin ist alles und ist zusammengeordnet und beharrt und wird zusammengehalten und abgeschlossen und (dem Ausgang) zugekehrt. Und du möchtest kein Ding finden, das nicht durch das Eine, nach welchem die ganze Gottheit überwesentlich benannt wird, gerade das ist, was es ist, und als solches vollendet und erhalten wird. Und auch wir müssen uns durch die Kraft der göttlichen Einheit aus der Vielheit dem Einen zukehren: und der Einheit entsprechend die ganze und eine Gottheit feiern, jenes Eine, das Ursache von allem ist, das eher ist als jedes Eine und jede Vielheit, als jeder Teil und jedes Ganze, als jede Grenze und jede Unbegrenztheit, als jedes Ende und jede Unendlichkeit. Dieses [S. 155] Eine, das alles, was ist, und auch das Sein-an-sich und das Sein von allem und allem Ganzen bestimmt, ist auf einartige Weise Ursache zugleich mit und vor allen Dingen und über dem Einen-an-sich und bestimmt (begrenzt) das Eine-an-sich, weil das Eine-an-sich, das in dem Seienden ist, unter die Zahl fällt. Die Zahl aber hat Anteil an Wesenheit.3 Das überwesentliche Eine aber bestimmt auch das seiende Eine und jegliche Zahl und ist selbst Prinzip und Ursache, Zahl und Ordnung des Einen und der Zahl und jedes Seienden. Deshalb ist auch die über alles erhabene Gottheit, wenn sie auch als Monas und Trias gefeiert wird, weder als eine Monas noch als eine Trias von uns oder irgendeinem andern Wesen (eigentlich) erkannt,4 sondern um das Übergeeinte und das Gottzeugende in ihr in Wahrheit zu feiern, benennen wir die Gottheit, die über jeden Namen erhaben ist, mit den Namen Monas und Trias, das Überwesentliche mit Namen von existierenden Dingen. Aber keine Monas oder Trias oder Zahl oder Einheit oder Zeugungsmacht oder irgend etwas von dem, was ist, oder was irgend jemand von existierenden Dingen erkannt hat, enthüllt die über jeden Begriff und jeden Verstand hinausliegende Heimlichkeit der Über- [S. 156] gottheit, die über alles überwesentlich hinaus entrückt ist. Es gibt keinen Namen und keinen Begriff von ihr, sie ist in das Unzugängliche erhoben. Nicht einmal den Namen Güte glauben wir ihr zutreffend beizulegen; nur aus Verlangen, über jene unaussprechliche Natur etwas zu erkennen oder zu sagen, weihen wir ihr in erster Linie den ehrwürdigsten aller Namen.5 Hierin dürften wir wohl auch mit den Verfassern der heiligen Schriften übereinstimmen, aber hinter der Wahrheit der tatsächlichen Verhältnisse werden wir weit zurückbleiben. Deshalb haben auch jene selbst dem Aufstieg durch die negativen Prädikate den Vorzug gegeben.6 Denn dieser zieht die Seele von der ihr gleichartigen Welt ab und bereitet ihr einen Weg durch alle jene göttlichen Erkenntnisse hindurch, welchen das über Name, Wesen und Erkenntnis erhabene Wesen entrückt ist, und verbindet zuletzt von allem die Seele mit dem Göttlichen, soweit unser Verbundenwerden mit ihm möglich ist.

1: 1 Kor. 8, 6.
2: Ebd. 12, 11.
3: Das System des Proklus ist (nach dem Vorgange Plotins) ganz und gar von der Idee beherrscht, daß man dem Einen gleichförmig werden müsse, um mit dem göttlichen Einen verbunden zu werden. Daher das Axiom τὸ ὅμοιον τῷ ὁμοίῳ. In den gleichen Gedanken bewegt sich Dionysius, wenn er von dem Eingehen des Hierarchen in sein eigenes Eine spricht. Vgl. EH. III, III 3. Bei den Mystikern kehren die entsprechenden Ausdrücke: oberste Spitze, Blüte, Fünklein etc. weder (s. meine Übersetzung der Stelle EH. III, III 3. Anm. 1) Vgl. Greg. v. Nazianz or. 30, 6 ὅταν μηκέτι πολλὰ ὦμεν, ὅλοι θεοειδεῖς.
4: Pachymeres fühlte sich schon genötigt, vor einem Mißverständnis dieser Worte οὐκ ἔστι μονὰς οὐδὲ τριὰς — ὑπερούσης ὑπερθεότητος zu warnen. Man müsse διεγνωσμένη mit οὐκ ἔστι verbinden; die Gottheit ist von uns nicht ernannt, inwiefern sie Monas und Trias ist (ἅτε μονὰς … ἅτε τριάς ἐστι). Er beruft sich auf Βασίλειος καὶ Γρηγόριος οἱ θεῖοι.
5: Vgl. oben DN. I 5. Wiederkehrende Gedanken s. MTh. I 2. 3. Vgl. auch CH. II 3. Über die ἀγαθότης θεοῦ s. oben DN. IV 1 ff.
6: Vgl. oben über apophatische und kataphatische Theologie S. 127 DN. I 5; II 7; XIII 3. CH. II 3. MTh. I 2; IV, V.

 

 

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Dionysius Aeropagita über heilige Namen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger