Josef Stiglmayr, Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie. In: Des heiligen Dionysus Areopagita angebliche Schriften über die beiden Hierarchien. Aus dem Griechischen übersetzt von Josef Stiglmayr. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 2) München 1911. Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
5. Der Verfasser. Am sichersten läßt sich vorab die Zeit datieren, in welcher der merkwürdige Autor seine Schriften erscheinen ließ. Sie ist eingeschränkt auf etwa dreißig Jahre, ungefähr 485—515, denn vor dem Tode des Proklus (†485), dessen Werke so ausgiebig kompiliert und christlichen Interessen dienstbar gemacht sind, mochte D. schwerlich eine solche Publikation wagen. Auch das im Jahre 482 erlassene Henotikon des Kaisers Zeno scheint für D. nicht bloß zu existieren, sondern auch ein besonderes Interesse zu besitzen. Zu der untern Zeitgrenze werden wir durch den Umstand hingeleitet, daß im zweiten Dezennium des 6. Jahrhunderts bereits Verweisungen auf die Areopagitischen Schriften auftreten, bei Severus, Patriarch von Antiochien 512—518, und bei Andreas, Bischof von Cäsarea in Kappadozien, um 520. — Was die Heimat der Schriften betrifft, so muß vor allem Syrien in Betracht kommen. Die frühesten literarischen Zeugnisse über sie stammen zumeist aus Syrien, bzw. Palästina. Die aus den liturgischen Andeutungen zu erschließenden Indizien weisen gebieterisch auf Syrien 1. Gerade dieses Land ist für die allgemeine Entwicklung der mystischen Literatur mit seinen vielen Klöstern von der höchsten Bedeutung gewesen. Syrien bil- [S. 22] dete endlich den fruchtbarsten Nährboden für eine Unmenge pseudepigraphischer Schriften; es war das Land, wo ein Pseudo-Clemens und Pseudo-Ignatius, wo die apollinaristische Schule ihre gefälschten Produkte zu Markte brachten. Gfrörer, Loofs, Frothingham, in neuester Zeit H. Koch u. a. haben sich unter solchen Umständen lieber für Syrien als das mitunter geltend gemachte Ägypten entschieden. Die geistige Physiognomie des Verfassers tritt mehr in schattenhaften als hell beleuchteten Zügen hervor. D. verrät einen hochfliegenden Sinn, Begeisterung für große, umfassende Ideen, Durst nach höchsten Erkenntnissen, unermüdliches Lesen und Betrachten, religiösen Enthusiasmus und pietätsvolle Anerkennung der Autorität. Sein Benehmen gegenüber den äußeren Verhältnissen und den kirchlich-politischen Wirren der Zeit kennzeichnet sich durch berechnete Zurückhaltung, Friedensliebe und Versöhnlichkeit. Die wenigen biographischen Notizen, welche er direkt über sich selber einstreut, müssen aber mit aller Vorsicht aufgenommen werden, weil er, wenn er anders die Fiktion ein Apostelschüler zu sein aufrecht erhalten wollte, nur mit äußerster Behutsamkeit von sich reden durfte. Wenn er als ein Richter vom Areopag erscheinen wollte, so konnte er doch immerhin von sich sagen, daß er im Heidentum geboren und erzogen worden sei (c. h. IX, 3), daß ihm die hellenische Weisheit nicht fremd geblieben (ep. VII, 2) und daß er nach seiner Bekehrung mit großem Eifer die heiligen Schriften (Schweigen über die Väter!) studiert habe (c. h. I, 1. 2. 3 u. s.). Klingt es aber wahrscheinlich, daß er, als nachmaliger, vom heiligen Paulas eingesetzter Bischof von Athen (Euseb. hist. eccl. III, 4), „ein untergeordneter Lehrer Neugetaufter gewesen sei und zu deren Nutzen im Auftrage seiner Obern diese Werke geschrieben habe? Es scheint vielmehr, daß D. gelegentlich aus der Rolle fällt und Widerwillen einige wahre persönliche Andeutungen gibt, die aber natürlich äußerst mager ausfallen. Hier wäre auch die Stelle, nach der wirklichen Tendenz zu fragen, welche den merkwürdigen Mann zur Abfassung seiner Schriften bestimmte. Die Antwort ist ver- [S. 23] schieden gegeben worden. Die einen halten es für wahrscheinlich, daß ein heidnischer Konvertit beim Eintritt in das Licht der christlichen Wahrheiten mit staunendem Enthusiasmus erfüllt worden sei, weil er zwischen dem früher verehrten neuplatonischen System und der jetzt erschlossenen christlichen Gedankenwelt soviele frappante Ähnlichkeiten zu entdecken vermeinte. Im Drange nach einer intellektuellen Ausgleichung habe er dann diese Werke geschrieben, um sich über die wogende Fülle seiner Vorstellungen und Ideen zu orientieren. Dazu kam, wie manche glauben, allerdings auch die gute Absicht, die ehemaligen Gesinnungsgenossen mit dem Christentum zu versöhnen, das ihnen möglichst mundgerecht gemacht werden sollte. Es fehlte auch nicht an Stimmen, welche den Verfasser nur als einen scheinbaren Christen ausgaben, der dem kirchlichen Literatur- und Lebenskreise die äußere Form abgeborgt habe, um seine im Grunde heidnischen und pantheistischen Anschauungen darin zu verstecken. Die ehemaligen Verteidiger der Echtheit der Schriften wagten natürlich keinen Zweifel an der Orthodoxie des Pseudo-Areopagiten, sie vindizierten ihm vielmehr die größten Verdienste um die kirchliche und insbesondere mystische Wissenschaft. Der Dominikaner Lequien durchforschte mit großem Scharfsinn alle Stellen in den christologischen Ausführungen des Verfassers und trug kein Bedenken, ihn als Monophysiten (Petrus Fullo oder einer aus dessen Kreise) zu bezeichnen. Unsere Ansicht haben wir schon im Jahresprogramm 1895 ausgesprochen und sehen keinen Grund davon abzugehen, daß nämlich die Schriften in der Zeitsphäre des kaiserlichen Henotikons (482) entstanden sind und von einem Anhänger jener Mittelpartei herrühren, welche zwischen den schrofferen Monophysiten und den strengeren Orthodoxen eine Einigung herbeizuführen suchte.
1: Vgl. die in der Zeitschr. f. kath. Theol. B. XXXIII (1909) S. 383 jüngst nach Rahmani mitgeteilten Parallelen über die Bischofs-, Priester- und Diakonenweihe.
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