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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Kirchliche Hierarchie (De ecclesiastica hierarchia)
6. Kapitel: Über die Stände, welchen Weihen erteilt werden, (ohne daß sie selbst Weihegewalten besitzen)
III. Betrachtng

§ 6.

Lösung des Einwandes, daß dem passiven Reinigungsstande der „Kirchlichen Hierarchie“ kein entsprechendes Glied in der „Himmlischen Hierarchie“ gegenüber stehe, deren Glieder ja alle ohne Makel seien. Der Verfasser erwidert, daß man auch bei den Engeln insofern von Reinigung sprechen könne, als die tieferstehenden Ordnungen derselben in gewissen Dingen, welche für sie noch dunkel sind, von den höherstehenden Choren belehrt und von der Unwissenheit gereinigt würden. Denn zunächst und unmittelbar nehmen nur die ober- [S. 188] sten Engel die Einstrahlungen Gottes in sich auf; sie vermitteln dann die Erleuchtungen den nächstfolgenden, wie in der „Himmlischen Hierarchie“ gezeigt wurde.

Aber du wirst vielleicht einwenden, daß den himmlischen Hierarchien die passiven Reinigungsklassen durchaus fehlen, (denn es ist nicht recht und nicht wahr zu behaupten, daß es irgend eine unreine himmlische Ordnung gebe). Ich nun wollte durchaus zugeben, daß die himmlischen Chöre in jeder Beziehung makellos sind und überweltlich den Charakter vollkommener Heiligkeit besitzen. Müßte ich ja sonst ganz und gar den Sinn für das Heiligste verlieren. Denn wenn einer aus den Engeln von der Sünde überwunden würde, so fiele er aus der himmlischen und ungetrübten Harmonie der göttlichen Geister heraus und geriete mit in den finstern Sturz der abgefallenen Scharen. Aber man kann (immerhin) in einem heiligen Sinne von der himmlischen Hierarchie sagen, daß für die tieferstehenden Naturen die Reinigung darin besteht, daß sie von Gott über die bis dahin noch unbekannten Dinge aufgeklärt werden, wodurch sie zu einem volleren Erfassen der urgöttlichen Erkenntnisse gelangen. Diese Erleuchtung reinigt sie gewissermaßen von der Unwissenheit in jenen Dingen, von denen sie noch kein Wissen hatten, indem sie durch die ersten und göttlicheren Naturen zu den höheren und leuchtenderen Strahlen der Gottesschau emporgeführt werden. In diesem Sinne gibt es auch in der himmlischen Hierarchie solche Stände, welche erleuchtet und vollendet werden und andrerseits solche, welche reinigen, erleuchten und vollenden, sofern die höchsten und göttlicheren Naturen die tieferstehenden heiligen, himmlischen Ordnungen von jeglicher Unwissenheit reinigen (nämlich in den Chören und analogen Stufen der himmlischen Hierarchie), dann sie mit den göttlichsten Erleuchtungen erfüllen und in der allerheiligsten Wissenschaft der urgöttlichen Erkenntnisse vollenden1.

Es ist ja von uns schon gezeigt worden und in den (heiligen) Schriften ist es auf göttliche Weise verkündet daß die himmlischen Ordnungen nicht alle gleich seien sofern es sich um die ganze heilige Erkenntnis der Erleuchtungen der Gottesschau handelt, sondern daß vielmehr unmittelbar von Gott die ersten Chöre und durch diese hinwieder von Gott her die tieferstehenden, ihren Graden entsprechend, mit dem hellsten Glanze des urgöttlichen Strahles erleuchtet werden2.

1: Wenn man D. nicht einer rein tautologischen Erklärung beschuldigen will, daß er nämlich die „Reinigung“ der tiefern Engelklassen doch wieder identisch mit „Erleuchtung“ (= Reinigung von der Unwissenheit) fasse, so muß man annehmen, daß er bei dem erwähnten Reinigungsprozeß ein doppeltes Moment unterscheide, das negative des Wegnehmens der Unwissenheit und das positive der Erfüllung mit Erkenntnis.
2: c. h. VI ff.

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger