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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Schriften über "Göttliche Namen" (De divinis nominibus)
Viertes Kapitel: Über das Gute, das Licht, das Schöne, die Liebe, die Ekstase, den Eifer und auch über das Thema, daß das Übel weder ein Seiendes, noch aus dem Seienden, noch in dem Seienden ist.

§ 4.

Aber was uns inzwischen entglitten und entschlüpft ist, das Gute ist auch die Ursache der Auf- und Untergänge des Himmels, dieser Substanz ohne Zunahme und ohne jede Veränderung, sowie der lautlosen (wenn man so sagen darf) Bewegungen des riesigen Himmelumschwungs, der Ordnungen der Sterne, ihrer Schönheiten, Lichter und festen Stellungen, der Bewegung einiger weit hin und her irrender Sterne, des periodischen Umlaufes der beiden Leuchten, welche die Schrift die großen nennt,1 von demselben Ausgangspunkt und zu demselben Zielpunkt, wodurch unsere Tage und Nächte geschieden, Monate und Jahre abgemessen werden, um die Umlaufsbewegungen der Zeit und der zeitlichen Dinge abzugrenzen, zu zählen, zu ordnen und zusammenzuschließen.

Was aber möchte einer über den Sonnenstrahl an und für sich betrachtet sagen? Denn das Licht stammt vom Guten und ist ein Bild der Güte. Deshalb wird auch das Gute mit dem Namen „Licht“ gepriesen, weil sich das Urbild im Abbild offenbart. Gleichwie nämlich die Güte der alles übersteigenden Gottheit von den höchsten und vornehmsten Wesen bis zu den untersten herabdringt [S. 61] und doch über allen ist, da weder die obern Wesen die Überhoheit derselben (Güte) überragen, noch die untern aus ihrer Umfassung heraustreten; wie sie vielmehr alles erleuchtet, erschafft, belebt, zusammenhält und vollendet, wie sie das Maß aller Wesen, deren Äon, Zahl, Ordnung, Umfassung, Ursache und Endziel ist: so erleuchtet auch das strahlende Abbild der göttlichen Güte, diese große, durch und durch lichte, immer flammende Sonne, wie ein vielgestaltiges Echo des Guten,2 alle Körper, die an ihr teilnehmen können, und hat von obenher ihr Licht ausgebreitet und läßt den Glanz der ihr eigenen Strahlen über die ganze sichtbare Welt, Höhen und Tiefen, dahinfluten. Und wenn irgendein Wesen nicht daran teilnimmt, so ist das nicht eine Folge ihrer kümmerlichen oder unzulänglichen Lichtspendung, sondern Schuld der Körper, welche wegen der Untauglichkeit für Lichtaufnahme zur Teilnahme am Lichte nicht erschlossen sind. Ohne Zweifel geht der Strahl durch viele Dinge dieser Art einfach hindurch und beleuchtet das hinter ihnen Liegende, und es gibt nichts in der sichtbaren Welt, wohin er nicht, entsprechend der [S. 62] übergroßen Stärke des eigenen Glanzes, dringen könnte.3 Auch zum Entstehen der sinnfälligen Körper trägt der Lichtstrahl bei, bewegt, nährt und fördert sie zum Leben, vollendet, reinigt und verjüngt sie. Das Licht ist Maß und Zahl der Jahreszeiten, der Tage und all unserer Zeit. Denn es ist gerade das Licht (wenn es auch damals noch ungeformt war), von dem der göttliche Moses sagte, daß es auch jene erste Dreizahl unserer Tage [S. 63] unterschieden habe (Gen. 1, 19). Und wie die Güte alles zu sich hinkehrt und als ureinheitliche und einsmachende Gottheit von Urbeginn Sammlerin des Zerstreuten ist, so strebt auch alles nach ihr als dem Anbeginn, dem Halt und der Vollendung hin. Das Gute ist es, aus dem (wie die Schrift sagt) alles seine Subsistenz gewonnen hat und, weil von einer allvollkommenen Ursache ins Dasein gerufen, wirklich existiert. Das Gute ist es, auf dem alles zusammen beruht und gleichwie auf einem allgewaltigen Wurzelstock4 bewahrt und festgehalten wird und zu dem als dem eigentümlichen Ziele eines jeden Dinges alles sich hinkehrt und nach dem alles begehrt: die intellektuellen und vernünftigen Wesen auf dem Wege der Erkenntnis; die sinnbegabten Wesen auf eine den Sinnen gemäße Weise; die empfindungslosen Dinge durch die ihnen eingesenkte Bewegung des Lebenstriebes; das Leblose und mit einfachem Sein Begabte durch die Tauglichkeit zur Teilnahme am schlichten Sein. In dem gleichen Verhältnis, als ein klares Abbild, einigt und kehrt auch das Licht alles zu sich hin, alles was sieht, was sich bewegt, was beleuchtet wird, was erwärmt wird, was überhaupt von seinen Strahlen umfangen wird. Daher auch der Name „Helios“, weil die Sonne alles versammelt hält (ἀολλῆ)5 und auch das Zerstreute zusammenführt. Alle sinnfälligen Dinge streben zu ihr hin, sei es daß sie nach Sehen oder nach Bewegung oder nach Erleuchtung oder Erwärmung oder überhaupt nach Erhaltung durch das Licht begehren. Keineswegs aber will ich nach der Lehre [S. 64] des (heidnischen) Altertums sagen, daß die Sonne Gott und Schöpfer dieses Universums sei und die sichtbare Welt nach ihrem eigenen Ermessen regiere, sondern vielmehr, es werde, was an Gott unsichtbar ist, von Erschaffung der Welt an durch die geschaffenen Dinge erkannt und geschaut, seine unsterbliche Macht und Gottheit.6

