Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Angeblicher Brief an den Mönch Demophilus (Ad Demophilum)
An den Mönch Demophilus
Über eigenmächtiges Handeln und Milde

§ 6.

Als ich einst nach Kreta gekommen war, nahm mich der heilige Karpus gastfreundlich auf, ein Mann, der wenn irgendeiner durch seine große Geistesreinheit für die Anschauung Gottes geeignet war. Er wagte sich nämlich nicht an die Feier der heiligen Mysterien, wenn ihm nicht vorher bei den heiligen Vorbereitungsgebeten [S. 186] eine gnädige Vision gewährt worden war. Er erzählte also, daß ihn einst einer aus den Ungläubigen betrübt hätte. Der Grund der Trauer war, daß jener (Heide) einen Christ zum Atheismus verführt hatte zu der Zeit, wo noch die Hilarien1 von ihm gefeiert wurden. Es wäre nun notwendig gewesen, für beide Fürbittgebete zu verrichten und den rettenden Gott zum Mithelfer zu nehmen, um den einen zu bekehren und den andern durch Güte zu besiegen. Man durfte nicht nachlassen in lebenslanger Mahnung bis auf den heutigen Tag und mußte sie auf diese Weise zur Kenntnis Gottes führen, so daß sie die von ihnen bestrittene Wahrheit richtig beurteilten und ihr vermessenes Tun nach Gesetz und Recht vernünftig gutzumachen gezwungen würden. Aber während Karpus früher nie eine derartige innere Erfahrung gemacht hatte, wurde er damals unbegreiflicherweise von einer heftigen Mißstimmung und Bitterkeit erfaßt und schlief in solcher übler Verfassung ein, denn es war Nacht. Um Mitternacht aber — er pflegte nämlich auf diese Stunde zum göttlichen Lobgesang von selbst zu erwachen — erhob er sich, nachdem er vom mehrfach unterbrochenen Schlaf keine ungestörte Ruhe genossen hatte. Obschon er nun trotzdem in den Verkehr mit Gott eingetreten war, ärgerte er sich in unfrommer Weise und war voll Widerwillen und sagte, es sei nicht gerecht, daß gottlose Menschen am Leben blieben und die geraden Wege des Herrn verkehrten. Und bei diesen Worten bat er Gott, das Leben der beiden durch einen Blitzstrahl zu vernichten. Als er aber ausgeredet hatte, schien es, daß das Gemach, in dem er wohnte, erst plötzlich erkrachte und dann an der Decke mitten entzwei gerissen wurde und eine mächtige Feuersäule vor ihm aufloderte, die — denn die Stelle schien bereits unter dem freien Himmel zu sein — vom Himmel bis zu ihm herabreichte; der Himmel aber sei [S. 187] offen gewesen und Jesus auf der Fläche des Himmels erschienen, von zahllosen Engeln wie nach Menschenart umgeben. Dieses Schauspiel habe er in der Höhe gesehen und sich gewundert. Als dann Karpus sich niederbückte, habe er, wie er sagte, auch den Fußboden in einen weitklaffenden und finstern Schlund auseinandergebrochen und jene Männer, die er verflucht hatte, vor sich an dem Rande des Schlundes stehen sehen, wie sie, zitternd und erbarmungswürdig, vor lauter Schwäche in den Füßen schon nahe daran waren, hinabzustürzen. Von unten krochen, wie er sah, aus dem Abgrund Schlangen herauf und ringelten sich um ihre Füße und suchten bald sie wegzuziehen, indem sie durch Heben und Drücken sie an den Schlund heranzubringen trachteten, bald mit den Zähnen oder Schwänzen ihnen heißmachten oder sie kitzelten und auf jede Weise in den Abgrund zu stürzen suchten. Es seien auch einige Mannsgestalten mitten unter den Schlangen gewesen, die zugleich mit ihnen die beiden Männer angriffen, sie rüttelnd, stoßend und schlagend. Es hätte den Anschein gehabt, daß jene Armen bereits dem Sturze nahe waren, einerseits unfreiwillig, anderseits freiwillig, weil von dem Bösen nahezu gezwungen und zugleich überredet. Karpus erzählte, daß er sich beim Blick nach unten gefreut habe, ohne sich um die Vision in der Höhe zu kümmern. Und da er voll Mißmut und Rücksichtslosigkeit war, weil sie noch nicht hinuntergestürzt waren, obwohl er, ohne etwas auszurichten, die Sache wiederholt in Angriff genommen, habe er im Zorn und Ärger ihnen sogar geflucht. Als er endlich einmal wieder emporblickte, habe er wie vorhin den Himmel wieder gesehen, wie Jesus aber aus Mitleid über das Geschehene von seinem überhimmlischen Throne sich erhoben hatte und bis zu ihnen herabgestiegen wäre und seine milde Hand über sie ausstreckte, wie dann die Engel mit Hand an legten und der eine diesen, der andere jenen der beiden Männer zurückhielten, und wie Jesus zu Karpus sagte: [S. 188] „Erhebe deine Hand und schlage mich weiterhin, denn ich bin bereit, wiederum für die Rettung der Menschen zu leiden. Und das tue ich gerne, wenn nur andere Menschen nicht sündigen. Übrigens siehe du zu, ob es gut für dich ist, den Aufenthalt im Abgrund unter den Schlangen gegen die Gesellschaft Gottes und der guten, menschenfreundlichen Engel einzutauschen.“ Das ist es, was ich gehört habe und für wahr halte.2

1: Die Hilarien waren ein zur Ehre der Göttin Cybele am 23. März begangenes Freudenfest.
2: Diese Vision des Karpus wird in ähnlicher Form schon bei Nilus (gest. um 430) erzählt und bereits als eine ἱστορία ἀρχαία bezeichnet. (M. 79, 297 D — 300 C.)

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Angeblicher Brief des heiligen Dionysius Areopagita an den Mönch Demophilus
Bilder Vorlage

Navigation
. An den Mönch Demophilus ...
. . § 1.
. . § 2.
. . § 3.
. . § 4.
. . § 5.
. . § 6.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger