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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Angeblicher Brief an den Mönch Demophilus (Ad Demophilum)
An den Mönch Demophilus
Über eigenmächtiges Handeln und Milde

§ 5.

Das sei ferne! Wir haben nicht einen Hohepriester, der mit unsern Schwächen kein Mitleid haben könnte;1 nein, er ist mitleidig ohne Bosheit. Nicht wird er streiten, nicht laut schreien,2 er selbst ist milde, er selbst ist die Versöhnung für unsere Sünden.3 Daher billigen wir durchaus nicht dein Ungestüm, das nicht nachzuahmen ist, wenn du auch tausendmal einen Phinees und Elias vorschützest. Als Jesus solche Worte hörte, gefielen ihm die damals des milden und guten Geistes ledigen Jünger keineswegs. Denn unser göttlicher Gesetzgeber belehrt in Sanftmut auch die Widersacher gegen die Lehre Gottes.4 Muß man doch die Unwissenden belehren, nicht züchtigen, wie wir auch die Blinden nicht strafen, sondern sogar an der Hand führen. Du dagegen hast dem Menschen, der im Begriffe war, zum Lichte emporzublicken, Backenstreiche versetzt ihn weggestoßen und voll Übermut fortgewiesen, da er mit großer heiliger Scheu herzutrat — darüber muß man wahrlich einen heftigen Schauer empfinden —, den Menschen, den Christus in seiner Güte aufsuchte, als derselbe in den Bergen umherirrte, zu sich heranrief, [S. 185] da er vor ihm floh, und den mühsam Gefundenen auf seine Schultern hob.5 Wollen wir nicht, ich bitte dich, so schlimm über uns selbst beraten sein, wollen wir nicht uns selbst das Schwert in die Brust stoßen. Denn diejenigen, welche versuchen, irgendwelchen Mitmenschen zu schaden oder im Gegenteil ihnen Gutes zu erweisen, können keineswegs im vollen Umfange ihre Absichten verwirklichen, sich selbst aber bereiten sie Schlechtigkeit oder Gutheit, erfüllen sich entweder mit göttlichen Tugenden oder mit unbändigen Leidenschaften. Und die einen werden als Nachahmer und Gefährten der Engel hier und im Jenseits, im vollsten Frieden und frei von allem Übel, für alle Ewigkeit das Erbe glückseligster Ruhe antreten. Die anderen aber werden den Frieden mit Gott und zugleich mit sich selbst verlieren und hier und nach ihrem Tode mit den wilden Teufeln zusammenleben.

Deshalb müssen wir uns mit großem Eifer bemühen, daß wir mit dem guten Gott verbunden bleiben und alle Zeit mit Christus vereinigt seien und nicht zusamt mit den Bösen nach dem gerechtesten Richterspruche (Gottes) ausgeschlossen werden und die von unserer Seite wohl verdiente Strafe erleiden. Das ist es, was ich am meisten von allem fürchte, und mein Wunsch (Gebet) ist es, von allem Übel frei zu bleiben. Und wenn du willst, will ich dich an die Vision eines heiligen Mannes erinnern; lache aber nicht, denn ich werde Wahres erzählen.

1: Hebr. 4, 15.
2: Matth. 12, 19; Is. 42, 2.
3: 1 Joh. 2, 2.
4: 1 Tim. 1, 10.
5: Luk. 15, 5.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Angeblicher Brief des heiligen Dionysius Areopagita an den Mönch Demophilus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger