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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Kirchliche Hierarchie (De ecclesiastica hierarchia)
7. Kapitel: Über die heiligen Gebräuche bei der Bestattung der Toten
I. Einleitende Bemerkungen

§ 2.

1) Falsche Ansichten über den Tod:
- a) die materialistische (epikuräische), daß mit dem Tode alles aus sei;
- b) die manichäische, daß die Seele sich des Leibes als eines ihr widerstreitenden Elementes für immer entledi- [S. 191] gen werde;
- c) die pythagoräische, daß eine Seelenwanderung stattfinde;
- d) die chiliastische, daß die Seligen ein materiell irdisches Glück genießen werden. Das Irrige der drei letzten Meinungen findet eine kurze Widerlegung.
2) Den Sündern, welche trotz der Belehrung über den Glauben ihren Begierden nachgelebt haben, werden beim Tode die Augen aufgehen, so daß sie das Gesetz Gottes, das Verderbliche ihrer Lüste und die Größe ihres eigenen Verlustes erkennen.
3) Aber diese Erkenntnis kommt zu spät und das Ende ist ein hoffnungsloses.

Von den Unheiligen haben die einen die törichte Meinung, daß man im Sterben der Vernichtung anheimfalle. Die andern glauben, daß die Verbindung der Leiber mit ihren Seelen einfürallemal gelöst werde, da sie für diese (letztern) in dem gottgleichen Leben und in der seligen Ruhe nicht passe. Aber solche Menschen haben nicht bedacht und sind nicht hinreichend in die göttliche Wissenschaft darüber eingeweiht, daß unser gottähnlichstes Leben in Christus bereits (jetzt auf Erden) begonnen hat. Wieder andere weisen den Seelen die Vereinigung mit fremden Körpern zu. Aber sie begehen nach meiner Ansicht, soviel an ihnen liegt, ein Unrecht an den Leibern, welche mit den göttlichen Seelen die Kämpfe geteilt haben, und berauben sie unbillig, nachdem sie an das Ziel des göttlichsten Wettlaufes gelangt sind, der heiligen Vergeltung1. Andere endlich haben sich unbegreiflich zu ganz materiellen Vorstellungen verirrt und behauptet, die den Gerechten verheißene heiligste und glückseligste Ruhe sei gleichartig dem Leben auf dieser Welt, und haben Genüsse, welche einem veränderlichen Leben eigentümlich sind, frevelhaft den engelgleichen2. Naturen vorgeworfen.

[S. 192] Wer aber zu den heiligsten Männern gehört, der wird nie in dergleichen Irrtümer verfallen. Die wissen im Gegenteil, daß sie nach ihrem ganzen Wesen die Ruhe in Christus finden werden, wenn sie ans Ziel dieses Lebens kommen und sehen den Pfad zu ihrer Unsterblichkeit, weil er bereits näher gerückt ist, in hellerem Lichte. Sie preisen die Gaben der Urgottheit und werden mit göttlicher Freude erfüllt, weil sie den Rückfall ins Böse nicht mehr zu fürchten brauchen, vielmehr bestimmt wissen, daß sie die erworbenen herrlichen Güter sicher und auf ewig besitzen werden.

Was hingegen die betrifft, welche voll Flecken und unheiliger Makeln sind, so wird ihnen, wenn sie je irgend eine heilige Belehrung genossen, aber sie dann selbst zu ihrem Verderben aus ihrem Geiste verbannt haben, um sich den unheilvollen Begierden abtrünnig zuzuwenden, am Ende dieses irdischen Lebens keineswegs mehr das göttliche Gesetz der heiligen Schriften ebenso verächtlich erscheinen. Mit andern Augen werden sie die vergänglichen Lüste ihrer Leidenschaften betrachten und das heilige Leben, dem sie töricht den Rücken gekehrt haben, selig preisen. Aber jämmerlich und gegen ihren Willen werden sie aus dem irdischen Leben gerissen und kein heiliger Hoffnungsstrahl dient ihnen zur Führung, nachdem sie so schlecht gelebt haben3.

1: S. diesen Gedanken ausführlich entwickelt bei Cyrillus v. Jerus. cat. 18, 19 (M. 33, 1040 C) mit den abschließenden Worten: „Weil also der Leib bei allen Werken mitgeholfen hat, so hat er auch im künftigen Leben mit Anteil an dem Geschehenen.
2: Vgl. Luk 20, 36 und Orig. in Ps. 77, 31 (M. 17, 147). Es ist bemerkenswert, daß D. die irrigen Vorstellungen vom „tausendjährigen Reiche“ und der ἀποκατάστασις so entschieden ablehnt, obwohl er sie in manchen seiner literarischen Quellen vertreten fand. Sie sind bereits für ihn antiquiert.
3: Vgl. Sap. 5, 2ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger