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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476)
Angeblicher Brief an den Mönch Demophilus
(Ad Demophilum)

An den Mönch Demophilus
Über eigenmächtiges Handeln und Milde

§ 1.

[S. 173] Die Geschichtsbücher der Hebräer, edler Demophilus, erzählen, daß der heilige Moses wegen seiner großen Milde der Schau Gottes gewürdigt worden. Und wenn sie ihn irgendeinmal der Gottesschau beraubt darstellen, so lassen sie ihn erst um die Milde und dann um die Anschauung Gottes gebracht sein. Sie berichten nämlich, daß der Herr ihm zürnte, weil er eigenmächtig den göttlichen Ratschlüssen widerstrebte. Wenn sie ihn dagegen schildern, wie er durch die von Gott ihm bestimmten Würden hochgefeiert erscheint, so wird er deshalb so ehrenvoll gepriesen, weil er die Güte Gottes auf vorzügliche Weise nachgeahmt hat. Er war ja sehr sanftmütig — er wird deshalb der Diener Gottes genannt — und mehr als alle Propheten der Anschauung Gottes würdig. Ja, als einige Verwegene aus Ehrgeiz gegen ihn und Aaron um das Hohepriestertum und die Führung des Volkes stritten, zeigte er sich über alle Ehrsucht und Herrschsucht erhaben und überließ dem Erwählten Gottes die Vorsteherschaft über das Volk.1 Als sie aber sogar wider ihn sich zusammenrotteten, ihn unter Schmähungen auf seine Vergangenheit mit Drohungen überhäuften und beinahe schon zum Angriff auf ihn übergingen, rief der Milde zum guten Gott um Hilfe und sprach freimütig, aber überaus gemäßigt, daß er an all den Übeln, die den Untergebenen zugestoßen, unschuldig sei. Denn er wußte, daß der, welcher mit dem guten Gott vertrauten Umgang pflegt, in mög- [S. 174] lichster Verähnlichung, soweit es immer geschehen kann, nach ihm umgebildet werden und das Bewußtsein haben müsse, daß er gerne der guten Werke sich befleißige. — Was machte ferner David, den Urahn Gottes, zum Liebling Gottes? Eben auch der Umstand, daß er gut, und zwar auch gegen die Feinde gut war. „Ich habe, sagt der Übergute (Gott) und Freund der Gutheit, den Mann gefunden, der nach meinem Herzen ist.2 Und es war sogar ein gütiges Gesetz gegeben, auch für das Zugvieh eines Feindes Sorge zu tragen.“3 Job ferner wurde gerechtfertigt, weil er von Ungute sich fernehielt.4 Auch Joseph (von Ägypten) nahm an den Brüdern, die ihm nachstellten, keine Rache,5 und Abel ging schlicht und ohne Arg mit dem Brudermörder (auf das Feld hinaus).6 Und die göttliche Offenbarung verkündet das Lob aller Guten (Gerechten), die das Böse nicht im voraus planen und nicht zur Schau tragen, ja nicht einmal durch die Bosheit der andern von dem Guten abwendig gemacht werden, sondern vielmehr im Gegenteil die Bösen nach Gottes Weise zu Guten umformen, eingestaltig7 machen und den Reichtum ihres Gutseins auf sie ergießend sie freundlich zum Ähnlichen8 anlocken. — Aber laßt uns zum Höheren emporblicken, bleiben wir nicht stehen bei den Güteerweisen heiliger Männer, künden wir nicht die Guttaten der den Menschen befreundeten Engel, die Mitleid mit den Menschen haben und beim Guten (Gott) Fürbitte für sie einlegen,9 die verderbenbringenden und böse wirkenden Scharen bedräuen,10 über das Unglück sich betrüben und über die Rettung der [S. 175] zum Guten Bekehrten sich freuen,11 und was sonst alles die göttliche Offenbarung über die wohltätigen Engel überliefert.12 Wollen wir vielmehr die heilsam wirkenden Strahlen des wahrhaft guten und überguten Christus ruhig in uns aufnehmen und durch sie zu seinen göttlichen Gnadenwirkungen lichtvoll emporgeleitet werden! Oder ist es nicht ein Zeichen seiner unaussprechlichen, alle Begriffe übersteigenden Güte, daß er allem, was ist, das Sein verleiht und all das ins Dasein gebracht hat,13 und daß er nach seinem Willen alles stets sich verähnlicht und alles nach der Fähigkeit eines jeden einzelnen an ihm Anteil haben soll? Wie erst dann, wenn er sogar die Abtrünnigen mit Liebe umfängt und sich um sie, seine ins Elend versunkenen Lieblinge, bemüht und sie bittet, daß sie ihn nicht verschmähen,14 wenn er sie erträgt trotz ihrer grundlosen Klagen und selbst sie noch entschuldigt? Und wenn er noch mehr ihnen zu dienen verspricht und ihnen, da sie noch ferne sind, gleich bei ihrer Annäherung entgegeneilt und mit ihnen zusammentrifft und sie Leib an Leib umarmend küßt und über das Vergangene gar keine Vorwürfe erhebt, sondern nur für das Gegenwärtige Liebe hat und ein Fest veranstaltet und seine Freunde zusammenruft, die guten natürlich, damit das Haus von lauter Fröhlichen erfüllt sei?15 Demophilus aber, und wenn sonst ein anderer über gute Handlungen sich ärgert, wird mit vollem Rechte zurechtgewiesen, über das, was gut und recht ist, belehrt und so zu einem guten Menschen umgewandelt. Denn wie hätte sich nicht, sagt die Schrift, der Gute über die Rettung der Verlorenen und über das Leben der Toten erfreuen sollen? Sicher nimmt er sogar den kaum von der Verirrung Bekehrten auf seine Schul- [S. 176] tern und ruft die guten Engel zur Freude auf und ist gütig gegen den Undankbaren und läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten16 und gibt sein eigenes Leben für die Entlaufenen hin.17 Du aber hast, wie dein Brief zeigt, sogar den Menschen, der vor dem Priester sich niedergeworfen, den Gottlosen und Sünder, wie du sagst, nachdem du, ich weiß nicht wie, auf eigene Faust zur Stelle gekommen, mit Fußtritten hinweggestoßen. Da bat dann der Arme um Schonung und bekannte, daß er gekommen sei, um Heilung von seinen Sünden zu finden. Du aber fühltest kein Schaudern und hast auch den guten Priester voll Übermut beschimpft, weil er in der Überzeugung, der Mensch sei zu bemitleiden, den Sünder in den Stand der Gerechtigkeit versetzte. Und das Ende! „Hinaus mit dir und deinesgleichen!“, schrieest du den Priester an und bist ins Adyton (ins unzugängliche Heiligtum) eingebrochen wider Fug und Recht und hast das Allerheiligste entehrt. Und da schreibst du uns: „Ich habe das Heilige, das in Gefahr war, besudelt zu werden, vorsichtigerweise gerettet und halte es unversehrt noch in Gewahrsam.“ Jetzt aber vernimm unsere Meinung. Es ist nicht erlaubt, daß ein Priester von den über dir stehenden Liturgen (Diakonen) oder von Mönchen deines eigenen Standes zurechtgewiesen werde, auch wenn er gegen das Göttliche zu fehlen scheint, und wenn er überführt werden sollte, irgend etwas anderes, was verboten ist, getan zu haben. Denn wenn Mangel an Ordnung und rechter Einstellung im Göttlichen herrscht und Übertretung der Gebote und Satzungen ins Spiel kommt, dann ist es sinnlos, für Gottes Ehre die von Gott gesetzte Ordnung umzustoßen. Denn Gott ist nicht in sich geteilt. Wie wird sonst sein Reich festbestehen bleiben?18 Wenn nämlich, wie die [S. 177] Schrift sagt, Gott das Gericht zusteht,19 die Priester aber Engel20 und nach den Hierarchen Boten und Künder der göttlichen Gerichte sind, so lasse dich von ihnen im Göttlichen auf dir geziemende Weise durch Vermittlung der Priester zu gegebener Zeit belehren, durch welche du auch in den Mönchsstand einzutreten gewürdigt wurdest. Oder rufen nicht schon die heiligen Symbole uns dieses zu? Denn nicht so einfachhin ist das Allerheiligste von allem abgeschlossen. In höherem Grade nähert sich ihm die Ordnung der Hochgeweihten (Bischöfe), dann die Rangstufe der Priester, im Anschluß an sie der Stand der Liturgen (Diakone). Dem Chor der Mönche aber sind die Pforten des Allerheiligsten zugewiesen, an denen sie die Weihe empfangen und ihren Standort haben, nicht um sie zu bewachen, sondern zur Wahrung der Rangstufe und zu ihrer eigenen Erkenntnis, daß sie, hinter den Priestern, näher dem Volke stehen. Deshalb stellt der heilige Urheber jeglicher Stufenordnung die heilige Satzung auf, daß sie (die Mönche) an dem Heiligen Anteil haben dürfen; anderen aber, nämlich denen, die dem Innern (des Heiligtums) näher stehen, gewährt sie die Mitteilung (der Mysterien). Denn diejenigen, welche den göttlichen Opferaltar in sinnbildlicher Weise immer umstehen, sehen und hören das Göttliche, das leuchtend vor ihnen enthüllt wird, und gütigen Willens aus den Vorhängen des Göttlichen nach außen hervortretend, zeigen sie nach Gebühr den untergeordneten Mönchen und dem heiligen Volke und den auf dem Wege der Reinigung befindlichen Graden das Heilige, das unberührt bewahrt geblieben ist, bis du gewalttätig in dasselbe eingebrochen bist und das Allerheiligste gegen seinen Willen vor dein Angesicht gewaltsam gezerrt hast. Und da rühmst du dich, das Allerheiligste zu haben und zu hüten, obwohl du nichts ge- [S. 178] sehen, nichts gehört hast21 und nichts von dem besitzest, was den Priestern zusteht, gleichwie du nicht die Wahrheit der heiligen Schriften kennst und sie Tag für Tag zum Verderben der Zuhörer in deinen Reden bestreitest. Wenn irgendein Ethnarch (Statthalter) etwas unternehmen wollte, was ihm vom König nicht aufgetragen worden, würde er mit Recht gestraft werden. Und wenn dem Herrscher, da er freispricht oder verurteilt, jemand aus den umstehenden Untertanen die richterliche Sentenz umzuändern wagte — das nenne ich noch nicht einmal eine förmliche Beschimpfung —, würde er ohne Verzug seines Amtes sicherlich verlustig gehen. Du aber, Mensch, bist so vermessen gegen den Milden und Guten (Gott) und seine hierarchische Satzung. Und das müßte man selbst in dem Falle sagen, daß einer bei ungebührlichem Unterfangen immerhin doch Geziemendes zu tun vermeinte. Denn auch das ist keinem gestattet. Oder was hat denn Ozias Ungehöriges begangen, als er Gott ein Rauchopfer darbrachte?22 Was Saul, da er opferte?23 Was die grimmigen Dämonen,24 da sie wahrheitsgemäß die Gottheit Jesu bekannten? Aber durch die göttliche Offenbarung ist jeder Eindringling in ein fremdes Amt ausgestoßen, und jeder soll nur auf der Stufe des ihm zustehenden liturgischen Dienstes tätig sein.25 Bloß der Hohepriester wird ins Allerheiligste eintreten, und zwar nur einmal im Jahre; die Priester decken das Heilige zu, und die Leviten dürfen auf keinen Fall das Heilige berühren, damit sie nicht des Todes seien.26 Es zürnte der Herr über das vorschnelle Handeln des Ozias,27 und [S. 179] Maria wird mit dem Aussatz geschlagen, weil sie versuchte, dem Gesetzgeber Gebote vorzuschreiben;28 in die Söhne des Skevas fuhren die bösen Geister.29 Er sagt: „Ich habe sie nicht gesendet, und sie liefen von selbst.“ Und hinwieder: „Ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und sie prophezeien nach eigener Willkür.“30 Und abermals: „Wer mir ein Kalb opfert, gilt mir wie ein Hundetöter.“31 Um es kurz zu sagen, die vollkommene Gerechtigkeit Gottes duldet nicht die Übertreter des Gesetzes, und auf ihre Rede: „In deinem Namen haben wir viele Krafttaten vollbracht“, antwortet er: „Ich kenne (euch) nicht; weichet von mir alle, ihr Übeltäter!“32 Mithin ist es also nicht einmal erlaubt, wie die Heilige Schrift sagt, das Rechte auf ungeziemende Weise zu vollziehen. Jeder muß auf sich acht haben, daß er nicht zu Hohes und zu Tiefes im Sinne trage und nur das erwäge, was ihm nach Gebühr zugeordnet ist.

1: Num. 26.
2: Ps. 88, 21.
3: Exod. 32, 4.
4: Job 1, 8; 42, 7.
5: Gen. 50, 20.
6: Ebd. 4, 8.
7: Eine neuplatonische Wendung.
8: Ähnlich wie vorher neuplatonischer Terminus.
9: Zach. 1, 8 f.
10: Offenb. 7, 2.
11: Luk. 15, 7.
12: Tob. 8 ff.
13: Joh. 1, 3.
14: Matth. 11, 20 ff.
15: Luk. 15.
16: Matth. 5, 45.
17: Joh. 10, 11.
18: Matth. 12, 25.
19: Is. 30, 18; Röm. 2, 16.
20: Malach. 2, 7.
21: Vgl. was kurz vorher von den Priestern gesagt ist: „Sie sehen und hören das Göttliche…“ Gerade diese Gaben wollten die Mönche beanspruchen.
22: 2 Paral. 26, 16.
23: 1 Kön. 13, 10; 15, 12.
24: Mark. 3, 12.
25: 1 Kor. 14, 23.
26: Num. 4, 15.
27: 2 Paral. 26, 19.
28: Num. 12, 10.
29: Apg. 19, 14.
30: Jerem. 23, 21.
31: Is. 66 3 nach LXX ὁ θύων μοι μόσχον ὡς ὁ ἀποκτέινων κύνα.
32: Matth. 7, 22.

 

 

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Einleitung: Angeblicher Brief des heiligen Dionysius Areopagita an den Mönch Demophilus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger