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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Schriften über "Göttliche Namen" (De divinis nominibus)
Siebentes Kapitel: Über die Weisheit, den Verstand, die Vernunft, die Wahrheit, den Glauben

§ 2.

Aus ihr haben die intellegiblen und die intellektuellen Mächte der Engelgeister ihre einfachen und seligen Erkenntnisse. Nicht in geteilten oder aus geteilten Momenten oder aus Sinneswahrnehmungen oder aus diskursivem Ratiozinium bilden sie ihre göttliche Erkenntnis, noch werden sie von irgendeinem allgemeinen Grundsatz bestimmt, sondern von aller Materie und Vielheit gereinigt erkennen sie auf geistige, immaterielle, eingestaltige Weise das Erkennbare des Göttlichen. Ihnen ist die Kraft und Energie des Erkennens von der unvermischten und makellosen Reinheit durchstrahlt und die göttlichen Erkenntnisse zusammenschauend zu fassen befähigt, weil sie auf Grund des unteilbaren, immateriellen und gottähnlichen Einen der Engelnatur durch die Wirkung der göttlichen Weisheit dem göttlichen, überweisen Verstandes- und Vernunftvermögen nach Möglichkeit nachgebildet ist.

Die Seelen ferner haben das vernunftgemäße Erkennen, indem sie diskursiv und in Kreisbewegung um die Wahrheit der Dinge sich bemühen (in konklusiven Folgerungen).1 Allerdings stehen sie infolge des partikulären und mannigfachen Charakters ihrer verschieden sich spiegelnden Erkenntnis hinter den eingestaltigen Geistern zurück, aber durch den Zusammenschluß des Vielen zum Einen werden sie doch, soweit es den Seelen entsprechend und möglich ist, der engelgleichen Erkenntnisse gewürdigt. Aber selbst in Hinsicht auf die Sinneswahrnehmungen dürfte einer nicht fehlgehen, wenn er sie als einen Widerhall der Weisheit bezeichnete.2 Ist ja [S. 117] auch der Intellekt des Dämon, sofern er Geist ist, aus ihr. Insoweit er aber ein unvernünftiger Geist ist, der das Ziel seines natürlichen Strebens weder kennt noch begehrt, muß man ihn mit größerem Rechte einen Abfall von der Weisheit nennen. Aber wenn nun die göttliche Weisheit Anfang, Ursache, Begründung, Vollendung, Bewahrung und Abschluß der Weisheit-an-sich und aller Weisheit und jeglichen Verstandes und jeglicher Vernunft und aller Sinneswahrnehmung genannt worden ist, wie wird dann Gott selbst, der Überweise, als Weisheit und Verstand und Vernunft und Erkenntnis gefeiert? Denn wie wird er etwas vom Intelligiblen erkennen, da er keine Akte des Erkennens vollzieht? Oder wie wird er das sinnlich Wahrnehmbare erkennen, da er über jegliche Sinneswahrnehmung erhaben ist? Und es sagen doch die Schriften, daß er alles wisse und daß nichts der göttlichen Erkenntnis entgehe. Aber, wie ich schon oft gesagt habe, das Göttliche muß man auf eine Gott geziemende Weise verstehen. Denn die Negation des Intellektes und des Sinnes müssen wir bei Gott nach dem Exzessus, nicht nach Ermangelung (secundum excessum, non secundum defectum) statuieren. Gleichwie wir nämlich das Verstandlose dem Überverständigen und die Unvollkommenheit dem Übervollkommenen und ehevor Vollkommenen zuschreiben, so legen wir auch das unberührbare und unsichtbare Dunkel gemäß dem Übermaß des Lichtes dem unzugänglichen Lichte