1: Gen. 1, 16.
2: Eine von Dionysius bevorzugte bildliche Vorstellung ist das hier erwähnte ἀπήχημα … „Nachhall des Guten“, der in mannigfacher Form sich in den Dingen offenbart. Vgl. DN. IV 20, wo in ähnlicher Weise gesagt wird, daß das Gute den geschaffenen Dingen je nach ihrer Empfänglichkeit in höherem oder geringerem Maße innewohnt. … τὰ δὲ ἀμυδροτέραν ἔχει τοῦ ἀγαθοῦ μετουσίαν καὶ ἄλλοις κατὰ ἔσχατον ἀπήχημα πάρεστι τἀγαθόν. Ebd. Sp. 720 B: Auch der ἀκόλαστος hat noch Anteil am Guten κατ’αὐτὸ τὸ τῆς ἑνώσεως καὶ φιλίας ἀμυδρὸν ἀπήχημα. Nach DN. VI 1 haben selbst die Pflanzen noch Anteil am göttlichen Leben κατ’ἔσχατον ἀπήχημα τῆς ζωῆς. Wie es DN. VII 2 heißt, dürfte man die Sinneswahrnehmungen σοφίας ἀπήχημα nennen. Abermals sagt DN. VII 2 τὰ ἔσχατα τῶν ἀπηχημάτων (τῆς ἀσθενείας); sie werden durch die göttliche Macht noch erhalten. Gleicherweise spielt in der Darstellung der CH. II 4; XIII 3; XV 8 das ἀπήχημα eine Rolle. Interessante Parallelen aus den Neuplatonikern bei Koch 195 f.
3: Mehr als es der freien Wirksamkeit der göttlichen Gnade entspricht, sucht Dionysius das von physikalischen Gesetzen entlehnte Gleichnis vom Lichte und der Wärme für seine Theorie dahin auszubeuten, daß nach strenger, starrer Ordnung die tieferen Ordnungen der himmlischen und kirchlichen Hierarchie durch die höhern erleuchtet werden. So sagt er CH. XIII 3: Der Sonnenstrahl geht durch die erste Materie, welche mehr als die andern durchleuchtbar ist, ohne Widerstand und läßt durch sie hindurch seinen eigenen Glanz heller aufblitzen. Wenn er aber auf die gröberen Stoffe fällt, so wird sein mitgeteiltes Licht mehr verdunkelt … und infolge davon wird der Strahl allmählich bis zur vollständigen Unmöglichkeit des Weiterdringens aufgehalten. Die Wärme des Feuers teilt sich desgleichen mehr den empfänglichem Stoffen mit … An den widerstrebenden, entgegengesetzten Stoffen dagegen erscheint entweder gar keine oder nur eine dunkle Spur der in Feuer verwandelnden Wirkung (während es verwandte Dinge feuerförmig macht und durch dieselben wieder andere erhitzt). Nach demselben Gesetz erfolgt die geistige Lichtspendung in absteigend verminderten Ergießungen. Was für die Engelordnungen gilt, trifft auch zu in der kirchlichen Hierarchie, wie EH. III, III 14 versichert wird: „Das ist die allgemeine schöne Ordnung und Stufenfolge in den Werken Gottes, daß zuerst das heilige Oberhaupt (der Hierarch) in aller Fülle an den Gnaden Anteil nehme … und dann erst den übrigen davon mitteile. Deshalb sind auch diejenigen, welche das göttliche Lehramt vielfach ausüben, bevor sie ihren eigenen Lebenswandel und Zustand damit in Einklang gebracht haben … von der heiligen Amtstätigkeit ausgeschlossen. Wie die feineren und durchsichtigeren Substanzen zuerst mit dem einströmenden Licht der Sonne sich erfüllen und es dann … den Dingen der nächstfolgenden Ordnung vermitteln, so darf es keiner wagen, andern ein Führer zum göttlichen Lichte zu sein, wenn er nicht ganz und gar Gott ähnlich … gestaltet ist.“ Vgl. CH. III 3; IV 1; VII 3, 4 VIII 2; EH. I 1, 2, 3, 5; III, III 10; IV, III 5; V, I 4.
4: ὡς ἐν παντωκρατορικῷ πυθμένι φρουρούμενα καὶ διακρατούμενα. Vgl. DN. X 1 ἐξ αὐτῆς (sc. τῆς θείας ἕδρας) καθάπερ ἐκ ῥίζης παντοκρατορικῆς προάγουσαν καὶ εἰς ἑαυτὴν τὰ πάντα καθάπερ εἰς πυθμένα παντοκρατορικὸν ἐπιστρέφουσαν καὶ συνέχουσαν. S. Programm, Feldkirch 1895 S. 29 zu den Stellen bei Plotin und Proklus.
5: Die Etymologie ἥλιος — ἀολλῆ — (ἀολλής = ἀθροός „alles zuzusammen) ist gleich einigen andern von Dionysius aus trüber Quelle (Kratylus) entnommen. Vgl. DN. IV 7: κάλλος — καλεῖν.
6: Röm. 1, 20. — Die gehobene Schilderung des Helios, zu der Dionysius in Anlehnung an die Hellenen hingerissen wurde, soll nicht den Verdacht erwecken, als ob er gleich ihnen dem Sonnenkult ergeben sei.

 

 

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Dionysius Aeropagita über heilige Namen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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