bei. Demnach umfaßt der göttliche Intellekt alles durch seine alles überragende Erkenntnis und besitzt ehevor in sich die Kenntnis von allen Dingen gemäß der ihnen allen zugrunde liegenden Ursache.3 Bevor Engel wurden, kannte er Engel und rief sie ins Dasein,4 und so kennt er auch alles andere von innen heraus und sozusagen unmittelbar aus dem Urbild und bringt es wesenhaft [S. 118] hervor.5 Diese Wahrheit, denke ich, überliefert uns das Schriftwort, wenn es sagt: „Er, der alles kennt vor seinem Entstehen.“6 Denn der göttliche Intellekt weiß nicht dadurch, daß er von den Dingen die Dinge kennen lernt, sondern aus sich und in sich hat er ursächlich das Wissen und die Kenntnis und das Wesen von allem im vorhinein und hat es ehevor allzumal erfaßt. Denn nicht auf dem Wege, daß er alle einzelnen Dinge in ihrer Idee inne wird,7 sondern gemäß einer Umfassung weiß und umfaßt er alles in der Ursache. So hat auch das Licht ursächlich die Kenntnis der Dunkelheit ehevor in sich und kennt die Dunkelheit von keiner andern Seite als vom Lichte. Weil also die göttliche Weisheit sich selbst erkennt, deshalb erkennt sie alles, auf immaterielle Weise das Materielle, auf ungeteilte Weise das Geteilte und die Vielheit auf eingestaltige Weise, indem sie unmittelbar im Einen alles erkennt und ins Dasein ruft.8 Denn wenn Gott gemäß einer Ursache allem Seienden Anteil am Sein gibt, so wird er auch gemäß der gleichen einzigen Ursache alles wissen, da es aus ihm ist und in ihm ehevor schon besteht, und er wird nicht von den existierenden Dingen die Kenntnis derselben schöpfen, sondern jeglichen von ihnen die Kenntnis von sich selbst und andern die Kenntnis von andern verleihen. Gott hat also nicht eine eigene Kenntnis von sich selbst und eine andere wieder, welche alles Seiende auf gemeinsame Weise zusammenfaßt. Denn da die Allursache sich selbst erkennt, so wird sie doch wohl schwerlich über das, was von ihr stammt und dessen Ursache sie ist, in Unwissenheit sein. Auf diese Weise also erkennt Gott das Seiende, nicht durch die von den Dingen vermittelte Wissenschaft, sondern durch die [S. 119] Kenntnis seiner selbst. Denn die Schrift sagt ja auch von den Engeln, daß sie die Dinge auf der Erde nicht deshalb wissen, weil sie dieselben etwa als sinnlich wahrnehmbare durch Sinneswahrnehmungen erkennten, sondern gemäß der eigentümlichen Kraft und Natur ihres Geistes.9

1: Vgl. oben DN. IV 9.
2: τῆς σοφίας ἀπήχημα, die „obscura resonantia“ nach den Scholastikern.
3: Vgl. Prokl. in Plat. theol. IV 5 τῷ τὰς αἰτίας … ἐν ἑαυτοῖς ἔχειν (γιγνώσκουσιν οἱ θεοί).
4: πρὶν ἀγγέλους γενέσθαι εἰδὼς καὶ παράγων ἀγγέλους.
5: ἀπ’αὐτῆς … τῆς ἀρχῆς εἰδὼς καὶ οὐσίαν ἄγων (τὰ πάντα)
6: Dan. 13, 42.
7: οὐ κατ’ἰδέαν ἑκάστοις ἐπιβάλλων.
8: τὰ πάντα γιγνώσκουσα καὶ παράγουσα.
9: Vgl. Thom. v. Aq. p. I qu. 55 a. 2; Lessius de perfect. div. cap. 1. Man vermeint in diesen Ausführungen des Dionysius die mittelalterlichen Scholastiker zu hören, „Das göttliche Erkennen ist wesenhaft, unabhängig, unmittelbar und intuitiv“ (Specht-Bauer I 81).

 

 

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Dionysius Aeropagita über heilige Namen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger